Es ist ein sehr passender Zufall: Gerade spreche er viel über Hoffnung, sagt Samuel Koch. Das liege daran, dass er bei den „Hoffnungsfestivals“ auftrete, die lokale Kirchen und Gemeinden und der Verein „Pro Christ“ organisieren. Er redet über Resilienz im Zusammenhang mit Glauben. Trotzdem habe ihn die Frage nach einem Kunstwerk, das ihm Hoffnung gebe, „stark angeregt“, sagt der 37-jährige Schauspieler, der zum Ensemble der Münchner Kammerspiele gehört. Er habe viel über Kunstgattungen nachgedacht, über die eigene Biografie, über das, was ihn schon als Kind inspiriert habe. Schlussendlich ist er dann bei Goethes „Faust“ gelandet. Und dafür muss er etwas ausholen.
„Unorthodox“ nennt er seinen Ansatz. Denn das weltberühmte Drama ist nicht zwingend das erste Stück, das einem im Zusammenhang mit Hoffnung einfällt. Koch hat diesen Begriff weiter gefasst, begreift die Kunst von der Inspiration her, die sie ihm gibt – und damit deutet er sie als etwas Konstruktives, nach vorne Gerichtetes, eben als etwas Hoffnungsvolles.

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Autor und Dramaturg John von Düffel ist von der kommenden Spielzeit an neuer Intendant am E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg. Ein Gespräch mit dem leidenschaftlichen Schwimmer über seinen Neuanfang, literarisches Theater und natürlich über Wasser.
„Faust“ also. Um das zu erklären, fängt Samuel Koch in seiner Kindheit an. Mit fünf sei er für das Kunstturnen entdeckt worden. „Vergesst nicht, dass es sich um Kunstturnen handelt. Es ist nicht einfach nur Turnen“, zitiert Koch einen seiner Trainer. Das machte Eindruck auf ihn, und führte unter anderem dazu, „dass ich für jegliche Form der Bewegung und den Menschen als solchen eine Faszination entwickelte“. Seine Praktika absolvierte er in Sportschulen, aus dem Schulunterricht speicherte er alles aus der Humanbiologie ab, das mit Bewegung zu tun hatte. Und er landete beim Schauspielstudium, weil es auch hier körperbetonte Fächer wie Reiten, Fechten, Tanzen, Steppen, Akrobatik gibt.
„Dann ist absurderweise innerhalb des Studiums genau dieser Teil weggebrochen“, sagt er. Damit bezieht er sich auf seinen Unfall bei „Wetten, dass.. ?“, den er auf seiner Homepage so zusammenfasst: „Ich Holzkopf bin mit dem Kopf gegen ein Auto gerannt und habe mir viermal das Genick gebrochen. Seitdem war es nicht immer einfach. Aber möglich.“
Nach dem Unfall dachte er zwischenzeitlich: „Es gibt nichts Dümmeres, als in meinem Zustand Schauspiel zu studieren.“ Aber er fand einen Text: Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“, in dem es um die Menschwerdung eines Affen geht. Sein interner Arbeitstitel sei „Hommage an die Bewegung“ gewesen, erzählt Koch. Sein Schauspielkollege Robert Lang-Vogel klebte ihn mit Klebeband an sich fest, Koch entdeckte eine andere Ebene der Faszination für die Bewegung. Nämlich, wie es ist, „wenn man sich über ein Jahr überhaupt nicht bewegt hat, den Finger an den Kollegen dranklebt und der Finger sich wieder bewegen kann.“

„Ein Bericht für eine Akademie“ spielten sie zuerst auf einem Ärztekongress, die rund 800 Akademiker applaudierten im Stehen. Dann gingen sie auf Tour. Mit etwas, das an die Bewegung gekoppelt war – ästhetisch eingesetzt für Koch etwas, bei dem „meine Synapsen am ehesten anspringen“. „Für mich persönlich ist das größte Naturphänomen immer noch der Mensch“, sagt Koch. Er erschaffe all das Schöne, aber auch das Grauenvolle. Um diesen Zwiespalt gehe es in „Faust“. Und natürlich um den Zweifel. „Ich finde es allein schon hoffnungsvoll, dass mit die größten Denker und Dichter der Zeit sich so intensiv mit dem Zweifel beschäftigt haben. Das macht mir ganz egoistisch Hoffnung, dass Zweifel nicht etwas gänzlich Verderbliches ist.“
Zusammen mit Lang-Vogel führte er die Spielmethode aus „Ein Bericht für eine Akademie“ weiter – und sie spielten am Staatstheater Darmstadt den „Faust“. Beinahe fünf Jahre vor ausverkauftem Haus, ein weiteres biografisch prägendes Stück.

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Doch es ist überraschenderweise nicht dieser „Faust“, auf den Samuel Koch hinauswill. All diese Details erzählt er, weil sie wie Puzzlestücke zu einem großen Bild gehören, das dann letztlich die Hoffnung in sich trägt. „Letztes Jahr habe ich wahrscheinlich die schönste Faust-Inszenierung besucht, die ich je gesehen habe. Und ich habe viele gesehen“, sagt er. Und zwar „Life and Trust“ in New York, bewusst angesiedelt im Financial District, an der Wall Street, „wo so viele Menschen ihre Seele für Geld verkaufen“. „Und es war natürlich, jetzt kommt’s“, sagt Koch, „es war natürlich ein Tanzperformance-Theaterstück.“

28 Tänzerinnen, Tänzer, Schauspielerinnen und Schauspieler agierten über fünf Stockwerke in einem Bankgebäude, „vom alten Kohleheizungskeller über die Tresorräume über die Bankschalter bis in die höheren Stockwerke“. Sieben Jahre Vorbereitung, ein Jahr Probe, erzählt er. „Es ging über dreieinhalb Stunden, und man war sehr traurig, dass es schon vorbei war.“ Poetisch, lyrisch sei es gewesen. „Das liebe ich am Theater, wenn so viele Kunstgattungen und -formen zusammenkommen und ein stimmiges Kunstwerk schaffen.“ In „Life and Trust“ fließt – das erkennt man in Kochs Puzzle – alles zusammen: die Bewegung, im Zentrum der Mensch, ein stimmiges Kunstwerk und ein Stück Biografie.
Samuel Koch, der nicht nur mit Talent im Schauspiel, sondern auch mit kristallfein geschliffenem Humor begabt ist, hört man gerne zu, wenn er seinen „unorthodoxen Zugang“ zu der Frage nach einem Hoffnungs-Kunstwerk beschreibt. Weniger Unorthodoxes hätte er auch parat, Rembrandts „Verlorenen Sohn“ etwa oder das mit seiner Frau gemeinsam geschriebene Kinderbuch und Musikhörstück „Kuscheltier-Kommando“, ein, wie er sagt „Herzensprojekt“. Aber dieser so kluge, persönliche Zugang zu einer „Faust“-Produktion, das ist etwas, das noch lange nachhallen wird.
In der SZ-Serie „Ein Stück Hoffnung“ empfehlen Künstler aus München und Bayern Werke, die sie optimistisch stimmen.

