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Sample-Songs:Die Radieschen von oben hören

Verwurzelt ist Inga in München, sie lebte aber schon in Südamerika, Wien und Kanada.

(Foto: Daniel Seiler)

Die Münchner Kunststudentin Inga bastelt mit Laptop und Gitarre Weltraum und Traumwelten neu zusammen und macht selbst aus Zahnarztbesuchen Pop.

Von Christian Jooss-Bernau

Es ist ein Liebeslied aus Textversatzstücken, alle irgendwo schon mal gehört. Ein Lied, das sich leicht ablenken lässt. "Fuck your shoes": Der irgendwie Geliebte hat eben auch hassenswerte Schuhe. Ingas hohe, windhauchige Stimme tönt aus einer Distanz wie durch ein Telefon. Der Beat aus digitalen Samples akustischer Perkussionsinstrumente zuckelt als Illusion des Physischen neben einer E-Gitarre her, die so lebendig ist, dass man den schnarrenden Anschlag des Daumens auf den Bassseiten hört. Es ist, als litte dieser sich selbst nur halbbewusste Song an einem Aufmerksamkeitsdefizit, was bei wiederholtem Hören zu einem angenehm wattigen Gefühl führt.

Anschließend referiert Ingas Stimme auf Deutsch in "Weltraum" über "silbergraue leuchtende Radieschen ohne Vignette, ohne Abgasplakette, mit E-Zigarette", gleitet hinüber zu leicht abgegriffenen Vokabeln der digitalen Geschäftswelt. Ob das Ziel nun Weltraum oder Welt-Traum ist, kann man sich aussuchen. Eröffnet wird all dies von einer Nummer über etwas, was in den Zähnen steckt und fettiges Haar.

"Tears and Teeth" heißt das Album von Inga, die bis jetzt im wesentlichen nur Menschen als Musikerin kennen, die kurz vor dem Lockdown auf einem Konzert der Band Das Hobos in der Milla waren. Hier spielte Inga im Vorprogramm - mit Gitarre und Laptop. Auf dem Cover sieht man fleischige Blätter mit Zähnen, eine eigenartig gewachsene Aloe-Art, komplett mit Wurzel. Das Album erscheint beim Münchner Label Trikont, wo man den Mut hat, so eine Künstlerin aufzulesen, einfach auch, weil spannend ist, was daraus wird.

Inga arbeitet als Beleuchterin beim Film, wobei sich bei ihr das Leben nicht der Arbeit unterordnet, sondern die Arbeit das Leben finanziert. Heißt konkret: Inga arbeitet maximal 80 Tage im Jahr, um Geld zu verdienen. So eine Biografie lässt sich nicht in einen tabellarischen Lebenslauf übersetzten. Ihre Jugend hat sie größtenteils im Münchner Umland verbracht. Hat nach der Schule zwei Jahre in Wien gelebt, kennt Südamerika und den französischsprachigen Teil Kanadas. Sie hat auch auf einer Schweizer Alm gelernt, wie man Käse macht, und studiert aktuell an der Münchner Kunstakademie. Ihre Stücke hat sie in ihrem Atelier aufgenommen. Leo Hopfinger von Das Hobos hat sie produziert. Und über Hopfinger, für dessen Band Trikont das Booking macht, kam auch der Label-Kontakt zustande. Dass Inga ursprünglich gar nicht an eine Veröffentlichung dachte, einfach so vor sich hin bastelte, ist als Ergänzung fast selbstverständlich.

Ihre Songs sind aus Samples zusammengesetzte Chansons, manchmal auf Französisch, die so luftdurchlässig sind, dass ihnen der Sinn immer wieder durch die Löcher entrinnt. Eine Welt, die in Fragmente zerfällt, aber ist nur eine Sicht auf diese Kunstwerke. "Das ABC" heißt ein Song über Buchstaben, diese kleinsten, unteilbaren Einheiten unseres Sprachdenkens. Inga stellt sie in dieser Nummer aus, nebeneinander, und die große Frage ist hier, wie sich eigentlich unsere Welt zusammensetzt. Um das zu beantworten aber reicht kein Text, da muss es Musik sein. Bei Inga ist der Sequenzer die Antwort, das elektronisch-mechanistische Gerüst des Sounds. Die Wiederholung von Beats und Samples in Loops. Es hat etwas von einem Kaleidoskop. Bei jeden Schütteln ordnen sich die Muster neu, bekommen durch die Wiederholung immer andere Logik.

In "Frau Adolf" (samt Video) wird das zum vollständigen Bild. Inga in der Rolle einer Zahnärztin, die, auf eine Patientin hinuntermonologisierend, deren Gebiss durchgeht. Verrückterweise ist Inga hier sehr nah an poppig klarer Harmoniestruktur: Zahnsanierung wird zum erhebenden Pop-Nümmerchen bis zum Bohrereinsatz. Es gibt Pläne, dies alles live mit einer Band umzusetzen. Für die Bühne, irgendwann, wenn das Virus mitspielt. Bis dahin dreht sich Ingas Welt auf ihrem Album.

Inga, "Tears and Teeth" (Trikont)

© SZ vom 10.06.2020

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