Liebe auf den ersten Blick war es nicht. Wem sich das eine oder andere Werk von Cy Twombly oder Joseph Beuys ästhetisch erst einmal nicht erschließt, der mag sich trösten: Auch für Lothar Schirmer, als Kunstsammler zweifellos ein Mann mit visionärem Blick, war die Premieren-Erfahrung mit der Schaffenswelt dieser beiden Künstler kein Ereignis, das die Sinne beflügelte. „Ich war völlig schockiert, weil es aussah, wie das linkshändige Gekritzel meines kleinen Bruders beim Versuch, schreiben zu lernen“, beschreibt er die erste Zeichnung von Twombly, die er sah. Und als er dem Namen Beuys erstmals begegnete? Beim Betrachten von dessen Wachsskulpturen „Bienenkönigin“, die er in einer Hinterabteilung der Documenta 1964 sah, verspürte er den Drang, sich abzuwenden.
Freilich, und genau das macht Schirmer so besonders, ließ er sich davon keinesfalls „abschrecken“, und wollte diesen merkwürdigen Künstler, von dem er indes noch ein paar „allerschönste Bleistiftzeichnungen“ in Kassel gesehen hatte, kennenlernen. „Ich war menschlich neugierig“, erzählt er bei einem Rundgang im Kallmann-Museum Ismaning, wo derzeit die Ausstellung „Sammlung Lothar Schirmer – zeitgenössische Kunst von Cy Twombly bis Peter Handke“ zu sehen ist. „Ich wollte wissen, was sind das für Typen, die solche Zeichnungen machen?“ Denn, trotz allem Unverständnis: „Die Sensibilität der Sachen konnte man ja sehen.“
Schirmer steht in einem lichten Raum, flankiert von Zeichnungen, die Beuys und Twombly von den 1940er- bis in die 1960er-Jahre schufen. Mit seinen heute 80 Jahren darf er sich freuen, dass er damals als kunstinteressierter Jungspund, der noch zur Schule ging, so begierig war, verstehen zu wollen; dass er beide Künstler jeweils in ihren Ateliers in Rom und Düsseldorf besuchte, teils auf Raten Werke von ihnen erwarb – und dass daraus lange, professionelle und freundschaftliche Beziehungen wurden: „Ich hatte Kontakt mit ihnen bis zum Ende ihres Lebens.“
Die Zeichnungen. Sie sind ein Schwerpunkt dieser Ausstellung, die aus Anlass des 80. Geburtstags des viel geehrten Verlegers und Sammlers in dem schmucken Museum nördlich von München gezeigt wird.

Filigran und unprätentiös-ausdrucksstark bei Beuys. In Cy Twomblys Zeichnungen, von dem auch poetische Fotografien hängen, finden Linien, Schrift und Geste in fast federleichter, mythisch aufgeladener Bildsprache zusammen. Erstmals werden in Ismaning zudem Arbeiten von Peter Handke gezeigt: zarte, zeichnerische Miniaturen, entstanden aus der Perspektive des Spaziergängers. „Eine wirkliche Entdeckung, ein sehr begabter Zeichner“, urteilt Schirmer über den Literatur-Nobelpreisträger.
Zeichnungen von Literatur-Nobelpreisträger Peter Handke werden erstmals gezeigt
Dass er diese, nicht für das Publikum bestimmte, jenseits des Kanons stehenden Arbeiten kürzlich für seine Sammlung erwarb, hält Rasmus Kleine, Leiter des Kallmann-Museums, für Schirmer-typisch: „Ihn hat schon immer das Nicht-Etablierte interessiert.“ Für das Haus im Ismaninger Schlosspark ist die Ausstellung ein Coup. Kleine durfte sich, nach Vorauswahl, in Schirmers Münchner Wohnung, mit Kunstwerken eindecken und kuratieren – zu sehen sind mehr als 100 Arbeiten von 38 Künstlerinnen und Künstlern.
Neben den Zeichnungen ist die Fotografie ein Schwerpunkt: Chronologisch beginnt es mit Heinrich Zilles, um die Jahrhundertwende entstandenen Abzügen Berliner Stadtansichten und einem eindrucksvollen Exempel der (neu)sachlichen Porträt-Fotografie August Sanders sowie Werken Albert Renger-Patzschs. Sie setzt sich fort mit Typologien von Industriebauten und Fachwerkhäusern von Bernd und Hilla Becher, die zu Pionieren einer dokumentarisch-konzeptuellen Fotografie avancierten.

Als Sammler und Verleger war auch der 1945 in Schmalkalden geborene Schirmer ein Pionier: Das erste bei Schirmer/Mosel verlegte Kunstbuch befasste sich 1975 mit dem quasi von ihm wieder entdeckten August Sander, der in der Weimarer Republik sein stilprägendes Foto-Projekt „Menschen des 20. Jahrhunderts“ schuf. Umfangreich widmet sich die Ausstellung auch fotografischen Arbeiten von Vertretern der Becher-Schule: Laurenz Berges, Andreas Gursky, Candida Höfer, Thomas Ruff oder Jörg Sasse.

Teils großformatige Blickfänger, von klarer, formaler Ästhetik. Sie zeugen vom damals „neuen Selbstbewusstsein der Fotografie“ (Schirmer). Etliche wirken wie große Gemälde, besonders auffällig ist das Selbstporträt von Ruff. Eigenwillige Ästhetik entfaltet auch Sasses „Berglandschaft“: Computer-manipulierte Fotografie, die gleichsam ein Kompositum aus natürlicher und künstlicher Intelligenz darstellt. Auf Großfotografie trifft der Betrachter zudem bei Cindy Sherman und Jeff Wall, wobei erstere – sich selbst inszenierend als Madonna oder Medusa – mit weiblichen, sexualisierten Rollenbildern spielt.

Ein dritter Schwerpunkt widmet sich zeitgenössischer Malerei und Bildhauerei mit Werken von Cornelius Völker, Martin Assig und Wiebke Siem. Zudem ein Hingucker: „Hemd“ des gebürtigen Münchners Thomas Demand, der dafür bekannt ist, Modelle aus Papier und Pappe nachzubauen und zu fotografieren.
Dass Schirmer nicht nur seherisches Talent für Kunst hat, sondern auch Humor, zeigt eine aktuelle Erwerbung, die im letzten Raum hängt: ein eher konventionelles, 1913 entstandenes Blumenbild des späteren Merz-Künstlers Kurt Schwitters. Es erzählt, wie auch einzelne Kleinode alter Meister, die in Ismaning hängen, und Gabriel von Max’ großartiges Gemälde „Der Atelierbesuch“ von Schirmers individualistischem Blick und seiner ganz eigenen Kunst des Sammelns.
Sammlung Lothar Schirmer – Zeitgenössische Kunst von Cy Twombly bis Peter Handke, Kallmann-Museum Ismaning, bis 1. Februar 2026

