Konzert von Sam Garrett in MünchenDer Posterboy der Yoga-Musik

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„Ein  Erwachen des Planeten ist im Gange“, sagt der Engländer  Sam Garrett, der die Welt von Jamaika bis Indien bereist.
„Ein  Erwachen des Planeten ist im Gange“, sagt der Engländer  Sam Garrett, der die Welt von Jamaika bis Indien bereist. (Foto: PGM)

Zu seinen Konzerten strömen Yogis, aber auch Reggae-Fans tanzen zur Mantramusik von Sam Garrett. Der Engländer über die Spiritualität des Pop, kulturelle Aneignung und die Frage, ob man als weißer Musiker Dreadlocks tragen darf.

Interview von Michael Zirnstein

Das Yoga-Festival „Om am See“ vor der Kulisse von Schloss Neuschwanstein, ein Rummelplatz moderner Spiritualität. Mittendrin in sich ruhend: ein junger Mann mit Rasta-Mähne und John-Lennon-Brille, der Engländer Sam Garrett. Er ist der Posterboy der Mantramusik, jedem Yogi sind seine Songs wie „Root Down Deep“ von den Playlists der Lehrer bekannt; aber auch Pop- und Reggae-Fans strömen in seine Konzerte. Der 35-Jährige hat viel erlebt, seine erste Band mit zwölf, großes Interesse der Plattenindustrie, dann sein Abgang ins heilige Indien, später führte ihn der Pfad nach Jamaika. Die Musik war immer dabei, hat sich gewandelt, das auf Hawaii aufgenommene Album „Forward To Zion“ ist vom Reggaeton geprägt. Seine Konzerte sind mehr Party als Messe.

SZ: Unter eines Ihrer Youtube-Videos hat jemand geschrieben: „Er ist mein Guru!“ Halten Sie sich mehr für so einen heiligen Mann oder für einen Popstar?

Sam Garrett: Für nichts davon. Immer will jeder definieren, was er ist, will einen Titel, will dies oder das sein. Das ist der größte Fehler der Menschen. Jesus hat gesagt: Ich bin, der ich bin. Das ist das Natürlichste überhaupt. Alles andere wird uns von außen zugeschrieben: Ich bin Yogi. Ich bin Rasta. Ich bin Christ. Ich bin Musiker. Ich will diese Schubladen zerstören. Und definitiv bin ich kein Guru. Wenn ich jemand helfen kann mit meiner Musik, dann bin ich glücklich damit.

In der Kirche singt man „Hosianna“. Osho holte den deutschen Elektromusiker Georg Deuter in seinen Ashram. Auch Ihr Guru Mooji hat seine singenden Engel um sich. Warum passt Musik so gut zu Spiritualität?

Weil Musik die Sprache des Herzens ist. Du kannst Wörter lesen oder sie aus dem Mund eines Gurus hören, das ist für den Kopf; aber Musik ist für die Seele. Ich kann keine Noten lesen, aber Musik war immer schon in mir. Musik ist das Zentrum jeder Kultur.

Ihr Stück „On My Way“ klingt etwas nach Cat Stevens. Der macht als Yusuf Islam längst nur noch spirituelle Musik. Wie kam diese Hinwendung zur devotionalen Musik bei Ihnen?

Ich hörte Punk, Grunge von Nirvana, Reggae. Ich liebte Ray Charles, Stevie Wonder. Das tue ich immer noch.  Aber als ich nach Indien ging und das erste Mal in einen Kirtan (ein religiöses Musikritual) kam, war das wie in einem Rockkonzert, nur war jeder einfach high auf Gott, voller Hingabe an das Leben. Diese Erfahrung war so: Wow, das möchte ich auch machen! Ein spiritueller Rave, jeder hüpfte, man schmiss Blumen durch die Luft, das öffnete meine Augen.

Das war’s dann mit Ihrem Plan, als einsamer Mönch zu leben?

Ja. Dafür bin ich ursprünglich nach Indien gegangen. Ich habe mich immer unnormal gefühlt in England. Als ich dann mit 16 in Religionskunde erfuhr, dass Buddha ein lebendiger Mensch gewesen war, dachte ich: Okay, dann kann ich also auch erleuchtet werden. Also wollte ich mich in einer Höhle wegschließen von der Welt. Aber ich hatte ein paar sehr mächtige Einsichten, dass das nicht mein Weg ist. Wie bei dem Kirtan. Ich habe verstanden: Musik ist mein Dharma, mein Weg.

Als die Hare Krishnas in den Siebzigern begannen, mit ihren Gesängen bei uns durch die Fußgängerzonen zu ziehen, machten viele einen Bogen um diese „Irren“ aus der „Sekte“. Ist die Welt heute offener?

Ich wuchs in einer Gegend auf, wo es so etwas nicht gab. Aber als ich nach London kam, habe ich die Hare Krishnas gesehen, habe die große Rastafari-Gemeinde in Brixton kennengelernt, ich war wirklich aufgeregt, all diese diversen Kulturen in England erleben zu können. Ich denke, ja, diese offene Gesellschaft wächst, ein Erwachen des Planeten ist im Gange. Aber es gibt auch das Gegenteil: mehr Ego, mehr Wahnsinn, mehr Gewalt, mehr Propaganda.

„Wenn du die Leute dazu bringst, ihr Herz zu öffnen, das ist die Lösung“, sagt Sam Garrett.
„Wenn du die Leute dazu bringst, ihr Herz zu öffnen, das ist die Lösung“, sagt Sam Garrett. (Foto: Andreas Müllner)

Schon einmal verschmolzen Pop-Musik und Spiritualität. Woodstock eröffnete der Swami Satchidananda mit einem Gebet.

Ja, das war Mainstream damals.

Genau, die „Beatles“ kamen aus Rishikesh zurück und George Harrison war Hare Krishna. „My Sweet Lord“ hörte man im Radio. Heute ist das eher wieder getrennt.

Da steckt ein Plan dahinter. Die Künstler der Plattenindustrie werden geformt, um eine bestimmte Musik zu verkaufen. Wenn ich Taylor Swift höre oder Ed Sheeran, vor allem durch meine Tochter, bin ich immer etwas geschockt: Wow, ist das wirklich das, was Kindern gefällt heutzutage? Alles flach, es geht nur darum, wie du aussiehst und so. Aber jeder, wie er mag. Als ich selbst Musik mit ein paar sehr hohen Tieren aus der Plattenindustrie aufnehmen sollte und ihnen dann Mantras vorsang, sagten sie: Nein, nein, das geht so nicht. Ich fragte: Warum? Sie meinten: Du musst was schreiben über dich, wie du in einen Club gehst und trinkst. Aber tue ich nicht. Ich kann nur meine Wahrheit aus vollem Herzen singen, sonst singe ich lieber gar nicht.

Viele Pop-Musiker wollen etwas bewegen. Viele sprechen sich etwa auf der Bühne für ein freies Palästina aus, Ihre Landsleute von „Bob Vylan“ wurden deswegen schon ausgeladen. Würden Sie auf der Bühne etwas Politisches sagen?

Nicht im Sinne einer politischen Lösung. Wenn du die Leute dazu bringst, ihr Herz zu öffnen, das ist die Lösung. Selbst wenn ich die Möglichkeit hätte, den Himmel auf Erden zu bringen, käme jemand, der sagt: „Ich will aber nicht im Himmel leben, ich werde die Hölle erschaffen.“ Deswegen ist es wichtig, dass wir eine Transformation des großen ganzen Bewusstseins erreichen.

Er zieht die Massen an, will aber kein Prediger sein: Sam Garrett, hier bei einem früheren ausverkauften Konzert im Münchner Backstage.
Er zieht die Massen an, will aber kein Prediger sein: Sam Garrett, hier bei einem früheren ausverkauften Konzert im Münchner Backstage. (Foto: Andreas Müllner)

Finden Sie es manchmal seltsam, dass Yoga-Schüler im Westen einem indischen Gott mit Elefantenkopf huldigen? Manche Menschen würden das sogar als kulturelle Aneignung brandmarken.

Eine gute Frage. Ich bekomme viele Nachrichten von Leuten, die mir das vorwerfen, dass ich jemandes Kultur stehle. Dazu sage ich, dass wir das immer gemacht haben. Es wurde immer Handel auf der ganzen Welt getrieben: Gewürze, Tee, Stoffe. Wir haben immer Ideen ausgetauscht. So hat sich die Spezies Mensch weiterentwickelt.

Aber es wurde auch viel geraubt, gerade von westlichen Mächten. 

Ja, den Vorwurf der kulturellen Aneignung verstehe ich schon. Wenn sich jemand den Kopfschmuck eines amerikanischen Ureinwohners aufsetzt und mit „Wu wu wu“-Geschrei feiern geht, dann respektiert er diese Kultur nicht. Ich selbst kann den Vorwürfen aber für mich nicht annehmen. Weil ich bin in Indien, in Jamaika, bei meinen Freunden dort; ich habe diese Kulturen erfahren, sie haben mein Leben transformiert. Natürlich kann das manchen verrückt erscheinen, aber das Leben ist verrückt, auch wenn wir immer so tun, als wäre alles normal. Aber es ist bizarr: Wir schweben auf einem Felsbrocken durchs unendliche All.

In einem Song werden Sie konkret: In „Why They Make Us Cry“ beklagen Sie ein System der Ungerechtigkeit, das Kakao-Farmer ausbeutet. Warum?

Exakt. Es geht aber nicht nur um Schokolade. Diese Ausbeutung passiert und passierte doch überall in der Welt. Unschuldige Menschen werden vertrieben oder umgebracht für den Profit. Die Kolonialisierung hat mich schon als Schüler wahnsinnig gemacht, als ich merkte: Wir haben den amerikanischen Ureinwohnern, die in Harmonie mit der Natur lebten, alles gestohlen, ihre Kultur, ihr Land, und dann haben wir sie als Wilde abgestempelt. Beim Reisen durch die Welt erlebe ich:  Wir sind ein Volk.

 Einige sagen: Sie als Engländer können doch nicht Hinduismus und Rastafari-Glauben vermischen in Ihrem Mantra-Reggae.

Rastafari kam auch aus dem Hinduismus. Es ist alles verbunden. Und doch gibt es in Jamaika Rastas, die Hindus verabscheuen, die Buddhisten verbrennen würden.

Und Homosexuelle.

Ja, weil sie glauben, es sei der einzige überlieferte Weg. Damit kann ich überhaupt nichts anfangen.

Vor einer Weile wurden Konzerte in Deutschland abgesagt, weil der weiße Sänger einer Band Dreadlocks wie die Rastafari trug. Hatten Sie schon Probleme wegen Ihrer Haare? 

Mein eigener Lehrer, Ras Bongo aus Jamaika, ist Rastafari. Ich fragte ihn dasselbe. Dass Leute zu mir sagen, ich darf keine Dreadlocks tragen und nicht für die Rastafari sprechen, weil ich weiße Haut habe. Er sagte: Ras Samuel, du musst stark sein und mutig. Er erzählte: Als Junge flog er zu Hause raus, weil er Rasta war; und als er in die Rasta-Community gehen wollte, um zu trommeln und zu singen und Gott zu preisen, ließen sie ihn nicht rein, weil er zu weiß war. Aber auch Bob Marley war nur halb schwarz. Haile Selassie, der Rastafari selbst, sagte: Solange die Farbe deiner Haut nicht genauso unwichtig ist wie die Farbe deiner Augen, wird es immer Krieg geben. Erst wenn wir uns alle als dieselbe Seele erkennen, wird diese Dummheit aufhören. Diversität ist wunderbar, alle Farben und Geschmäcker, die sollten wir mit Freude, Liebe und Respekt genießen.

Sam Garrett, Mittwoch, 12. November, 20 Uhr, München, Tonhalle

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