Die Uhr tickt. Auf den Straßen Salzburgs und drum herum. Aber auch auf Wohnzimmer- und Schreibtischen, in Freizeit- und Aktentaschen, und das seit Monaten in der ganzen Welt. Diese Uhr – als „Hand Holding Stop Watch“ gezeichnet von dem amerikanischen Pop-Art-Künstler Andy Warhol – ist das offizielle Plakatmotiv der diesjährigen Salzburger Festspiele und schmückt zusammen mit etlichen anderen Warhol-Motiven das Programmheft. Am Freitag, 17. Juli, wird die Uhr gleichsam angehalten – und in Salzburg von da an Ausnahmezustand herrschen.
Gut sechs Wochen lang, bis Sonntag, 30. August, wurlt und wabert es in der kleinen österreichischen Stadt an der Salzach. Und das, weil der Regisseur Max Reinhardt 1920 auf die Idee kam, gemeinsam mit dem Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal und dem Komponisten Richard Strauss die Salzburger Festspiele aus der Taufe zu heben. Doch noch bevor der legendäre Ruf nach dem Jedermann am Abend des 18. Juli über den Domplatz schallt – was vielen als die Eröffnung der Festspiele gilt – wird die ganze Altstadt zur Bühne.
Das Fest zur Festspieleröffnung

Am Samstag und Sonntag, 18. und 19. Juli, von den frühen Morgenstunden bis tief in die Nacht gibt es bei freiem Eintritt Konzerte, Theateraufführungen, Lesungen, Gesprächsformate, Führungen sowie ein Kinder- und Jugendprogramm. Auf dem Residenzplatz und in den Prunkräumen der Alten Residenz wird man den Bronze- und Holzskulpturen von Stephan Balkenhol die Hand reichen können – zumindest im übertragenen Sinn. Denn sein Kunstprojekt steht unter dem Motto von Mozarts „Don Giovanni“-Arie „Là ci darem la mano“. Für viele Veranstaltungen benötigt man kostenlose Zählkarten. Die gingen in den vergangenen Tagen weg wie warme Semmeln. Restkarten gibt’s unter www.salzburgerfestspiele.at/fest-zur-festspieleroeffnung.
Ebenfalls bei freiem Eintritt, aber ohne Zählkarten kann man den traditionellen Fackeltanz am Freitag, 24. Juli, auf dem Residenzplatz (Beginn ist um 22.30 Uhr) verfolgen. Etwa 100 Paare verschiedener Brauchtumstanzgruppen aus Salzburg und Umgebung werden mit ihren Fackeln zahlreiche Figuren in die Nacht zeichnen. Alexander Wieland und Alexandra Lerchner werden das Spektakel mithilfe von Langzeitbelichtung und Detailaufnahme auf eine Großbildleinwand übertragen.
Ausstellungen auf dem Mönchsberg

Wer mehrere Tage in Salzburg weilt, sollte sich nicht die Gelegenheit entgehen lassen, eine der tollen Ausstellungen anzusehen. Ein Muss für alle Freunde der zeitgenössischen Kunst ist dabei wie immer das Museum der Moderne auf dem Mönchsberg. Hier hat wenige Tage vor seinem Tod die Ausstellung „Baselitz Jetzt“ mit Arbeiten aus seinem Spätwerk eröffnet, die der Künstler noch selbst konzipiert hat. Wie Georg Baselitz trotz allmählich schwindender Kraft seine Gestalten auf die riesigen Leinwände bannte, wie er auch die eigene Gebrechlichkeit in den Figuren in Fragilität übersetzte, ihnen mitunter Nylons über die Beine oder wie lange Handschuhe über die Arme applizierte und schließlich sogar Gewebe fast wie Leichentücher über den Gestalten schweben ließ, das ist ungemein beeindruckend (bis 18. Oktober 2026).
Außerdem auf dem Mönchsberg: „12 Chakras of Becoming“ von Stano Filko. Die riesige Retrospektive des slowakischen Künstlers zeigt rund 350 Arbeiten, in denen seine experimentelle Arbeitsweise sichtbar wird. Malerei, Skulptur, Environment, Sprache und andere Medien hat er in verschiedenen Ordnungssystemen und Diagrammen verbunden, hat einen überbordenden Kosmos aus Sperrholz, Papier, Stoff, Metall, Farbe und Schrift geschaffen, den es zu entdecken gilt (bis 7. Februar 2027).
Und noch eine Ausstellung lohnt den Spaziergang (oder die Aufzugsfahrt) auf den Mönchsberg: „Moderne leben“ von Charlotte Perriand. Die französische Architektin und Designerin galt als Pionierin der Moderne und war für zahlreiche Möbel- und Interior-Projekte im Studio von Le Corbusier und Pierre Jeanneret verantwortlich. In acht Kapiteln und anhand von Möbeln, Fotos und Dokumenten erschließt sich die Gedankenwelt einer Künstlerin, die die Lebensräume für alle Menschen nachhaltig verbessern wollte. Unter anderem zu sehen: die originalgetreue Rekonstruktion der alpinen Schutzhütte Refuge Bivouac von 1933, entstanden im Rahmen eines Forschungsprojekts von Studierenden der TU München und der Fachhochschule Salzburg (bis 13. September 2026).
Ausstellungen im Rupertinum

Die prähistorischen Megalithen von Stonehenge bilden den Hintergrund der gerade im Rupertinum eröffneten Ausstellung „Steine“ von Georgia Gardner Gray. Gezeigt werden Werke, die speziell für diese Schau entstanden sind. Gardner Gray, die 1988 in New York geboren wurde und auch Performances schafft, will mit ihrer figurativen Malerei der Idee des menschlichen und künstlerischen Erbes auf den Grund gehen (4. Oktober 2026).
Ebenfalls im Rupertinum zu sehen ist das Frühwerk von Georg Baselitz. Gleichsam als Ergänzung zum Spätwerk, das auf dem Mönchsberg zu sehen ist. Im Fokus der Ausstellung „Baselitz Manifeste“ stehen vor allem die frühen grafischen Arbeiten, in denen sich der Künstler mit deutscher Geschichte, Identität und dem Künstler-Ich auseinandersetzte (bis 4. Oktober 2026).
Ausstellungen in Galerien

Wenn ein Spaziergang in Salzburg als „lustwandeln“ bezeichnet werden kann, dann ist es der durch den Mirabellgarten. Schön gelegen dort: die Villa Kast mit der Galerie von Thaddaeus Ropac. Der Großgalerist mit mehreren Standorten weltweit hat auch rund um die Salzburger Festspiele viele Projekte mit Künstlern aus seinem Hause am Laufen und hatte zusammen mit dem Baselitz-Sohn Daniel Blau, der einst ein großes Konvolut von Warhol-Zeichnungen entdeckte, gewiss auch seinen Anteil daran, dass Warhol visueller Hauptdarsteller des Programmhefts wurde. Aktuell sind in der Villa Kast noch bis 18. Juli die ganz aus Bienenwachs bestehenden „Türme des Schweigens“ von Wolfgang Laib sowie tolle Objekt-Arbeiten von Sylvie Fleury zu sehen.

Von 24. Juli an gibt es bei Ropac dann unter dem Titel „To Feel“ neue großformatige Arbeiten von Sean Scully zu sehen. Sie sind Teil der 1998 begonnenen Serie „Wall of Light“. Darin setzt der 1945 in Irland geborene Künstler vertikale und horizontale Farbblöcke zu Bildarchitekturen zusammen, die an massives Mauerwerk erinnern. Die dicken Farbschichten „drängen sich gegenseitig ab, schaffen aber gleichzeitig Raum füreinander“, wie der Künstler erklärt. „Die Wand ist eine Barriere, aber was ich tue, ist, sie aufzulösen. Es ist metaphysisch, transformativ.“ (bis 24. September 2026)

Wer sich mehr für Fotografie interessiert, wird in der Leica Galerie fündig. Dort wird am 23. Juli die Ausstellung „Selections“ von Alex Webb eröffnet. Der 74-jährige Amerikaner hat durch seinen Umgang mit Farbe, Licht und Komposition die dokumentarische Fotografie nachhaltig geprägt. Auf seinen Reisen richtet er den Blick auf flüchtige, oft rätselhafte Momente, in denen sich Poesie, Spannung und gesellschaftliche Realität verdichten. Die Ausstellung zeigt Werke aus nahezu drei Jahrzehnten seines fotografischen Schaffens (bis 31. Oktober 2026).
Neues im Kunstverein
Entmenschlichung ist das Thema einer mehr als ungewöhnlich eingerichteten Ausstellung im Salzburger Kunstverein. „Creation, Catastrophe, Creation, Again and Again“ heißt die Schau von Kateryna Lysovenko. Die ukrainische Künstlerin hat dafür die sogenannte Ringgalerie des Hauses Feld für Feld mit seltsamen Kreaturen bemalt. Faschismus und Tod und die Frage nach dem Mensch-Sein in leuchtend hellen Farben – das ist mehr als einen Blick wert (bis 29. November 2026).
Kunst der Verlorenen Generation
Auch immer einen Blick wert ist das Museum Kunst der Verlorenen Generation. Es schöpft aus der Privatsammlung von Heinz R. Böhme, der Werke von Künstlern der sogenannten Verlorenen Generation sammelt und das Museum 2017 gründete. Diese Künstler wurden durch das nationalsozialistische Regime in ihrer künstlerischen Tätigkeit massiv eingeschränkt und als „entartet“ verfemt. Doch anders als Beckmann und viele andere sind sie weitgehend vergessen worden. Aktuell zeigt die Sammlungspräsentation „Die Verlorene Generation. Ihre Kunst. Ihre Geschichten“ (bis 6. März 2027), ein besonderer Fokus liegt auf der Sonderschau „Der verlorene Klang. Musik im Verborgenen“ (bis 31. Juli 2026).
Couture trifft auf Kunst
Mode und Kunst vereint erleben kann man zur Festspielzeit seit Jahren in der Pop-up-Gallery der Münchner Modedesignerin Susanne Wiebe. Die diesjährige Location befindet sich im ehemaligen Resmannhaus am Rudolfskai 6. Dort zeigt sie nicht nur ihre Couture, sondern auch eine, von ihrem Lebensgefährten, dem Kunsthistoriker Karsten Temme, kuratierte Ausstellung. In diesem Jahr sind es Werke von Hans M. Bachmayer, Roswitha Wulz und Jean Cocteau sowie Schmuck von Monika Wulz (bis 31. August).


