Saletta GiesingEin neuer Lieblingsort für die Nachbarschaft

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Ausnahmsweise nicht ganz günstig: Der Bio-Schweinsbraten kommt mit Kartoffelknödel, Krautsalat und Tilmans Dunkelbiersoße.
Ausnahmsweise nicht ganz günstig: Der Bio-Schweinsbraten kommt mit Kartoffelknödel, Krautsalat und Tilmans Dunkelbiersoße. Stephan Rumpf

In Giesing schafft das Wirtshaus Saletta ein Kunststück: Es ersetzt eine lieb gewordene Pizzeria – und wird aus guten Gründen umgehend zum Stadtvierteltreff.

Von Karl-Heinz Peffekoven

Als Restaurantkritiker ist Peffekoven nicht immer frei von einer gewissen nostalgischen Milde. Ohne Zweifel empfand er diese bei Besuchen der Pizzeria Va Pensiero in der Konradinstraße, mit ihrer schönen, von bunten Lämpchen beschienenen Terrasse und einer mit den Jahren wachsenden sanften Melancholie, die über dem Betrieb lag. So musste fast zwangsläufig eintreten, was Peffekoven stets befürchtet hatte: Sie schloss ihre Pforten für immer. Es kommt in solchen Fällen nachher oft nicht besser, sondern vor allem teurer und schicker, und die Gentrifizierung schreitet mitleidlos voran. Aber nicht diesmal!

Das hübsche Viertel rund um die St.-Franziskus-Kirche hat im Gegenteil gastronomisch betrachtet ausgesprochen dazugewonnen. Eingezogen in die alten Räume ist nämlich ein modernes Kiez-Wirtshaus, das dem Ort mit Frohsinn, einem überzeugenden Konzept und einem wirklich netten jungen Team jede Melancholie ausgetrieben hat: das Saletta.

Draußen sitzt man ganz wunderbar entspannt, der Hauptraum des Restaurants rund um die Bar ist eher locker bestuhlt und war bei Peffekovens Visiten gut besucht von einer entspannten Mischung aus Familien mit kleinen Kindern, die hier niemanden stören, kleinen Freundesgruppen und Paaren, quer gemischt durch die Generationen. Hier vorn kann man nicht reservieren, um den Nachbarschaftscharakter des Gasthauses zu erhalten, wie der freundliche Kellner erklärte, wohl aber im hellen und verspiegelten Saal dahinter.

Man sollte also abends zeitig kommen, um einen Platz in der Stube mit dem Deckengemälde eines weiß-blauen Himmels zu erwischen oder draußen auf der hübschen alten Konradinstraße. Ein Jahr ist das Saletta nun hier und offenbar ein Erfolg für Mitgründer Maximilian Heissler, der in München schon andere originelle und gut angenommene Locations schuf wie etwa die Geyerwally im Glockenbachviertel, eine inzwischen Kultstatus genießende Kneipe in einem leider heruntergekommenen Altbau.

Die Gäste sind entspannt, die Atmosphäre ist unkompliziert.
Die Gäste sind entspannt, die Atmosphäre ist unkompliziert. Stephan Rumpf

Kulinarisch ist das Saletta seiner Vorgängerin sogar treu geblieben: Der Schwerpunkt des Angebots liegt weiterhin auf Pizza. Eine davon heißt sogar, als kleine Hommage an das frühere Lokal, Va Pensiero. Die Pizzen tragen originelle Namen, etwa Kulturator, sie waren nach Auffassung der Tester insgesamt recht gut, saftig, mit schön knusprigem Rand und mit dünnem Boden, dezent, aber nicht zu knapp belegt – was beweist, dass man eine Pizza nicht mit Zutaten überfrachten muss, damit sie schmeckt. Und das tat sie – nicht nur Peffekovens kleiner Tischgesellschaft, sondern offenkundig auch der Nachbarschaft, die sich am Wochenende kräftig eindeckt. Wer veganen Käse möchte, muss übrigens jeweils einen Euro draufzahlen. Erfreulicherweise kann man zu den Pizzen Chili-Öl ordern oder scharfe Soßen, die man auch zum Mitnehmen kaufen kann.

Tagsüber gibt es fast ausschließlich Pizza, am Abend wird das Angebot etwas erweitert, meist um bajuwarische Klassiker wie den Bio-Schweinsbraten, gereicht mit Kartoffelknödel, Krautsalat und Tilmans Dunkelbiersoße. Zu Tilman gleich mehr, der Schweinebraten jedenfalls war schön mürb und sehr gelungen, blieb aber mit 18,90 Euro ein wenig hinter dem Anspruch zurück, besonders günstige Preise zu bieten. Dazu passte ein frischer und reichlicher Beilagensalat (5,90 Euro).

Auch die beiden Fleischpflanzerl mit Kartoffelsalat und gerösteten Zwiebeln waren von guter lockerer Konsistenz und schmeckten ganz ausgezeichnet, würzig und pfeffrig, kosteten aber auch ihre 15,90 Euro. Die Art des Anrichtens erschien freilich etwas eigenwillig: Der sehr gute kalte Kartoffelsalat war der warmen Soße und den Fleischbällchen beigefügt wie ein Kartoffelbrei, was ein seltsames Temperaturmischmasch ergab. Ein Höhepunkt dagegen war das Cordon bleu, sehr saftig, mit flüssigem Käse in der Mitte, gereicht mit Feldsalat, dem eine Salatsoße fehlte (18,90 Euro). Zur Nachspeise: Das Pistazieneis ist nicht selbst gemacht, sondern wird von einer Eisdiele beschafft, was die Freude daran aber nicht mindert.

Der Schwerpunkt im Saletta liegt immer noch auf der Pizza.
Der Schwerpunkt im Saletta liegt immer noch auf der Pizza. Stephan Rumpf

Eine erfreuliche Überraschung im Saletta ist die fein sortierte Weinkarte. Sechs offene Weine stehen bereit, etwa ein einfacher, trockener und erdiger weißer Hauswein aus den Abruzzen, 3,50 Euro für 0,1 Liter, was gemessen am Münchner Preisniveau schon als günstig gelten muss. Eine Begleiterin Peffekovens beurteilte ihn wenig gnädig: Er erinnere sie an jene Art Wein, der einst in der Disco ausgeschenkt wurde. In diesem Punkt erzielte die Runde keine Einigung. Frischer und gewiss empfehlenswert war der Trebbiano d’Abruzzo (4,20 Euro für 0,1 Liter). Auf Nachfrage gibt es auch eine Liste mit Flaschenweinen, darunter wirklich vorzügliche wie einen trockenen fränkischen Silvaner vom Weingut Fürst (39 Euro) und einen vornehmen Silvaner Würzburger Stein (68 Euro), einen der Lieblingsweine Kurt Tucholskys übrigens. Bei den Rotweinen überzeugte ein bekömmlicher badischer Spätburgunder von den Gebrüdern Mathis für ebenfalls bekömmliche 29 Euro.

Fazit: Das Saletta wirkt wie ein Wirtshaus, das schon immer hier gewesen ist, beliebt bei der Nachbarschaft, mit leichtem Charakter von zweitem Wohnzimmer und anständiger Küche. Und um noch mal auf Tilman zurückzukommen: Neben ehrlichem Augustiner vom Fass, die Halbe für anständige 3,80 Euro, wird auch süffiges Craftbeer der Brauerei Tilmans ausgeschenkt. Da fällt die Wahl des Getränks nicht leicht, die des Lokals aber schon: Peffekoven wird gern wiederkommen und wünscht dem Saletta ein langes und erfolgreiches Bestehen.

Saletta Giesing, Konradinstraße 16, 81543 München, info@saletta-giesing.de, saletta-giesing.de, Telefon.: 0155 63022682. Öffnungszeiten: Mo., Ruhetag, Di.–Do., 11.30–0 Uhr, Fr., 11.30–1 Uhr, Sa., 10–1 Uhr, So., 10–0 Uhr, Wirtshausküche: Di.–So., 17.30–21.30 Uhr, Pizza durchgehend: Di.–So., 11.30–22 Uhr, Mittagstisch: Di.–Fr., 11.30–14.30 Uhr, Frühstück: Sa. und So., 10–14 Uhr

Die SZ-Kostprobe

Die Restaurant-Kritik „Kostprobe“ der Süddeutschen Zeitung hat eine lange Tradition: Seit 1975 erscheint sie wöchentlich im Lokalteil, seit einigen Jahren auch Online. Etwa ein Dutzend kulinarisch bewanderter Redakteurinnen und Redakteure aus sämtlichen Ressorts – von München, Wissen bis zur Politik – schreiben im Wechsel über die Gastronomie in der Stadt. Die Auswahl ist unendlich, die bayerische Wirtschaft kommt genauso dran wie das griechische Fischlokal, die amerikanische Fast-Food-Kette, der besondere Bratwurststand oder das mit Sternen dekorierte Gourmetlokal. Das Besondere an der SZ-Kostprobe: Die Autorinnen und Autoren schreiben unter Pseudonym, oft ist dies kulinarisch angehaucht. Sie gehen unerkannt etwa zwei- bis dreimal in das zu testende Lokal, je nachdem wie lange das von der Redaktion vorgegebene Budget reicht. Eiserne Grundregeln: hundert Tage Schonfrist, bis sich die Küche eines neuen Lokals eingearbeitet hat. Und: sich nie bei der Arbeit als Restaurantkritiker erwischen lassen – um unbefangen Speis und Trank, Service und Atmosphäre beschreiben zu können.

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