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Salafismus:Wie ein Jugendlicher radikalen Predigern in die Arme läuft - und sich wieder befreit

A man reads the Koran at the shrine of Sheikh Abdul Qadir Jeelani, a Sufi saint, during the Muslim fasting month of Ramadan in Srinagar

Mit 18 Jahren beginnt Hakan, plötzlich den Koran zu lesen und Suren bei Facebook zu posten.

(Foto: Danish Ismail/Reuters)

Hakan ist ein deutsch-türkischer Jugendlicher aus München. Er fühlt sich ausgeschlossen und abschätzig behandelt - bis er den Islam für sich entdeckt.

Hakan ist glücklich. So glücklich wie lange nicht mehr. Wenn er von seinem ersten Besuch beim Islamunterricht eines Münchner Moscheevereins erzählt, liegt ein Glanz in seinen großen Jungen-Augen. Auch jetzt noch, einen Tag später in einem schlichten Café in Obergiesing: "Alle waren sich einig", sagt er, "es kann kein Zufall sein, dass ich ausgerechnet an diesem Tag zu ihnen komme, diesem besonderen Abend, an dem ein saudischer Prediger zu Gast ist."

Hakan (Name geändert), kräftige Figur, Kinnbart, Bürstenfrisur, ist sonst nicht leicht aus der Fassung zu bringen. Im Gegenteil. Er wirkt oft viel ernster, erwachsener, als er das mit seinen 18 Jahren nötig hätte. Jetzt aber strahlt er wie ein Fußballstürmer, der seine Mannschaft gerade in Führung geschossen hat. "Sie haben gesagt, dass ich ein Auserwählter bin. Und dass der Prediger - ein direkter Nachfahre unseres Propheten - am jüngsten Tag ein Wort für mich einlegen wird." Der Elektrikerlehrling zieht ein buntes, kleines Fläschchen aus seiner Jackentasche. Ein teures orientalisches Parfum. "Das haben sie mir geschenkt. Als Zeichen dafür, dass ich als Bruder zu ihnen gehöre."

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Hakan hat sich den Namen des Predigers nicht gemerkt. Er hat auch keine Ahnung davon, welche Organisation hinter diesem Moscheeverein steckt, hinter dieser Wohnzimmermoschee nicht weit von der Isar, in die ihn ein paar Freunde aus seiner Vorstadt-Clique aus dem Münchner Osten eingeladen haben. Aber er fühlt sich angenommen. Und das ist für jemanden, dem immer der Stempel des Außenseiters, des Störenfrieds und Versagers aufgedrückt wurde, ein großartiges Gefühl.

Wenn muslimische Jugendliche in einer Lebenskrise den Glauben als Ersatzheimat finden, dann ist das erst mal eine sehr verständliche Reaktion. Wo finden sie eine Gemeinschaft, die sie bereitwilliger aufnimmt? Wer sonst könnte ihnen moralischen Halt bieten? Und was vermag tröstlicher zu sein, als der alltäglichen Frustration im Job und in der Familie ein religiöses Heilsversprechen entgegenzusetzen? Salafisten und Hetzprediger bemühen sich besonders um ausgegrenzte und seelisch verwahrloste Jugendliche.

Um sie erst freundlich zu umarmen und dann nach und nach zu radikalisieren. So lief es mit den Migranten-Jugendlichen von Ripoli, den späteren Attentätern von Barcelona, die erst bei einem selbsternannten Imam Halt fanden, nach und nach ihre Hemmungen ablegten und an dessen verschrobene Koran-Auslegung zu glauben begannen, die ihnen erlaubte, willkürlich Menschen zu töten, mit denen sie an einem anderen Tag die Busbank oder den Platz im Schnellrestaurant geteilt hätten. Alles im Namen einer höheren Gerechtigkeit, natürlich.

"Ich habe da so eine Bruderliebe gespürt", begeistert sich Hakan für den Islamunterricht. "Die haben gesehen, dass ich ein wertvoller Mensch bin." Heilende Worte. Fast scheint es, als ob jemand den Schlüssel zu der Tür in seinem Inneren gefunden hätte. Warum aber hat niemand anderes den "wertvollen Menschen" in ihm gesehen? Die Eltern, die Lehrer, Freunde? Oder eine Freundin? Hakan nippt an seiner Cola. Nein, er habe noch nie eine Freundin gehabt.

Hakan sah sich als Opfer und traf sich mit einer Migranten-Clique zum Kiffen

Da ist wieder diese Starre, die an ihm öfters zu beobachten ist. Eine Lähmung, die jeden Überschwang, jede allzu leichtfüßige Freude ausschließt. "Zumindest weiß ich jetzt, dass ich auch gar keine Freundin brauche. Der Prediger hat gesagt, Beziehung ist Sünde. Nur die Ehe hat vor Allah Bestand." Hakan findet das tröstlich. Zwei Jahre ist das jetzt etwa her. Dass er selbst bald der "Sünde" anheimfallen, ja sie sogar stolz präsentieren wird, das erscheint da noch als undenkbar.

Dabei stammt Hakan - typischerweise für die Rekruten radikaler Prediger - aus einem ziemlich weltlichen Elternhaus. "Mein Vater hat mich nur ein paar Mal in einen Gebetsraum mitgenommen", berichtet er. "Ansonsten war Religion bei uns kein Thema." Bis Hakan, der als Kind von einer Karriere als Fußballprofi träumte, am Freitagnachmittag nicht mehr zum Bolzplatz wollte. Sondern in die Moschee. Bis er anfing, Suren zu zitieren. Und zu referieren, was alles haram, also verboten sei. "Mein Vater war schockiert", sagt Hakan. "Er fing an, mit mir über Religion zu reden. Das war ich gar nicht gewohnt." Miteinander geredet wurde in seiner Familie kaum. Erst recht nicht über sich selbst, über Gefühle, über Spiritualität.

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Hakan ist der jüngste von drei Brüdern. Seine Eltern führten, wie so viele türkische Immigranten ihrer Generation, eine arrangierte Ehe. Sie lief nicht gut. Die zu Depressionen neigende Mutter redete immer weniger, und Hakan war derjenige, der sich vor allen anderen für sie verantwortlich fühlte. Der Vater war meist außer Haus. Neben der Schichtarbeit in einer Autofabrik arbeitete er als Taxifahrer, um die Miete und die Ausbildung der drei Söhne zu finanzieren. "Er hat sich, glaube ich, ein anderes Leben gewünscht", sagt Hakan. "Alles, was er sich wünscht, ist, dass wenigstens wir keinen Mist bauen."

Die älteren Brüder machten alle höhere Schulabschlüsse und fanden gut bezahlte Jobs. Sie konterten das Handicap ihrer Herkunft mit doppeltem Ehrgeiz, Hakan aber reagierte trotzig: Er bekam Verweise wegen Schlägereien. Flog wegen Aufsässigkeit von der Schule. Und brach dreimal hintereinander eine Lehre ab. Zu viel Eigensinn, zu wenig Motivation - das behaupteten die Ausbilder. Hakan selbst sah sich eher als Opfer. Er traf sich mit einer Migranten-Clique zum Kiffen. Und palaverte mit den Kumpels über Verschwörungstheorien und die im Koran angekündigte Endzeit. Was man so redet, um sein Außenseitertum mit Bedeutung aufzuladen.