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Sachbuch "Warum Bayern ein orientalisches Land ist":Bier und Wüstensand aus dem Morgenland

Jahresrückblick 2010 - Oberammergauer Passionsspiele

Alle zehn Jahre verwandeln die Passionsspiele Oberammergau in die Heilige Stadt Jerusalem – zuletzt im Jahr 2010, wie bei dieser Kreuzigungs-Szene.

(Foto: Tobias Hase/dpa)

Der Kulturhistoriker Klaus Reichold erklärt, "Warum Bayern ein orientalisches Land ist".

Von Barbara Hordych

Einige Entdeckungen in Klaus Reicholds pointiert erzählendem Sachbuch "Warum Bayern ein orientalisches Land ist" dürften stolzen Bewohnern des weiß-blauen Kosmos nicht so recht schmecken. Da wäre etwa die Feststellung, dass "entgegen anderslautender Vermutungen das Bier nicht in Bayern erfunden (wurde), sondern im Zweistromland. Dort kannte man schon um 1800 vor Christus zwanzig unterschiedliche Sorten. Und dort verkündete König Hammurapi I. die älteste überlieferte Schankordnung der Welt. Danach war jede Priesterin, die ein Bierhaus aufsuchte oder gar eröffnete, unverzüglich dem Scheiterhaufen zu überantworten." So weit sei es in Bayern freilich nie gekommen, stellt der Kulturhistoriker fest. Um sogleich zu erklären: "Weil der hier jahrhundertelang vorherrschende katholische Glaube die Weihe von Frauen zu Priesterinnen gar nicht vorsieht." Überhaupt, das Christentum. Das stamme bekanntlich aus dem Orient. Und verwandele anlässlich der Passionsspiele Oberammergau alle zehn Jahre in die Heilige Stadt Jerusalem. "Aus der Alpenkette am Horizont wird das Judäische Bergland. Auf der Bühne wirbelt Wüstenstaub durch die Luft. Und gekreuzigt wird auch".

Wechselwirkungen zwischen Bayern und dem Orient also zuhauf, die der Autor in Kapiteln wie "Warum man in Bayern nicht mehr auf die Preußen schießen darf", "Warum syrische Bogenschützen das römische Bayern bewachten", "Warum sich Lenin in Bayern Meyer nannte" und "Warum die Bavaria ihre Existenz dem Untergang der osmanischen Flotte verdankt" beschreibt. Mit profunder Sachkenntnis und Sinn für anarchischen Humor sondiert er die globalen Quellen, aus denen sich vermeintlich urbayerische Phänomene speisen. Vielleicht gräbt sich dabei nicht jedes Herrscher-Schicksal ins Gedächtnis wie das des greisen Kaisers Friedrich Barbarossa, der 1189 von Regensburg aus zum Kreuzzug aufbrach, um in Kleinasien im Fluss Saleph zu ertrinken. Eines aber dürfte nach der Lektüre des Buchs feststehen: Der Ausspruch "Mia san mia" ist ein kompletter Schmarrn.

Klaus Reichold: Warum Bayern ein orientalisches Land ist und andere weiß-blaue Wahrheiten, Edition Luftschiffer, 2020, 171 Seiten, 17 Euro

© SZ vom 20.01.2021
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