Sachbuch:Des Kaisers falsche Kleider

In "Der Kaiser reist inkognito" folgt Monika Czernin den Spuren von Kaiser Joseph II. Die Autorin beschreibt neun der Expeditionen des Kaisers, von Wien bis Donauwörth, München bis Paris.

Von Antje Weber

Einmal ließ er sich sogar im Kerker einsperren. Der Monarch wollte selbst erleben, wie sich ein Gefangener fühlt, der in einem Verlies angekettet ist und nur das Tropfen von der Decke sowie die Schreie von Gefolterten hört. Kaiser Joseph II. war bekannt für solche ungewöhnlichen Ausflüge. Der Herrscher über das Römisch-Deutsche Reich reiste bis in die letzten Winkel seines Reiches, mit kleinem Gefolge, einem Zelt und einer Hirschhaut als Schlafsack. Fast 50 000 Kilometer legte er in seiner Regierungszeit zwischen 1765 und 1790 zurück.

Wenn Joseph II. den Hof verließ, um sein Volk kennenzulernen, nannte er sich Graf Falkenstein. "Der Kaiser reist inkognito" (Penguin Verlag) heißt passenderweise das Sachbuch von Monika Czernin, in dem sie seinen Spuren folgt. Die in Klagenfurt geborene Autorin, die am Starnberger See lebt, beschreibt neun der Expeditionen des Kaisers, von Wien bis Donauwörth, München bis Paris. Sie hat jahrelang Quellen studiert, sich in elf Kartons mit Handschriften im Wiener Haus-, Hof-und Staatsarchiv versenkt und versichert im Vorwort: "Alles ist verbürgt, nichts erfunden." Was Czernin an Joseph II. fasziniert? Es ist vor allem der Wissensdurst und Reformeifer eines aufgeklärten Monarchen, der in schwierigen Zeiten ein bröckelndes Reich zusammenzuhalten versuchte. Darin entdeckt die Autorin auch Bezüge zu heute, denn das Römisch-Deutsche Reich bestand, wie Czernin anschaulich schildert, aus "einem schwer zu kontrollierenden Haufen souveräner Fürsten". Ähnlich wie heute habe die Welt im 18. Jahrhundert in einer "Erneuerungskrise mit ungewissem Ausgang" gesteckt. Der Schuldenberg sei bedrohlich groß, die Verwaltung den Reformen nicht gewachsen gewesen. Auch wenn der Kaiser in vielem scheiterte: Er war "ein Monarch, der seine gewohnten Sphären verließ, um die Bitten und Klagen des Volkes ernst zu nehmen".

Monika Czernin: Der Kaiser reist inkognito, Di., 22. Juni, 18 Uhr, Literaturhaus, Live- und Stream-Tickets unter literaturhaus-muenchen.de

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