Mentale Gesundheit in der ClubszeneErschöpft hinterm DJ-Pult

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Tagsüber arbeiten, nine to five. Abends auflegen, five to nine. Irgendwann ging das für Sabrina Dewald nicht mehr.
Tagsüber arbeiten, nine to five. Abends auflegen, five to nine. Irgendwann ging das für Sabrina Dewald nicht mehr. (Foto: Emanuel Klempa)

Die Münchnerin Sabrina Dewald hat sich als „sab.rina“ einen Namen in der DJ-Szene gemacht. Wenn sie nun im Bahnwärter Thiel und im Lost Weekend auflegt, wird das vorerst zum letzten Mal sein. Denn Arbeit und Clubleben sind schwer zu vereinbaren.

Von Sandra Langmann

Wenn sab.rina an den Reglern steht, vergisst sie das ganze Drumherum. Sie ist wie in Trance, die Beats tun ihr gut. Dabei vergisst sie auch, dass es ihr gerade gar nicht gut geht, dass sie den Gig eigentlich nur durchziehen will. Das Auflegen ist das, wofür sie brennt. Doch sie braucht eine Pause und verkündet in ihrem Instagram-Post, dass sie sich die jetzt auch nehmen wird.

Vor drei Jahren spielte Sabrina Dewald, 32, ihren ersten Gig. Als Eventmanagerin war sie in der Münchner Kulturszene bereits bestens vernetzt. Das Wut Kollektiv, ein queerfeministisches DJ*-Kollektiv in München, gab ihr den nötigen Schubser und holte sie aus ihrer Unsicherheit. War sie gut genug? Wollte man ihre Musik hören?

Als Kind aus einer Kleinstadt kam sie erst später bei Konzerten mit Techno in Berührung. Ihre ersten Gigs spielte sie im Lost Weekend, in der Alten Utting, dann im Bahnwärter Thiel. Das Melodische mit schönem Flow, kein harter Techno, das ist ihr Ding. Tagsüber arbeiten – nine to five – abends auflegen – five to nine.

Irgendwann geht das nicht mehr. „Ich bewundere jeden, der das unter einen Hut bekommt. Und sogar die Closings bis sechs Uhr morgens spielt.“ Sabrina fällt es schwer, klare Grenzen zu setzen. Bei der Arbeit denkt sie an den Gig, im Club hat sie ein schlechtes Gewissen, weil sie eigentlich schon im Bett liegen sollte. „Ich wollte mir ja auch noch die anderen Sets anhören und nicht gleich wieder verschwinden.“ Also versucht sie, sich am nächsten Tag freizunehmen, auszuschlafen und ein Gleichgewicht in ihren Alltag zu bekommen.

Gelungen ist ihr das nicht. Sabrina bekommt Schlafstörungen, kann nicht mehr ein- oder durchschlafen, morgens kommt sie nicht mehr aus dem Bett. Ihre Wohnung wird zunehmend chaotischer, sie ist lustlos. „Die Lustlosigkeit löst bei mir auch oft Lethargie und Migräneanfälle aus. Dadurch kann ich Verpflichtungen nicht einhalten und meinen normalen Alltag nicht bestreiten“, sagt sie. Verabredungen sagt sie ab. Sabrina kennt die Anzeichen, vor fünfeinhalb Jahren wurde bei ihr eine Depression diagnostiziert.

Als es ihr damals nicht gut ging, hat sie sich professionelle Hilfe gesucht. Die Überwindung war groß und zur Corona-Zeit war es schwer, einen Therapieplatz zu finden. „Ich dachte, vielleicht geht es mir gar nicht so schlecht wie anderen. Es geht schon.“ Als sie sich dann aber Hilfe suchte, hatte sie Glück, und mit der zweiten Therapeutin hat es gleich gepasst. „Es kann aber auch sein, dass man auf einen Therapieplatz lange wartet.“

Die Nachfrage ist groß, für die Anzahl an Plätzen, auch heute noch. „In der Gesellschaft, zumindest in meiner Bubble, ist die Akzeptanz da. Jetzt müsste die Politik nachziehen. Es braucht mehr Hilfe zur Selbsthilfe.“ Sabrina schafft es aus dem Loch, bis die depressive Phase wieder lauter wird. Ihre Therapeutin ist es, die Sabrina vor Augen hält, dass sie etwas ändern muss. „Eigentlich habe ich ja schon gemerkt, dass ich eine Pause brauche. Ich musste es nur nochmal hören.“

Sie weiß, dass es vielen Kolleginnen un Kollegen in der Szene ähnlich geht

Keine leichte Entscheidung. Um für sich diesen Cut zu machen, schreibt sie einen Post auf Instagram, dass die nächsten zwei Gigs erstmal ihre letzten sein werden. Sie möchte sich auf ihren neuen Job und ihre mentale Gesundheit konzentrieren. Der Post ist vor allem für sie selbst gedacht, damit es offiziell ist.

Sabrina ist nicht die Einzige, der es so geht. Sie stößt auf viel Zuspruch und bekommt Besserungswünsche. Von Kollegen und Kolleginnen aus der DJ-Szene weiß sie, dass auch andere pausieren, es machen nur nicht alle öffentlich. „Ich finde es aber wichtig, darüber zu reden und hab’s gepostet.“ Der Schritt ist ihr nicht leicht gefallen und sie hat bestimmt ein dreiviertel Jahr darüber nachgedacht, denn sie liebt den Techno, die Beats, die Melodic, den Flow. Aber: „Die Stadt ist teuer, man braucht eben einen Money Job.“

Gerade am Anfang verdient man nicht viel, die Hintergrundarbeit wie Recherche und Vorbereitung wird gar nicht honoriert. Durch ihre Arbeit als Eventmanagerin und Ehrenamtliche beim Wut-Kollektiv bekam sie einen Anhaltspunkt, wie viel sie für einen Abend verlangen konnte. „Und trotzdem war ich bei Festivals die Quotenfrau oder sollte fünfzig Euro für vier Stunden bekommen.“ Davon kann man, vor allem in München, keine Miete bezahlen. Sabrina war nie diejenige, die groß rauskommen wollte, sie legt auf, weil ihr die Musik taugt. Daher will sie auch bald wieder zurück an die Decks. „Länger als ein Jahr möchte ich eigentlich nicht pausieren.“ Jetzt konzentriert sie sich auf ihren neuen Job, auf sich, auf ihre Gesundheit. „Und dann schauen wir mal.“

sab.rina, Rote Sonne & Bahnwärter Thiel Open Air, Lost in Melody im Lost Weekend, Samstag,30. August 2025

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