Theater:Spurensuche im Unbegreiflichen

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Staatstheater Nürnberg

Im Saal 600 auf Spurensuche (v.l.n.r.): Nicolas Frederick Djuren, Anna Klimovitskaya, Adeline Schebesch, Stephanie Leue.

(Foto: Konrad Fersterer)

"Saal 600": Ein Dokumentarstück am Ort der Nürnberger NS-Kriegsverbrecherprozesse wühlt auf. Und es fördert eine neue Erkenntnis über das schäbige Verhalten deutscher Versicherungsunternehmen zutage.

Von Egbert Tholl, Nürnberg

Georg Eisenreich und Bernd Sibler haben natürlich recht, wenn sie vorschlagen, den Saal 600 in die Liste der Unesco-Welterbe-Stätten aufzunehmen. Eher könnte man fragen, weshalb die beiden bayerischen Minister, zuständig für Justiz und Kunst, erst jetzt auf diese Idee kommen. Ebenso könnte man beklagen, warum es das "Memorium", das Dokumentationszentrum zur Geschichte des Orts, erst seit rund zehn Jahren gibt. Von November 1945 bis Oktober 1946 fand im Saal 600 des Nürnberger Justizpalastes der erste Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher des Naziregimes statt. Eine profunde Ahnung von dem, was war, erhält, wer sich heute "Saal 600: Spurensuche" anschaut. Dieses Projekt des Nürnberger Staatstheaters in Koproduktion mit dem Memorium, erdacht und erfunden von Regine Dura und Hans-Werner Kroesinger zusammen mit fünf Ensemblemitgliedern des Theaters.

Saal 600 der Nürnberger Prozesse

Der Saal 600 während des Umbaus im Herbst 1945 für die Verhandlungen gegen Göring und andere Kriegsverbrecher.

(Foto: Charles W. Alexander/Museen der Stadt Nürnberg/Museen der Stadt Nürnberg)

Es war der Beginn einer Aufarbeitung, die nie abgeschlossen sein wird, die aber in den Jahren nach den Prozessen von vielen gern als vollendet gesehen worden wäre. Die Prozesse legten den Grundstein für die viel spätere Gründung des Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Sie versuchten, unfassbaren Verbrechen mit den Mitteln von Gesetz und Zivilisation zu begegnen. Die Bilder der Angeklagten, der Mörder, Schlächter, Kriegsgewinnler auf den Anklagebänken sind ikonisch geworden; der Saal selbst ist es nicht. Er hat, trotz imposanter, steinerner Türstöcke, etwas sehr Zweckmäßiges. Aber es geht ja darum, was hier verhandelt wurde. Und ebenso geht es in der Aufführung nicht um Theaterzauber, sondern um eine Annäherung an etwas Unbegreifliches, auch um den Prozess selbst.

Anna Klimovitskaya, Stephanie Leue, Adeline Schebesch, Nicolas Frederick Djuren und Janning Kahnert brauchen 25 Holzwürfel, Aktenordner und viele Blätter Papier, mehr nicht, um den Prozess selbst vorstellbar, den Weg ihrer eigenen Aneignung des Themas plastisch werden zu lassen. Es geht nicht darum, Göring zu spielen; es geht darum, was Göring im Prozess sagte. Man glaubt ja oft, vieles über die Naziverbrechen zu wissen. Aber dass nach der Reichspogromnacht 1938 deutsche Versicherungsanstalten darüber jammerten, dass die jüdischen Opfer Schadensersatzansprüche für verwüstete Geschäfte stellten, das ist eine neue Erkenntnis.

Man sieht viele Originalbilder und -filme, darunter die KZ-Überlebende Marie-Claude Vaillant-Couturier bei ihrer Aussage; die Stimme leiht ihr Klimovitskaya, ein erschütternd beklemmender Moment. In den Fünfzigerjahren wollte man alles vergessen. Auch Adenauer und der Vatikan wollten das, auch davon erzählt der Abend. Und es hört nicht auf.

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