Die zweite S-Bahn-Stammstrecke soll Mitte bis Ende der 2030er-Jahre fertig werden. Dann wird die Münchner S-Bahn nach derzeitigem Stand einen ganztägigen 15-Minuten-Takt bekommen, anstelle des heutigen 20-Minuten-Takts, der zu Stoßzeiten auf einigen Linien mit Verstärkerzügen auf einen Zehnertakt verkürzt wird. Über die künftige Taktfrage wird wohl noch diskutiert, für viele Pendler an den S-Bahn-Außenästen bedeutet ein 15-Minuten-Takt zur Rushhour eine Verschlechterung.
Fest steht: Um überhaupt einen 15-Minuten-Takt und zusätzliche Express-S-Bahnen hinzubekommen, reicht die neue Stammstrecke nicht aus. Deshalb sind sieben sogenannte netzergänzende Maßnahmen geplant, die mehr Verkehr beziehungsweise einen stabileren Verkehr auf den S-Bahn-Gleisen außerhalb der Stammstrecke ermöglichen.
Die erste dieser Maßnahmen hat die Deutsche Bahn (DB) am Mittwoch offiziell gestartet: Die Bahntochter DB Infrago hat an der Bodenseestraße, in der Nähe der S-Bahn-Station Westkreuz, mit dem Bau eines sogenannten Überwerfungsbauwerks begonnen. Der Begriff steht für eine kreuzungsfreie Überführung der S-Bahn-Strecken. Dadurch sollen die Züge von Ende 2027 an unabhängig voneinander fahren können.
Aktuell kreuzen sich am Westkreuz die Linien S6 stadtauswärts und die S5 und S8 stadteinwärts. Wenn alle Züge pünktlich sind, ist das laut Alexander Bonfig vom Verkehrsministerium kein Problem. Doch bei Verspätungen – und die sind an der Tagesordnung – müssen die Züge mitunter aufeinander warten. Dadurch können sich auch die nachfolgenden Züge verspäten. Dieser Engpass wird nun beseitigt: Künftig unterqueren die S8 und die S5 das Gleis der S6, Wartezeiten soll es dann nicht mehr geben.
Kai Kruschinski-Wüst, Gesamtprojektleiter der zweiten S-Bahn-Stammstrecke, nennt die Umsetzung dieser ersten netzergänzenden Maßnahme technisch anspruchsvoll. In den kommenden eineinhalb Jahren baue die DB außer dem 56 Meter langen Überwerfungsbauwerk auch neue Gleise, Weichen, Oberleitungen und drei neue Eisenbahnbrücken. „Dadurch schaffen wir die Grundlage für eine bessere S-Bahn im Münchner Westen“, sagt Kruschinski-Wüst.

Auch Auto-, Fuß- und Radverkehr sollen von der Baumaßnahme profitieren. Von 2027 bis 2029 wird die Bodenseestraße zwischen der Dickens- und Heimburgstraße begradigt und ausgebaut. Bisher macht die Bodenseestraße einen leichten Schlenker nach Norden. Die neue geradlinige Führung dieses Abschnitts soll die Sichtverhältnisse am anschließenden Herrschinger Bahnweg erheblich verbessern und Unfälle reduzieren. An beiden Straßenseiten ist zudem ein etwa fünf Meter breiter getrennter Geh- und Radweg geplant.
Die Vorbereitungen für die Baumaßnahme haben laut Kruschinski-Wüst mehrere Jahre gedauert. Mit mehr als 170 Grundstückseigentümern musste man sich einigen, zudem mussten unter anderem geschützte Tierarten wie Zauneidechsen, Fledermäuse und Vögel umgesiedelt werden.
Die Bauarbeiten bringen auch Gleissperrungen mit sich: So ist vom 1. bis 15. Juni mit Einschränkungen im Zugverkehr zu rechnen sowie vom 3. bis 17. August, vom 9. bis 12. Oktober und vom 23. Oktober bis 23. November. Details über Ausfälle und Ersatzverkehr will die Bahn rechtzeitig veröffentlichen.
Bund, Freistaat, die Stadt München und die DB Infrago investieren in Summe etwa 110 Millionen Euro in das Projekt, inklusive der Änderung der Bodenseestraße. Weitere künftige netzergänzende Maßnahmen sind ein zusätzlicher Bahnsteig am Bahnhof Markt Schwaben, ein zweites Gleis im Bereich St. Koloman–Aufhausen einschließlich barrierefreiem Ausbau der beiden Stationen, ein Abstell- und Wendegleis in Weßling einschließlich des barrierefreien Ausbaus der Station Weßling, ein zweites Gleis auf der Strecke Steinebach–Seefeld-Hechendorf einschließlich barrierefreiem Ausbau der Station Steinebach, die Verkürzung der Zugfolgeabstände westlich von Pasing und Baumaßnahmen zwischen Johanneskirchen und Flughafen, die schnellere Züge und somit kürzere Reisezeiten ermöglichen sollen.


