Verkehr in München:S-Bahn schafft die Störungen ab

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Fährt nicht immer so schnell: Die Münchner S-Bahn.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Bei Schwierigkeiten braucht es nur ein paar nette Worte, um alles ins Positive zu kehren. Verkehrsunternehmen können das besonders gut.

Glosse von Andreas Schubert

Schönfärberei hat in München Tradition. Schließlich kann es gerade in schwierigen Zeiten nicht schaden, Unangenehmes so hinzubiegen, dass es dann doch irgendwie als etwas Nettes rüberkommt. Großer Dank gebührt hier zum Beispiel dem Baureferat oder den Stadtwerken, die es meisterlich verstehen, den Bürgern gute Laune zu bereiten. Wer zum Beispiel wieder mal im Stau steht, weil in der halben Stadt die Straßen aufgerissen sind, wer sich die Nase an einem der Abermillionen Bauzäune im Stadtgebiet blutig gestoßen hat und dann das freundliche Schild "Wir bauen für Sie" liest, der kann eigentlich gar nicht böse sein. Da ruft man erfreut: "Was? Für mich? Wie lieb aber auch", und ist beseelt für den Rest des Tages. Ist doch eine wunderbare Sache, wenn ein Bauträger bei allem Bauherrenstress sogar noch Zeit hat, an einen zu denken.

Besonders besorgt um die gute Stimmung der Münchner sind zum Beispiel auch die Verkehrsunternehmen. Die ertappen immer wieder Passagiere, die vom Zonen-Wirrwarr überfordert sind, mit falschen Tickets. Das kommt relativ häufig vor, aber nett wie MVG und Deutsche Bahn nun einmal sind, verdonnern sie die Ticketsünder nicht etwa zu einer Geldstrafe oder dazu - was wirklich gemein wäre - die Tarife auswendig zu lernen. Nein, in solchen Fällen wird das allseits beliebte "erhöhte Beförderungsentgelt" fällig. Klingt doch gleich viel tröstlicher als "Strafe", man hat zwar formell eine Straftat begangen, aber schließlich keine schwangere Katze überfahren oder noch schlimmer. Dankbar und glücklich muss da sein, wer erwischt werden durfte.

Für ihre Kreativität beim Schönfärben haben die Verantwortlichen mindestens einen Ehrendoktor verdient

Die Krone der Königin aller Euphemismen gebührt dabei zweifelsohne der Deutschen Bahn. Die zweite S-Bahn-Stammstrecke muss aufwendig umgeplant werden? "Optimierung", sagt die Bahn und der Fahrgast der Zukunft freut sich, dass noch besser wird, was vorher schon supi war. Da wartet man gerne ein paar Jährchen länger auf den neuen Tunnel, dessen Eröffnung man sich schon heute als Sternstunde im Kalender ankreuzen würde, wüsste man denn, wann sie stattfindet oder ob man sie überhaupt noch erleben darf.

Zu unser aller Glück hat die Bahn nun sogar die Störungen abgeschafft. Ja, die Zeiten, in denen einem Meldungen über Weichenstörungen, Signal-, Fahrzeug- oder Stellwerkstörungen das Dasein vermiesten, sind passé. In der schönen neuen S-Bahn-Welt heißt es neuerdings, "aufgrund einer Reparatur an einem Fahrzeug..." und so weiter. Sehr vorbildlich das! Der Kunde weiß dadurch sofort, dass da emsige Arbeitstrupps am Werk sind, um die Abläufe auf der Stammstrecke zu optimieren und nicht bloß ein kaputter Zug dumm im Tunnel herumsteht.

Da nickt der Wartende am Bahnsteig anerkennend, aber nicht etwa, weil die Bahn so dynamisch ist. Sondern, weil die Verantwortlichen für ihre Kreativität beim Schönfärben mindestens einen Ehrendoktor verdient haben.

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