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S-Bahn-Unglück Neufahrn:Lokführer missachtete Sicherheitsvorschrift

Nach Auskunft des Eisenbahn-Bundesamts hat die Bahn eine im Juni eingeführte Verhaltensregel für Lokführer, die den Zusammenstoß wahrscheinlich verhindert hätte, nicht umgesetzt. Gefordert wird zudem ein Umbau der Neufahrner Signalanlage, die in zulässiger, aber unüblicher Weise konzipiert sei.

(SZ vom 25.09.2003) - Was am Morgen des 16.August im Bahnhof von Neufahrn geschah, ist nach Einschätzung des Eisenbahn-Bundesamtes ein klarer Verstoß gegen die Fahrdienstvorschrift. Um kurz vor sieben Uhr war eine S1 planmäßig in zwei Zugteile getrennt worden - der erste sollte nach Freising fahren, der andere zum Flughafen. Zug eins wurde jedoch kurz hinter der Station irrtümlich in Richtung Flughafen geleitet. Als der Lokführer diese bemerkte, hielt er sofort auf freier Strecke an. Kurz später prallte der zweite Zugteil hinten auf. Dessen Lokführer war wie gewohnt einfach losgefahren, das Ausfahrtsignal zeigte grün.

Die am 15.Juni eingeführte Bestimmung 408.0331 schreibt aber vor, dass bei zwei abfahrtsbereiten Zügen auf nur einem Gleis der zweite erst losfahren darf, wenn vom Fahrdienstleiter mündlich die Genehmigung erteilt wurde. Dieser Kontakt hat nie stattgefunden - was aus Sicht des Lokführers durchaus nachvollziehbar ist: Denn Bestimmung 408.0331 wurde in Neufahrn grundsätzlich ignoriert. Sie wird erst seit dem Unfall, bei dem 24Menschen verletzt wurden, angewandt. Das Eisenbahn-Bundesamt hatte am 18.August, zwei Tage nach dem Unfall, bei einer Besprechung mit der Bahn angeordnet, dass "die Kommunikation beim Flügeln der S-Bahn in Neufahrn den geltenden Regeln entsprechend erfolgt". Heißt: Der Lokführer des zweiten Zugteils muss seitdem stets Kontakt mit dem Fahrdienstleiter aufnehmen, der die Übersicht über die Strecke hat. Mark Wille vom Eisenbahn-Bundesamt geht davon aus, dass am Unfalltag der Lokführer des ersten Zuges die Zentrale an der Donnersbergerbrücke über die "Irrfahrt" unterrichtet hat. Zeit zum Reagieren blieb jedoch nicht mehr - Lokführer zwei war ja schon unterwegs.

Dieses Versäumnis ist allerdings nicht der alleinige Auslöser des Unfalls. Bei dem Gespräch am 18.August, dessen Protokoll der SZ vorliegt, wurde eine "Verkettung mehrerer Faktoren" attestiert. Dazu gehört auch die vom Bundesgrenzschutz festgestellte Tatsache, dass kein einziges Rotlicht überfahren wurde und somit trotz des belegten Gleises keine Zwangsbremsung ausgelöst wurde.

An diesem Phänomen war keineswegs ein technischer Defekt schuld. Das Eisenbahn-Bundesamt hat vielmehr "eine dem Regelwerk entsprechend nicht übliche Planung von Signalanlagen" festgestellt. Denn der Kontakt, der das Neufahrner Signal nach Abfahrt des ersten Zuges auf Rot gestellt und damit die Strecke abgesichert hätte, ist erst in 300Metern Entfernung montiert. Der Zug hatte ihn noch gar nicht erreicht. Dies sei, so das Gesprächsprotokoll, zwar zulässig, werde aber "allgemein als zu weit hinter dem Ausfahrtsignal erachtet". Nun muss die Bahn einen zusätzlichen Kontakt einbauen - in 50Metern Entfernung und damit nah genug, dass ein Zug von der Technik nicht "übersehen" werden kann.

Die Anordnung der Signale wirft allerdings auch ein schiefes Licht auf die Sicherheitsvorschriften des Eisenbahn-Bundesamts, das die Anlage überprüft und abgenommen hatte. Sprecher Wille bestätigt, dass bei den Ermittlungen auch die gängigen Regularien auf dem Prüfstand stehen - schließlich dürfe sich ein derartiger Unfall nicht wiederholen. Der Bahn wurde zudem empfohlen, an der Ausfahrt des Neufahrner Bahnhofs Richtungsanzeiger anzubringen, an denen der Lokführer rechtzeitig die Stellung der Weiche ablesen kann.

Denn die falsch gestellte Weiche ist Auslöser drei im komplexen Unfall-Geschehen. Dieser Fehler ist nach den Ermittlungen des Bundesgrenzschutzes bereits bei der Fahrplan-Erstellung erfolgt. Die verunglückte S-Bahn hatte einen falschen Steuercode bekommen, der alle Signale und Weichen in Richtung Flughafen stellte - der erste Zugteil mit Fahrtrichtung Freising war sozusagen technisch nicht vorgesehen. Nun wird nach Verantwortlichen gesucht.

Gegen Unfall-Faktor vier kann nicht ermittelt werden - den Nebel. In Neufahrn herrschte am Unglückstag eine Sichtweite von unter 30Metern. Bei guter Sicht, da sind sich alle Experten einig, wäre der Crash niemals erfolgt - die Strecke ist sehr übersichtlich. Das Tragische: Diese Einschätzung gilt für sämtliche Faktoren - für den Nebel ebenso wie für das versäumte Gespräch mit dem Fahrdienstleiter, den ungünstig montierten Gleiskontakt und den falsch vergebenen Steuercode. Wäre nur ein Aspekt ausgefallen, hätte es wohl nicht gekracht.