S-Bahn-Stammstrecke Dramatische Luftballon-Panne

Hunderte Fahrgäste sitzen in S-Bahnen fest, ein Lokführer wird verletzt, und schuld ist schon wieder ein aluminiumbeschichteter Ballon. Die Bahn denkt bereits über ein spezielles Abfangsystem nach

Von Tom Soyer

Vier Kurzschlüsse, vier Stunden Vollsperrung - und der Auslöser war vermutlich wieder ein Luftballon, der in die Oberleitung geraten war. Am Samstag um 17.55 Uhr jagte in der S-Bahn-Station unterm Stachus ein Knall zahlreichen Fahrgästen einen Schrecken ein: Durch einen Kurzschluss wurde dort die Oberleitung abgerissen und von einer einfahrenden S-Bahn erfasst. Gleichzeitig gab es weitere Kurzschlüsse an den Haltestellen Marienplatz, Moosach und Obermenzing. Die gesamte S-Bahn-Stammstrecke wurde gesperrt, auf allen Linien kam es bis in die Nacht hinein zu Zugausfällen und Verspätungen.

Dass ein mit Aluminium beschichteter Ballon die Ursache gewesen sein könnte, schließt die Bundespolizei daraus, dass am Abend in den Gleisen direkt unter der abgerissenen Oberleitung die verbrannten Reste eines eben solchen gefunden wurden. Gerät ein Gegenstand zwischen Fahrdraht und Tragseil, kann er den Stromkreis schließen und einen Kurzschluss auslösen - teils sogar ohne direkten Kontakt angesichts einer Oberleitungsspannung von 15 000 Volt. Mit solchen Ballon-Unfällen hat das Münchner S-Bahn-Netz häufige und schlechte Erfahrungen. Erst Ende Juli war deshalb die Flughafen-S-Bahn stundenlang lahmgelegt, im Februar traf es den Pasinger Bahnhof. Die Bahn verbietet in ihrer Hausordnung das Mitführen solcher Ballons im Stammstrecken-Tunnel; sie denkt auch über ein Ballon-Abfangsystem nach, um Unfälle wie diesen zu verhindern. Wegen des Vorfalls am Samstag ermittelt die Polizei nun wegen eines "gefährlichen Eingriffs in den Schienenverkehr".

Bei dem Oberleitungsschaden am Stachus wurde der Triebfahrzeugführer des Unfallzugs leicht verletzt. Er war beim Kurzschluss offenbar einem massiven Lichtbogen ausgesetzt, der auch das Augenlicht beeinträchtigen kann. Zudem soll sich Rauch im Führerstand ausgebreitet haben. Der Mann kam zur Behandlung in ein Krankenhaus. Die etwa 275 Passagiere in seinem Zug blieben unverletzt, mussten aber etwa eine Stunde lang zwischen Hauptbahnhof und Stachus im Zug ausharren, ehe sie sicher zum nächstliegenden Bahnsteig geleitet werden konnten. Zum zeitlichen Verlauf gibt es widersprüchliche Angaben: Während es in der Bahn-Zentrale in Berlin heißt, jener Zug sei bis etwa 18.45 Uhr evakuiert gewesen, gibt es aus Kreisen der Rettungskräfte auch Angaben, die von 19.30 Uhr sprechen.

Der Kurzschluss am Stachus hatte weitere Folgen und löste auch andernorts Überspannungen aus. Offenbar bereitete er auch einem Schaltkasten im Bereich Laim/Obermenzing größere Probleme, in dem mehrere Oberleitungen zusammenlaufen, die daraufhin stromlos wurden. So kam es, dass auch ein leer fahrender ICE zwischen Obermenzing und Moosach liegen blieb und ein Güterzug in Laim nicht weiterfahren konnte.

Im S-Bahn-Tunnel steckten neben dem Unfallzug zwei weitere Züge fest, die laut Bahn mit ähnlich vielen Passagieren besetzt waren. Sie mussten längere Zeit ausharren, bis die Oberleitung wieder geerdet war. So wurden die beiden S-Bahnen nicht evakuiert, sondern steuerten schließlich aus eigener Kraft den nächsten Bahnsteig an. Die Gesamtzahl der Eingeschlossenen konnte die Bahn nicht exakt beziffern; sie schätzt sie aber auf gut 800. Neben den vielen anderen, die wegen der Stammstrecken-Sperrung indirekt betroffen waren. Sie wurde gegen 22.15 Uhr aufgehoben. Erst kurz nach ein Uhr am Sonntag meldete die Bahn, die Verkehrslage habe sich "weitgehend normalisiert".