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Laimer Bahnhof:Barrierefrei nicht mehr zu erreichen

Die Unterführung wird von September bis Dezember für Autos und Busse dicht gemacht.

(Foto: Catherina Hess)
  • Durch den Bau der zweiten S-Bahn-Stammstrecke wird der S-Bahnhof in Laim völlig umgebaut.
  • Das geschieht bei laufendem Betrieb über Jahre hinweg. In dieser Zeit werden die Gleise nicht mehr barrierefrei zu erreichen sein.
  • Lokalpolitiker und Behindertenvertreter sind entsetzt. Täglich steigen 60 000 Menschen an der Station ein, aus oder um.

Von Andrea Schlaier

Mittwochnachmittag, 16 Uhr: Die Mutter hat erfolgreich den Strom an Leuten gekreuzt, die einen kommen aus Richtung Nymphenburg, die andern aus Laim, und fast alle wollen sie die Treppen hoch, die wie ein Trichter die Passanten zusammenführen, hinauf zu den Gleisen des Laimer S-Bahnhofs. Der jungen Frau nützen die Treppen nichts. Sie steht mit ihrem Zwillingswagen vor der offenen Aufzugstür, der vom Gehweg am Rande der Stufen direkt zu den Zügen führt. Weil die Tür des Lifts zu schmal für den Doppel-Buggy ist, muss sie ihn seitlich ruckelnd irgendwie in den Glaskasten zerren. In gut einem Jahr werden nach aktuellem Stand Eltern mit Kinderwagen hier gar nicht mehr zur S-Bahn kommen. Auch keine Menschen im Rollstuhl.

Wegen des Komplettumbaus des Laimer S-Bahnhofs bei laufendem Betrieb sollen die Gleise drei Jahre lang barrierefrei nicht mehr zu erreichen sein. Weder die Bezirksausschüsse der angrenzen Viertel in Laim und Nymphenburg, noch der Behindertenbeirat der Stadt und Vertreter des Stadtrates wollen dies tolerieren. Am späten Mittwochnachmittag versammeln sich deshalb einige von ihnen am Fuße der Anlage zur Krisenbesprechung mit Vertretern der Deutschen Bahn AG.

60 000 Menschen steigen täglich an der Station ein, aus und um. "Die können den Bahnhof doch nicht für eine bestimmte Personengruppe für drei Jahre stilllegen." Günter Fieger-Kritter sagt das, er hat eben die Szene mit der jungen Mutter von seinem Rollstuhl aus beobachtet. Der 73-Jährige ist Mitglied im Behindertenbeirat der Stadt und deshalb zur knapp 20-köpfigen Runde gestoßen, die sich auf Initiative der Laimer Stadtviertelpolitiker trifft. "Worum es uns heute geht: ohne Aufzug drei Jahre. Das geht nicht!" Die Losung richtet Bezirksausschuss-Chef Josef Mögele (SPD) an die anwesenden Bahn-Vertreter; gekommen sind auch Mitarbeiter der Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) und des Kreisverwaltungsreferates.

Bislang garantiert ein Aufzug den barrierefreien Zugang zum S-Bahnhof Laim - bis zum Sommer 2020.

(Foto: Catherina Hess)

Durch den Bau der zweiten S-Bahn-Stammstrecke wird der Laimer S-Bahnhof vollständig umgekrempelt. Parallel zum bestehenden Tunnel entsteht ein zweiter, die Umweltverbundröhre (UVB) für Tram, Bahn, Fußgänger und Radfahrer. Im Herbst beginnen im Norden der Unterführung die Abbrucharbeiten über die Länge von 30 Metern. Es soll ein gemeinsames Portal für die künftigen Einfahrten ins Bauwerk entstehen. Die Röhre wird von 20. September bis voraussichtlich 20. Dezember für Autos und Busse gesperrt; der Fußgängerbereich im Osten des Bauwerks wird endgültig dichtgemacht. Allein die Fußgänger- und die Radler-Trasse auf der Westseite der Unterführung bleiben bestehen. Die Buslinie 51 wird über die Friedenheimer Brücke umgeleitet, die 151 getrennt von Norden und Süden angefahren und die 168 endet am Laimer Kreisel.

Damit starte ein hochkomplexer Umbau, sagt Helmut Hartl von DB Netze. In insgesamt vier Bauphasen werde es statt bisher drei künftig vier Gleise an der Station geben, das Bahnhofsgebäude werde zunächst zurückgebaut, und die Bahnsteigunterführung werde um etwa zwei Meter tiefer liegen. Ein ständiger Schichtwechsel aus "neu gebaut, abgebrochen, neu gebaut, abgebrochen", fasst Kollege Jörg Mader zusammen. All das finde auf engstem Raum statt und, fügt Hartl an, "wir müssen die gesamte Arbeit bei laufendem Betrieb durchführen". Nur in der ersten Phase, bis August 2020, sei der Bahnhof noch über eine Rampe barrierefrei zugänglich.

"Immer wird mit Bauzeit und Kosten argumentiert"

"Warum können Sie im baulichen Ablauf denn keinen Aufzug vorhalten?", will Günter Fieger-Kritter wissen. Sein Gremium fordere einen temporären Aufzug, der je nach Baustellensituation wandern könne. "Das war nicht Aufgabe unseres Baustellenkonzepts", entgegnet Hartl. CSU-Stadträtin Alexandra Gaßmann, die wie die Kollegen von Grüne und Rosa/Liste in einem Stadtratsantrag durchgehende Barrierefreiheit gefordert hat, hakt nach: "Die Problematik muss doch auch andernorts schon aufgetaucht sein. Wie hat die Bahn das da gelöst?" Hartl überlegt. "Da gab es wahrscheinlich auch nichts, weil's dafür ja massive Schächte bräuchte."

Ab der zweiten Bauphase, überlegt Hartl, gebe es Rolltreppen zu den Gleisen, in eine könne man übergangsweise Treppenlifte in eine Fahrbahn einbauen. Ist das eine Alternative?" Mögele schüttelt den Kopf: "Da bräuchte es eine zweite Fahrtreppe in die andere Richtung. Wir wollen nichts Illusorisches, sondern was Praktisches. Irgendwas mit Aufzug. Bis Ende September sollten wir wissen, wie's geht." Hartl verspricht eine "eingehende Prüfung", schränkt aber ein: "Ich habe keine Entscheidungsbefugnis, und wenn wir zusätzliche Bauleistungen berücksichtigen müssen, wirkt sich das auf die Bauzeit aus."

Fieger-Kritter, der mit seinem Kollegen Bernhard Claus gekommen ist, konstatiert ernüchtert: "Immer wird mit Bauzeit und Kosten argumentiert." Mehr politischer Druck, glaubt er, wäre hilfreich. Das gilt aus Sicht der Politiker auch für andere Probleme im Gefolge der anstehenden Sperrung der Röhre: den fließenden Umleitungsverkehr über die Friedenheimer Brücke und Ausweich-Stellplätze für die Fahrräder. "Das machen wir eigens", sagt Mögele. Fieger-Kritter und sein blinder Kollege Claus würden sich dafür einen barrierefreien Treffpunkt wünschen: "Hier war's zu laut, und es gab keine Pläne für Menschen mit Sehbehinderung."

© SZ vom 05.07.2019/imei
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