Durch den Waggon schallt ein durchdringender Piepton, die Brandmeldeanlage wurde ausgelöst. Nur wo? Der Lokführer läuft suchend durch die Gänge, blickt sich überall um. Aus der Toilette scheint Rauch zu dringen. Vorsichtig öffnet der Lokführer die Tür – zu schnell für das System. Eine Fehlermeldung erscheint auf dem Bildschirm. Anders als im realen Leben hat er noch einige weitere Versuche, beim nächsten Mal ist das System zufrieden.
Der Brand in der Toilette ist ein Szenario, das zwar durchaus in einem echten Zug passieren kann, an diesem Vormittag aber spielt der Bahn-Mitarbeiter es nur mithilfe einer Virtual-Reality-Brille nach. Die Anlage ist Teil des neuen Ausbildungszentrums in Steinhausen, das die Deutsche Bahn gerade eröffnet hat.
Die Akademie sei „ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur S-Bahn der Zukunft“, sagt der neue Münchner S-Bahn-Chef Matthias Glaub. Aktuell werde vieles erneuert: Die zweite Stammstrecke wird gebaut, neue Fahrzeuge werden eingeführt, ein neues Werk entsteht. „Hinter all dem stecken auch Menschen“, sagt Glaub. „Es funktioniert nur mit motivierten und gut ausgebildeten Menschen.“ Man habe bereits einen hohen Ausbildungsstandard, aber die bisherigen Flächen dafür seien viel zu klein geworden. Die neue Akademie soll helfen.
Pro Jahr sollen dort etwa 100 neue Lokführer ausgebildet werden, auch die 800 bestehenden sollen regelmäßig Fortbildungen machen. Denn das Wissen, das man als Lokführer braucht, sei nicht trivial und müsse regelmäßig aufgefrischt werden, sagt Marc Hildmann, der Leiter der Akademie. „Es ist nicht nur Rumsitzen und ein paar Knöpfchen drücken.“ Zur Ausbildung gehören auch mehr als 4000 Seiten Regelwerk.


Auf 3000 Quadratmetern finden angehende Lokführer in der neuen Akademie Unterrichtsräume, Besprechungszimmer und Gemeinschaftsflächen. Der Unterricht soll aber nicht nur theoretisch ablaufen. Neben der Virtual-Reality-Anlage gibt es auch drei Simulatoren, in denen das Führerpult des Hauptfahrzeugs der Münchner S-Bahn originalgetreu nachgebaut ist. Auf dem Bildschirm ist der Blick aus der Fahrerkabine animiert.
An den Simulatoren findet nicht nur die Erstausbildung statt, sondern auch regelmäßige Fortbildungen, sagt Hildmann. Der Vorteil: Mit der nachgebauten Anlage kann man auch Situationen üben, die in der Realität nicht planbar sind – etwa ein Ast, der die Strecke blockiert oder Gegenstände im Gleis. Im Simulator können die Auszubildenden laut Hildmann im geschützten Raum üben, wie man in solchen Szenarien am besten reagiert.
Ein Stockwerk weiter oben finden die angehenden Lokführer aber auch eine Anlage, die weniger nach Hightech aussieht, sondern auf den ersten Blick eher wie Spielzeug. Auf einem sieben Meter langen und 1,80 Meter breiten Tisch rattern kleine Modelleisenbahnen über kreisförmig ausgelegte Schienen. Gerade muss eine S-Bahn auf ein Nebengleis ausweichen, weil ein schneller fahrender Regionalzug überholen möchte. Der Raum dient nicht einfach dem Vergnügen der Auszubildenden, sondern ebenfalls dem Unterricht: Im Maßstab 1:160 sollen dort möglichst realitätsnah Szenarien nachgestellt werden, die die angehenden Lokführer dann nicht aus der Fahrerkabine beobachten können, sondern aus der Vogelperspektive. Das soll dabei helfen, die Abläufe besser zu verstehen.
Bei der Planung der Akademie seien auch Ideen von Mitarbeitern und Auszubildenden eingeflossen, sagt S-Bahn-Chef Glaub. Dazu zählt ein Raum im obersten Stock, in dem zwei Mikrofone auf einem Tisch aufgebaut sind. Mehrere Azubis, die selbst gerne Podcasts hören, hätten angeregt, auch bei der Deutschen Bahn ein solches Format zu entwickeln, erzählt Akademieleiter Hildmann. Der daraus entstandene Podcast dreht sich um fachlich-betriebliche Themen und kann künftig direkt im Ausbildungszentrum aufgenommen werden. Die Folgen sollen dann Lokführern helfen, ihr Wissen aufzufrischen.
Theorie und Praxis sollen bei der Aus- und Fortbildung eng verknüpft sein. Dabei hilft auch der Standort in Steinhausen, sagt Hildmann. Von der Dachterrasse der Akademie aus kann man das S-Bahn-Werk sehen. „Vom Teilnehmerstuhl kann man direkt raus in die Praxis. Wir haben keine Reisezeiten und sind in drei, vier Minuten bei den Fahrzeugen.“ So können die angehenden Lokführer ihre Fähigkeiten nicht nur im Simulator oder an der VR-Brille testen, sondern schnell auch in der Fahrerkabine der wirklichen S-Bahn.

