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S-Bahn:Bahn will Mitarbeitern weniger zahlen - um Strecken im Nahverkehr zu halten

Kundencenter der S-Bahn am Hauptbahnhof.

(Foto: Robert Haas)
  • Die Bahn will unbedingt verhindern, den Betrieb der Münchner S-Bahn zu verlieren - das Nürnberger Netz etwa musste sie bereits abtreten.
  • Um im Regionalen mit der Konkurrenz mitzuhalten, will der Konzern Personalkosten einsparen.
  • Gewerkschaftler äußern sich besorgt.

Zuletzt sind die Manager der Deutschen Bahn (DB) in Stuttgart nervös geworden. Dort wurden zwei Konkurrenten mit dem Betrieb eines Teils des Regionalnetzes beauftragt. Das Nürnberger S-Bahn-Netz wiederum soll von 2018 an nicht mehr von der DB befahren werden, sondern von den Zügen des britischen Konkurrenten National Express.

Auch wenn beide Vergaben noch juristisch überprüft werden - bei der Münchner S-Bahn will die DB den Verlust des Netzes auf jeden Fall verhindern. Und dabei womöglich neue Wege gehen, die bei Arbeitnehmervertretern gar nicht gut ankommen. Von "Tarifflucht" spricht Paul Eichinger von der Eisenbahnergewerkschaft EVG. Und er warnt: "Lohndumping hat noch nie Arbeitsplätze gesichert."

700 Millionen Euro will die Bahn ausgeben - aber nicht für Beschäftigte

Grund für den Ärger ist das Programm "Zukunft Bahn", das führende DB-Manager entwickelt haben. Damit will sich der Konzern komplett neu ausrichten: 700 Millionen Euro sollen in den nächsten Jahren unter anderem in neue Züge, in eine moderne Wlan-Versorgung oder neue Buchungs-Apps für Smartphones fließen.

Um den Verlust weiterer S-Bahn- und Regionalnetze zu verhindern oder bereits verlorene Netze wieder zurückzuerobern, will die DB "Projektgesellschaften" gründen. Diese zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass dort andere, für den Konzern günstigere Tarifverträge gelten sollen als bisher. "Hier wollen wir zu Vereinbarungen mit den Gewerkschaften kommen", heißt es in dem "Zukunft Bahn"-Papier der Konzernführung.

Seit Jahren verliert die Deutsche Bahn Marktanteile im Schienennahverkehr - aktuell liegt das Unternehmen bei 70 Prozent. "Wenn wir jetzt nicht konsequent gegensteuern", schreiben die Strategen in ihrem Papier, "wird unser Marktanteil bereits in den nächsten Jahren auf circa 60 Prozent sinken." Schlimmer noch: Bis zum Jahr 2021 drohe sogar ein Abrutschen auf 50 Prozent. Um das zu verhindern, müsse der Konzern "konsequent Kosten senken und die Erlöskraft steigern".

Personalkosten sollen gesenkt werden

Dabei sollen die Beschäftigen helfen. Aus Sicht der DB-Manager müssten "Wettbewerbsnachteile bei den Beschäftigungsbedingungen" abgebaut werden, um auf den "Wachstumspfad" zurückzukehren und Arbeitsplätze zu sichern. So liege bei der Tochter DB Regio, zu der die Münchner S-Bahn und die meisten anderen bayerischen Regionalnetze gehören, "der Personalkostennachteil bei bis zu 20 Prozent". Unproduktive Zeiten, beispielsweise die "Fahrgastfahrten", gälten voll als Arbeitszeit - bei diesen sitzt ein Lokführer in einem Zug quasi hinten im Fahrgastraum und reist so zu dem Bahnhof an, an dem er seinen Zug übernimmt.

Bei Bahn-Konkurrenten wie der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) werden diese Zeiten nur zu 50 Prozent als Arbeitszeit angerechnet. In den neuen DB-Projektgesellschaften sollen nun eher die BOB-Regelungen gelten als die bisherigen der Bahn. Man strebe dort "marktübliche Beschäftigungsbedingungen" an, heißt es im Papier, um sich gegen die Konkurrenz behaupten zu können.

Welche Regionalnetze will die DB sichern?

Die spannende Frage ist nun: Welche Regionalnetze in Bayern will die DB künftig über solche Projektgesellschaften für sich sichern oder zurückgewinnen? Die S-Bahn, die sie nur noch bis Ende 2017 betreiben darf? Die Meridian-Strecken nach Rosenheim, die 2013 an die BOB verloren gingen? Weitere Strecken in Bayern? Eine Antwort darauf gibt der Konzern vorerst nicht. Aus "wettbewerblichen Gründen", sagt ein DB-Sprecher knapp, werde man sich dazu nicht äußern.

Bei den Gewerkschaften und Betriebsräten allerdings reagieren die Verantwortlichen alarmiert. Man werde zwar alle Maßnahmen mittragen, die Pünktlichkeit und Qualität verbesserten, sagt EVG-Chef Alexander Kirchner. Bestehende Sozial- und Tarifstandards dürften aber nicht infrage gestellt werden. Auch an der Basis in den Werkstätten, Dienststellen und Kantinen spricht sich allmählich rum, was die Chefetage da plant: Halte die Führung daran fest, "dann wird das mächtig Ärger geben", heißt es unter Arbeitnehmervertretern.

Die Bahn habe doch jetzt schon Probleme, genügend Personal zu bekommen, ergänzt Uwe Böhm, Bayern-Chef der Lokführergewerkschaft GDL. Bei Münchens S-Bahn musste deren Geschäftsführer im Herbst eine "leichte Unterdeckung" im Lokführerbestand einräumen. Mit den "jetzt schon nicht gerade üppigen Gehältern" kämen Lokführer und Zugbegleiter im teuren München gerade mal so über die Runden, findet Bernhard Roos, verkehrspolitischer Sprecher der SPD im Landtag. Die geplanten Verbesserungen, die die Bahnspitze in dem Papier auflistet, "kann ich voll und ganz mittragen", sagt er. "Den Wettbewerb aber übers Personal austragen zu wollen, das kann nur schiefgehen."

Zumal die Gewerkschaften auch bei den Wettbewerbern der DB bemüht sind, die Tarifstandards weiter zu heben statt zu senken. So sahen sich die Chefs der BOB in dieser Woche erstmals seit der Firmengründung im Jahr 1998 mit einem mehrstündigen Warnstreik konfrontiert. Das Ziel der EVG: Sie will, dass die BOB besagte Fahrgastfahrten zu 100 Prozent anrechnet - so wie die DB dies tut.

© SZ vom 23.01.2016

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