Russische Waisenkinder in München:Urlaub von der Armut

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Erholung im Zirkuszelt: Auf dem Münchner Lilalu-Feriencamp sind derzeit 50 Waisenkinder aus dem russischen Kaliningrad zu Gast.

Beate Wild

Das dunkelhaarige Mädchen quietscht vor Vergnügen. Sie balanciert auf einem großen Ball, eine Betreuerin stützt die Kleine. Als sie nach ein paar Minuten das Gleichgewicht nicht mehr halten kann, springt sie ab und lacht. Dscheiralda heißt das Mädchen, sie ist neun Jahre alt. Sie lebt in einem russischen Waisenhaus in Kaliningrad seit ihrer Mutter das Sorgerecht entzogen wurde. Gerade ist sie für eine Woche in München beim Lilalu-Kinderferiencamp.

Lilalu München

Eine stützende Hand von der Lehrerin braucht sie noch: Dscheiralda übt balancieren auf einem Ball.

(Foto: Foto: Beate Wild)

"Als wir zum ersten Mal dort waren, haben wir gesehen, in welch katastrophalen Zuständen die Kinder dort leben mussten", sagt Juliane Staltmaier. Mit "wir" meint sie sich und ihren Mann, mit "dort" eines der Waisenhäuser in Kaliningrad, der russischen Exklave zwischen Polen und Litauen an der Ostsee. Weil die Staltmaiers helfen wollten, adoptierten sie damals die vierjährige Anna. Und weil sie den anderen Kindern, die sie nicht mit nach Deutschland nehmen konnten, auch Gutes tun wollten, gründeten sie den Verein "Projekt Anna" - benannt nach ihrer Tochter.

Mittlerweile sind es viele Kinder, um die sich Staltmaier kümmert. Derzeit befinden sich 50 Kinder in ihrer Obhut. Die russischen Waisen sind für eine Woche in München, um beim Lilalu-Festival im Olympiapark zusammen mit Münchner Kindern Ferienworkshops in Akrobatik, Zauberei und Jonglage zu machen - und für ein paar Tage einmal ihrer Welt im russischen Kaliningrad zu entfliehen.

In den vergangen sechs Jahren, seit es das "Projekt Anna" gibt, hat der Verein viel erreicht. Er hat verschiedene Waisenheime renoviert, kümmert sich nicht nur um die mehr als 200 Kinder dort, sondern auch um alleinerziehende Mütter, die in Problemen stecken, sowie um Jugendliche, damit diese eine Ausbildung absolvieren können. Die Urlaubswoche der 50 Kinder in München ist nur eine Aktion von vielen.

Dscheiralda will es noch einmal versuchen. Mit Hilfe der Lehrerin steigt sie noch einmal auf den großen Ball, jetzt geht es schon viel besser. Die Kinder üben für die Show am Sonntag. Nach einer Woche Training dürfen sie in einer großen Gala ihre erworbenen Künste vorführen. Alle sind schon ganz aufgeregt und mit Eifer bei der Sache. Doch auch der Spaß kommt nicht zu kurz. Als Dscheiralda wieder auf dem Boden ist, kommen Sergej und Tatjana ins Zelt, auch zwei russische Kinder. Sie necken sich gegenseitig und lachen dann.

Anna Netrebko als Schirmherrin "Wenn man in diese glücklichen Gesichter schaut, dann weiß man, dass man es richtig gemacht hat", sagt Staltmeier. Unterstützt wird sie bei dem Lilalu-Projekt von Sponsoren wie dem Rückversicherer SwissRe sowie vielen ehrenamtlichen Helfern. "Wir sind sehr positiv überrascht, wie viele Münchner sich gemeldet haben, um uns zur Hand zu gehen", sagt sie. Einige machen mit den Kindern einen Kochkurs, die anderen organisieren Lebensmittel, eine Bäckerei spendiert täglich Brot und Backwaren für alle.

Trotzdem ist die Reise nach Deutschland, die in diesem Jahr bereits zum zweiten Mal stattfindet, ein großer finanzieller Aufwand. Der Reisebus musste organisiert werden, die beiden großen Übernachtungszelte, die Feldbetten, die Schlaf- und Rucksäcke. "Jede Hilfe wird dringend benötigt", sagt Staltmaier. Manchmal ist es deshalb durchaus hilfreich, dass "Projekt Anna" eine so bekannte Schirmherrin wie Anna Netrebko hat. Die Operndiva war sofort begeistert von dem Verein und unterstützt ihn mit ihrem prominenten Gesicht.

Dann ist Mittagspause. Die Kinder strömen hungrig von den Zirkuszelten, in denen die Workshops stattfinden, zu den Bierbänken, wo das Essen ausgeteilt wird. Die russischen Kinder haben sich nach ein paar Tagen in München schon bestens integriert. Obwohl die Sprachbarriere existiert, klappt die Verständigung mit den deutschen Kids reibungslos. Mit Händen und Füßen eben.

Die Vorstellungen der Kinder finden am Sonntag um 14 und um 18 Uhr auf dem Olympiagelände statt.

Wer für "Projekt Anna" spenden will, kann das unter der Kontonummer 903 177 376 bei der Stadtsparkasse München (BLZ 701 500 00) tun.

Informationen zu Patenschaften und ehrenamtlichen Engagement unter www.projekt-anna.de.

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