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Runder Geburtstag:Immer kritisch, immer heimatverbunden

Franz Freisleder war von 1970 an Chef des Münchner Lokalteils der Süddeutschen Zeitung.

(Foto: Robert Haas)

Der langjährige SZ-Lokalchef Franz Freisleder wird 90 Jahre alt

Von Joachim Käppner

Manchmal kann man, so schnell vergeht die Zeit, die runden Jahrestage kaum glauben. Zum Beispiel diesen: An diesem Montag wird Franz Freisleder 90 Jahre alt. Hätte er nicht selber, aufgrund eines ausgeprägten Sprachgefühls, Worte wie "journalistisches Urgestein" missbilligt, man wäre fast versucht... Seinerzeit war der Begriff "Erwerbsbiografie" noch nicht in Mode, aber die seine führte ihn 1956 zur Süddeutschen Zeitung, wo er sage und schreibe fast 40 Jahre beschäftigt blieb, von 1970 an als Chef des Münchner Lokalteils. Als er zur SZ stieß, waren die Berliner Mauer und die Kuba-Krise noch ferne Zukunft; als er ging, stand die Ära Kohl kurz vor ihrem Ende, und die Redaktionen befassten sich mit der Frage, was dieses Internet für die Printzeitung wohl bedeuten könnte.

Franz Freisleder war und blieb Kind dieser Stadt, er wuchs in Schwabing auf - seine Jugend in der "Hauptstadt der Bewegung" beschrieb er 2012 in dem Erinnerungsbuch "Meine Münchner Kindheit. Fliegeralarm, Pferderennen und Schwarzmarkt". Der tief sitzende Widerwille gegen das Nazi-Regime prägte Freisleder und sein Werk. Der Jugendliche begeisterte sich umso mehr für den American Way of Life, für Jazz und den freien Rundfunk im American Forces Network (AFN) sowie die Artikel großer Liberaler in der jungen SZ (wo es freilich auch andere gab). Werner Friedmann und Ernst Müller-Meiningen jr. machten die Zeitung, so Freisleder, für ihn "zur lebendigen Demokratieschule". So bajuwarisch-heimatverbunden er stets war und schrieb, die in den Nachkriegsjahrzehnten in der Stadt verbreitete Bemäntelung der faschistischen Jahre als eine Art Betriebsunfall in der Münchner Behaglichkeit akzeptierte er nicht. Damit eckte er an, gewann aber dafür durch sein liberales Denken und seine menschenfreundliche Art, das Münchner Lebensgefühl zu beschreiben, bald journalistisches Profil.

Die Leitung eines Lokalteils erscheint Außenstehenden ja mitunter als paradiesische Tätigkeit, die vor allem aus Sektempfängen und langen Nächten mit der örtlichen Prominenz in "Schumann's Bar" bestehe. Leider ist das ein wenig anders, wie der frühere SZ-Chefredakteur Gernot Sittner einmal am Beispiel Freisleders schilderte: Einen politischen Kommentar zur Lage in der Mongolei nehme die Leserschaft hin, wie er eben sei, aber im Lokalen fühle sich fast jeder berufen mitzureden. Es gehöre zu Freisleders großen Leistungen, "vielen gut gemeinten Ratschlägen" widerstanden zu haben. Entschieden genug, um, neben vielen weiteren Ehrungen wie der Medaille "München leuchtet", 1989 für kritische Kommunalberichterstattung den Theodor-Wolff-Preis zu erhalten.

Franz Freisleder verfolgt die Geschicke der Süddeutschen Zeitung auch im Alter mit Sympathie, nach seinem Ausscheiden schrieb er zahlreiche Bücher, darunter die "Bayerische Gschicht im Gedicht". Alles hat sich geändert in München? Nicht ganz. Vieles überdauert in dieser Stadt mühelos die Jahrzehnte. So hat Freisleder 1974 in der Max-Emanuel-Brauerei ironisch ein auch heute nicht unbekanntes Lamento vorgetragen: "Die Wiesn, Leit, des is klar, is nimmer des, was s' früher war."

© SZ vom 22.02.2021
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