Wiedererweckung des Wüterichs

Das Geräusch, wenn der Pumuckl sichtbar wird, kennt jede und jeder unterhalb des Knödels, äh, Mondes. Dieses aufsteigende irre Flattern, das einem schon als Kind ein Gefühl der Vorfreude auf größtmöglichen Schabernack und tollkühne Reime geschenkt hat. Das Geräusch in diesem Jahr im Kino zu hören, wo 1982 mit dem Spielfilm „Meister Eder und sein Pumuckl“ die Bewegtbildkarriere des wunderbar wortkünstelnden Wüterichs begonnen hat und nun die ebenso wunderbare Wiedererweckung in Form eines neuen Langfilms gefeiert wurde, ist an Magie kaum zu überbieten. Zumindest für den Autor dieser Zeilen, dem der Pumuckl damals sein erstes Kinoerlebnis überhaupt beschert hatte. Und wer weiß, ob der ewige Fan heute über Filme, Poesie und Geschichten schreiben würde, wenn er damals nicht so verzaubert das Tivoli in der Fußgängerzone (R.I.P.!) verlassen hätte. Seine Mutter an der Hand, den Sound des Kobolds im Ohr, neugierig geworden auf den Punk des Lebens. Bernhard Blöchl
Ein Konzert, das himmelwärts weist

Als mir der Pressesprecher der Bayerischen Staatsoper erzählt, wegen Natalie Lewis sei das chinesische Publikum auf der Asientournee vollkommen aus dem Häuschen gewesen, und habe Zugabe um Zugabe gefordert, nickte ich noch freundlich und dachte kaum mehr als: Ups, Name schon wieder perdu ... Und dann kam der Moment, seit dem ich diese Natalie Lewis nie wieder vergessen werde. Es war beim Weihnachtskonzert im futuristisch anmutenden Gebäude des Brainlab in München-Riem. Die Mezzosopranistin steht hoch oben auf einer winzigen Plattform über einer hydraulischen Säule, unter dem Glasdach des Hauses. Zuvor hat sie ein Bühnenarbeiter fast unsichtbar angegurtet. Hinter ihr werden psychedelisch-bunte Bilder von Mariendarstellungen projiziert. Die Diva des Abends aber ist sie. Natalie Lewis braucht eigentlich weder Longen noch Fangnetze. Sie singt diese alten Weisen vom neu geborenen Gotteskind so sicher, so mühelos, so überwältigend, dass es für sie und ihr Publikum immerzu nur aufwärtsgeht. Wer seinen Glauben wiederfinden will, der hört ihr zu. Susanne Hermanski
Kniefälle wegtanzen

Für den kuriosesten Moment des Kulturjahres sorgte Markus Söder: Beim Bayerischen Filmpreis im Januar sollte er Uschi Glas den Ehrenpreis überreichen. Das tat er dann auch, allerdings ging er vor ihr auf die Knie und küsste ihre Hand. Der buckelnd-busselnde Ministerpräsident und die Schauspielerin wurden so nicht nur im Prinzregententheater Gesprächsthema Nummer eins. Zumindest in Sachen Aufmerksamkeitsökonomie hatte der Politprofi alles richtig gemacht. Tags drauf, beim Deutschen Filmball im Bayerischen Hof, schien sich auch Uschi Glas von diesem Kniefall erholt zu haben. Das sei doch eine nette Geste gewesen, sagte sie beschwichtigend. Sie gestand aber auch, dass sie gehofft habe, Söder möge bald wieder aufstehen. Nach dem Gespräch entdeckte Glas ihre 50 Jahre jüngere Schauspielkollegin Jella Haase, umarmte sie und legte zwischen den Stuhlreihen spontan ein Tänzchen ein. Josef Grübl
Singen für eine bessere Welt
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Was um Himmels willen läuft falsch in der Welt? Wo ist die Menschlichkeit, wo die Liebe? Die Black Eyed Peas haben diese Frage schon vor mehr als 20 Jahren in den Song „Where Is The Love“ gekleidet. Das aktueller denn je klingende Lied, von Jens Junker und Ian Chapman vom Go Sing Choir für das Ander Art Festival ausgewählt, traf Ende September einen Nerv. Zusammen studierten 700 Menschen unterschiedlichen Alters, Geschlechts oder Hautfarbe auf dem Odeonsplatz unter freiem Himmel den Song ein, und zusammen mit der wunderbaren Rapperin Gündalein führten sie ihn am Ende auf. Gemeinsames Singen tut immer gut. Doch sich in aufwühlenden Zeiten mit diesen Zeilen für zwei Stunden zu verbinden, gegen Rassismus und Hass aller Art anzusingen und für den Frieden, geht noch tiefer. Herrgott, ja, „where is the love?“ Und wenn so viele Menschen mit positiver Energie und gutem Willen dasselbe wollen – muss es dann nicht Wirklichkeit werden? Antje Weber
Unerhörte Ruferin über die Jahrtausende

Ein Setting, wie es idyllischer kaum sein könnte: Die Dämmerung senkt sich über den Innenhof der Glyptothek, neben der Bühne leuchtet golden die Statue der Pallas Athene. Gespielt wird „Kassandra“, die Geschichte über jene Seherin, die alles voraussah, der aber niemand Glauben schenkte. Sie warnt umsonst vor dem Trojanischen Krieg, der zum Untergang der ganzen Stadt führen wird. „Wann Krieg beginnt, das kann man wissen. Aber wann beginnt der Vorkrieg? Falls es da Regeln gäbe, müsste man sie weitersagen“, ruft Julia Gröbl ins Publikum. Es sind Worte, die Christa Wolf in ihrer Erzählung „Kassandra“ der Titelheldin in den Mund legte, in Zeiten eines anderen, des Kalten Krieges. Und auch wenn die Seherin auf der Bühne mit dem barschen Ausruf „Halt’s Maul, Kassandra!“ immer wieder zum Schweigen gebracht wird, antike Stücke über sie wie die von Euripides und Sophokles verloren gegangen sind, hat ihr Schicksal doch die Jahrtausende überdauert. So dass ihre Warnungen noch heute erklingen. Ein kleines Wunder für sich. Barbara Hordych
Fuzzman umarmt Fans

Nach vier, fünf Songs verschwimmt die Umgebung. Es ist der Moment, in dem man glaubt, das Lied wird nur für einen selbst gespielt. Der Künstler auf der Bühne wird zum besten Kumpel. Und nach der Zugabe wird man an der Bar zusammen eine Weinschorle trinken. Bei Fuzzman in der Soho Stage in Augsburg etwa. Herwig Zamernik, so heißt der Musiker, füllt in Österreich Konzerthallen – mit Fuzzman oder mit Naked Lunch. Er betreibt in Wien ein Tonstudio, zuletzt waren die Sportfreunde Stiller bei ihm, er leitet zwei Plattenfirmen – und er schreibt wunderbare Lieder, die sich zwischen österreichischen Schmäh, Pop-Melodien und existenziellen Fragen bewegen. Er lacht oft bei seinen Songs, springt schon mal von der Bühne, um Fans zu umarmen, die extra aus Bochum angereist sind. Und nach der Zugabe steht er mit einer Weinschorle neben einem Zuhörer. Sagt ihm, dass er den ganzen Auftritt dessen Streifen-Shirt angeschaut habe. Weil es ihn den Abend über so beruhigt habe. Michael Bremmer
Digital verzaubert

Rasend schnell ist die künstliche Intelligenz zur Black Box geworden, in der der Totalitarismus von morgen auf seinen Auftritt wartet. Was soll einem da digitale Kunst schon Positives zu sagen haben? Ein Screen an der Wand: Unendlich neu und schön und geheimnisvoll erzeugt die KI Formen wie gefrorenes Wasser. Es schneit. Man staunt. Noch bis zum 1. März zeigt die Kunsthalle in der Ausstellung „Digital By Nature“ eine Retrospektive der Arbeiten des in Mexiko geborenen französischen Künstlers Miguel Chevalier. Was techno-nostalgisch in den Achtzigern mit einem Amiga-Computer beginnt, endet in einem Raum, in dem die KI einen umgibt mit immer neuen Pflanzen, an denen man sich nicht zu Ende sehen kann, weil die Lebenszeit dazu nicht ausreicht. Fast unscheinbar im Raum davor die Tafeln, die Ernst Haeckel ab 1899 veröffentlichte: „Kunstformen der Natur“. Chevaliers Denken ist durchdrungen von Natur, fraktaler Geometrie, Jugendstil. Computer erfüllen die Visionen des Geistes. So lernt man Technik wieder lieben. Christian Jooß-Bernau
Vergessen und Vertrauen

Mit einer behutsamen Geste hat Vincent zur Linden um das Textbuch der Souffleuse gebeten. Zwei, drei Schritte zurück, dann legt er sich neben Sibylle Canonica auf die Bühne im Residenztheater. Leise liest er vor, wie man abends einem Kind vorliest. Canonica folgt den Worten, spricht mit. Es geht um Tod, Abschied, was zurückbleibt. Es ist, als würde Canonica in ihrer Rolle schon die Welt verlassen, das Regiebuch des Lebens dem anderen übergeben, an zur Linden. Er übernimmt, sie folgt, im unendlichen Vertrauen. Zart, zerbrechlich ist die kleine Szene in der Uraufführung von Rainald Goetz’ „Lapidarium“. Erst langsam wird einem bewusst, dass dieser Bühnenmoment so nicht geprobt ist. Dass Sibylle Canonica einen größeren Texthänger hat und dass Vincent zur Linden dies unglaublich poetisch löst. Dass sich hier zwei ineinanderfallen lassen. Dass dieser innige Moment vielleicht viel mehr ihnen gehört als dem Publikum, das wie gebannt in den Reihen sitzt, staunend und hingegeben. Yvonne Poppek
Auftritt unter Polizeischutz

Ein Akkord flutet die Isarphilharmonie, und knapp 2000 Menschen atmen aus. Der Beginn von Beethovens fünftem Klavierkonzert ist mit seiner kraftvollen Geste immer ein Ereignis. Und doch achtet das Publikum in dieser Sekunde nicht nur auf Igor Levits brillantes Klavierspiel. Blicke wandern durch die Philharmonie – bewegt sich etwas? Ist jemand auf den Balkonen im Begriff aufzuspringen? Eine angespannte Atmosphäre bestimmt den Saal. Schließlich wurde die Tournee des Israel Philharmonic Orchestra mit seinem Chef Lahav Shani wiederholt gestört. Bei dem kurz vorher stattgefundenen Pariser Konzert wurden von propalästinensischen Aktivisten Rauchfackeln im Saal gezündet. Die Münchner Veranstalter haben deshalb vorgesorgt mit Polizeipräsenz und Taschenkontrollen. Das Publikum ist trotzdem nervös, nachdenklich, besorgt. In dieser düsteren Stimmung lässt Levit das Beethoven’sche Es-Dur strahlen. Die Anspannung verflüchtigt sich. Der Weg ist frei für eines der bewegendsten Konzerte der Saison. Paul Schäufele
Eröffnung des Mahnmals

Es ist ein besonderer Moment für die Kinder von Arie Katzenstein. Jenem Passagier einer El-Al-Maschine, der sich am 10. Februar 1970 am damaligen Münchner Flughafen in Riem auf eine von palästinensischen Terroristen gezündete Handgranate wirft und damit vielen Menschen, auch seinem Vater, das Leben rettet. 55 Jahre später stehen seine Kinder Ofer Katzenstein, Miki Dror und Tami Mairowich an diesem Ort, wo heute die Firma Brainlab hochspezialisierte Medizintechnik entwickelt, um die Erinnerung an ihn zum Leben zu erwecken. Das Mahnmal mit den Uhren von Alicja Kwade vor Augen erinnern sie sich an das Schreckliche, das lange ungesagt blieb. „Darüber schweigen, um das Grauen zu vergessen“, war lange die Haltung gewesen in der Familie. Doch nun dürfen sie sich erinnern, dürfen reden, dürfen trauern, dürfen sich freuen. Und das tun mit ihnen die Gäste dieser Feier der Erinnerung, bei der am Ende aus Schmerz Freude wird. Evelyn Vogel
Ein ergriffener Gerhard Polt

Erst wirkt er ein klein bisschen verloren. Der große Gerhard Polt, wie er da so alleine auf der in die Mitte verlagerten Bühne in der großen Olympiahalle steht. Aber was soll ihm das Leben noch anhaben? Jetzt, wie er sagt, wo er „keine 80 mehr“ ist. Aber überrascht werden, das kann man auch in diesem Alter noch. Und am Ende wirkt es so, als hätte der große bayerische Humorist eine kleine Träne in den Augen. Der Grund? Der tosende Applaus, mit dem er beim Konzert von Dicht & Ergreifend empfangen und verabschiedet wird. Die beiden Mundart-Rapper hatten ihn eingeladen, zu ihrer umjubelten Zehn-Jahres-Sause. Zusammen mit seinen „Bros“, den Well-Brüdern. Bayerische Ikonen allesamt. Aber ob das auch die Hip-Hop-Community weiß? Ja, das tut sie, und feiert Polt für seinen sprachgewitzten Monolog. Die Well-Brüder für ihr Trompete-Tuba-Akkordeon-Spiel. Und auch am Schluss, als die vier nochmal mit aufmarschieren, da wirken sie überrascht und sehr gerührt darüber, nun Teil dieser Jugendbewegung zu sein. Jürgen Moises
Aus Donald wird Daisy

Es sind viele Linien zu ziehen, zu verdicken, zu radieren. Aber drei Striche machen binnen eines Wimpernschlags den Unterschied. Wie drei kleine gebogene Klingen setzt sie Ulrich Schröder auf dem Flip-Chart-Board über das rechte Glupschauge. Potzblitz: Aus Donald Duck wird eine Daisy. Wenn auch erst mal nur zur Hälfte, ist er doch auf einmal selbst seine bessere Hälfte. So einfach ist das, dass der Kopf umschaltet. Da braucht es nicht mal die rosa Schleife und die Stöckelschuhe, die der 61 Jahre alte Zeichner freilich aus dem Effeff beherrscht, arbeitet er doch seit dem Abitur als Entenhausen-Experte für Disney. Beim Comicfest in der Kongresshalle gab er einen offenen Zeichenkurs, eigentlich für Kinder. Im Gerangel mit den Linien ploppte da diese geistige Glühbirne auf, mit der man allen Queer-Feinden den Schnabel stopfen möchte: Erpel oder Ente, im Grunde sind wir dasselbe. Kleiner Trick: Die Augen einen Tick auseinanderschieben, schon lacht das Gesicht. Michael Zirnstein
Bewegender Abschied
Einige sind gegangen in 2025. Auch Günter Knoll, einst neben Werner Winkler und noch vor Till Hofmann der große Kabarett-Impresario Münchens. Er begründete das Hinterhoftheater, den Schlachthof oder die Freiheizhalle als Kleinkunst-Spielstätten, brachte seinen Klassenkameraden Ottfried Fischer zum Kabarett, holte spätere Stars wie Richard Rogler oder Harald Schmidt erstmals nach München und zog in seinem Windschatten wichtige Figuren der Kultur-Infrastruktur wie Marion Germer, Ruth Oppl oder Steffi Rosner heran. Die richteten ihm dann auch eine rauschende Abschiedsparty im Fraunhofer aus. Und alle, alle waren sie gekommen. Ein Henning Venske aus Hamburg, eine lange verschollene Ruth Oppl aus Berlin, ein Harald Schmidt aus Köln. Im Theaterraum lief in Dauerschleife ein alter Film über Knoll. Fast jeder Besucher hatte hier seinen Moment, bei dem sich Lachen mit dem einen oder anderen Tränchen vermischte. Harald Schmidt machte danach aus dem Stand einen Auftritt bei Tollwood klar. Sage keiner, dass ein Abschied nicht auch ein Anfang sein kann. Oliver Hochkeppel

