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Rückblick 2014:Abschied eines Übervaters

Christian Ude verabschiedet sich als Münchner OB - und hat doch keine Lust zu feiern.

(Foto: Stephan Rumpf)

Der Wechsel von Christian Ude zu Dieter Reiter auf dem Sessel des Oberbürgermeisters wird zu einem schmerzvollen Abnabelungsprozess - der an einem Tag im Mai eskaliert.

Alle sind gekommen: die mächtigen Wirtschaftsbosse der Stadt, Künstler, Schauspieler und Kabarettisten, alter Adel und neue Reiche, dazu sozial engagierte Bürger, Parteigenossen der SPD, Mitarbeiter aus der Stadtverwaltung, und selbst der Vize-Kanzler und der Ministerpräsident. Der Andrang vor dem Deutschen Theater ist an diesem 16. Mai so groß, dass phasenweise der Verkehr auf der Schwanthalerstraße zusammenbricht. Aber was macht das schon an einem Tag, an dem München das Ende einer Ära feiert?

21 Jahre lang hatte Christian Ude München als Oberbürgermeister regiert - eine gute Zeit für diese Stadt, die zu einer der erfolgreichsten und doch sozialsten des Kontinents wurde. Es gilt also, dem Alt-OB ein würdevolles, fröhliches Fest zu bereiten. Doch das Vorhaben misslingt, weil einer nicht mitspielt: Ude selbst. Aus dem Abschied macht er eine Abrechnung, aus dem Weihespiel wird ein Wendepunkt für München. Der 16. Mai ist der Höhepunkt einer höchst schmerzvollen Abnabelung der SPD und der Stadt von ihrem Übervater.

Begonnen hatte dieser Prozess bereits im September 2013. Christian Ude war in den Landtagswahlkampf gezogen, um die Vorherrschaft der CSU zu brechen. Es war eine desillusionierende und erfolglose Mission. Danach gab er für die letzten Monate seiner aktiven politischen Laufbahn noch ein Ziel aus: seinen Wunschkandidaten Dieter Reiter zum Nachfolger auf dem OB-Stuhl zu machen und die Position der SPD als stärkste Fraktion im Stadtrat zu sichern. Doch im Rathaus zählten viele nur noch die Tage, bis der zum Denkmal gewordene OB endlich den Weg freimachte. Von Verkrustungen und Erstarrung, Duckmäusertum und Heuchelei war die Rede - nur offen zu sagen, wagte das keiner in Udes Gefolgschaft.

Der Wahlkampf - ein Dilemma

Für die Sozialdemokraten wurde so der Kommunalwahlkampf zum Dilemma: Zum ersten Mal seit 20 Jahren konnten sie keinen Ude-Wahlkampf mehr machen. Aber ohne das Zugpferd Ude wurde plötzlich sichtbar, wie wenig Mobilisierungskraft die SPD in München noch hatte. Und wann immer Dieter Reiter neue Ideen einforderte, musste er mit einer harschen Abreibung durch den dozierenden Übervater rechnen. "Christian Ude war nie rechthaberisch - höchstens sanft unfehlbar", spöttelte Ulrich Maly, Nürnberger Amtsgenosse zum Abschied über Ude - Dieter Reiter konnte darüber wenig lachen.

Für Reiter ging der Spagat dennoch gut: In der Stichwahl setzte er sich am 30. März klar gegen CSU-Bewerber Josef Schmid durch. Doch für die SPD endete die Wahl mit einer Niederlage. Sie verlor acht Stadtratsmandate, musste der CSU als stärkste Fraktion den Vortritt lassen und hatte selbst mit Grünen und Rosa Liste keine Mehrheit mehr. In den Wochen nach der Wahl folgten teils chaotische Verhandlungen mit irrlichternden Stadträten von Kleinen- und Kleinstparteien - ein jeder war plötzlich als Mehrheitsbeschaffer theoretisch denkbar. Undenkbar für viele in der Ude-SPD war aber das Naheliegendste, was Reiter dann auch tat: Gespräche und Zusammenarbeit mit der CSU, immerhin Siegerin der Stadtratswahl. Um Rot-Grün nicht offiziell beenden zu müssen, strebte der neue OB eine rot-schwarz-grüne Dreierkoalition an. Doch just in der Woche vor Udes Abschiedssause endeten die Verhandlungen in einem Desaster. Reiter behauptet, das lag an unklaren Posten- und Politikwünschen der Grünen, die wiederum vermuten ein abgekartetes Spiel der SPD, in der die einen noch Rot-Grün retten, die anderen aber vor allem Pfründe sichern wollten.

Die Sozialdemokraten stehen vor einer Zerreißprobe, und nun eben Deutsches Theater, 16.Mai, Auftritt Christian Ude. Die 1600 Gäste rechnen mit einer witzigen Rede zum Abschied. Doch sie trauen ihren Ohren nicht: Christian Ude hält eine kämpferische sozialpolitische Rede. Und er rechnet mit seinem Nachfolger und dessen Verhandlungsführern ab. Dieter Reiter erwähnt er nicht einmal namentlich, dafür sagt er Sätze wie: "Jeder möge bedenken, was er vor der Wahl gesagt hat." Im Wahlkampf habe er mit dem grünen Bürgermeister Hep Monatzeder gefrotzelt, ob man sich dereinst an ihre Ära als die gute alte Zeit zurückerinnern werde. "Wir haben nur nicht gedacht, dass das schon so früh anfängt." Und er droht: Er werde sich nicht mit einem Bürgerbegehren zurückmelden - aber nur "solange im Rathaus vernünftige Politik gemacht wird".

Der Bruch ist vollzogen

Danach applaudiert der Saal, obwohl viele Gäste sprachlos sind. Das Fest löst sich in einer großen Irritation auf. Die gute Münchner Gesellschaft hat einen solchen Affront noch nicht erlebt. "So etwas macht man nicht", heißt es in den Fluren. Der neue OB verlässt das Theater wortlos, aber jedem Beobachter ist klar: Das ist der Bruch. Ab jetzt ist Reiter nicht mehr der Ziehsohn Udes, aber jetzt ist er ein eigenständiger Politiker.

Seine Partei vollzieht den Bruch drei Tage später tief in der Nacht: Reiter überzeugt die Genossen, doch für ein Bündnis mit der CSU zu stimmen. Doch die Debatte auf dem Parteitag ist lang und hitzig, bei einigen platzt der Groll über Ude offen heraus. Dessen Auftritt sei "unerhört, unangemessen, und durch nichts zu verzeihen", schimpft der frühere Bundestagkandidat Roland Fischer. "Wir brauchen kein Klima mehr des Kuschelns und des Schleimens in der SPD." Ein Genosse aus Moosach wettert: "Wir haben uns 21 Jahre lang in die Abhängigkeit eines Gesichts begeben, damit hätte viel eher Schluss sein müssen."

Das Jahr glättet die Wogen: Im September macht der Stadtrat Ude zum Ehrenbürger. Der hat noch kein Bürgerbegehren angezettelt, dafür hat die SPD inzwischen eine neue Vorsitzende und die Stadt eine neue Rathauskoalition - auch wenn von der noch wenig zu merken ist. Und Dieter Reiter hat sich als Oberbürgermeister etabliert, auch weil er sich von seinem Vorgänger emanzipiert hat. Manches werde jetzt hemdsärmeliger angegangen, heißt es in der Stadtverwaltung. Geistreiche Reden gebe es im Rathaus weniger, aber dafür mehr Dialog.

© SZ vom 29.12.2014/vewo

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