Als im Sommer 2005 die Rote Sonne über oder beziehungsweise unter dem Maximiliansplatz aufging, war das auch ein Epochenwechsel in Sachen Münchner Techno-Szene. Lagen deren Pilgerstätten zuvor vor allem in den beiden Standorten des berüchtigten Clubs Ultraschall am ehemaligen Flughafen Riem (Ultraschall I) und im Kunstpark Ost (Ultraschall II), so klaffte da nach dessen Ende im Jahr 2003 erst mal eine Lücke.
Umso schöner also, dass diese damals gleich doppelt geschlossen wurde. Zuerst durch einen Teil des Ultraschall-Teams, der noch im September selben Jahres mit dem Harry Klein (R.I.P.) in den neu eröffneten Optimol Werken einen inoffiziellen Ultraschall-Nachfolgeclub eröffnete. Und dann eben auch noch mit der Eröffnung der Roten Sonne zwei Jahre später durch die Ultraschall-Gründungsmitglieder Peter Wacha aka Upstart und Dorothea Zenker sowie weiteren Beteiligten wie etwa dem ehemaligen Notwist-Elektroniker Martin Gretschmann.
Dabei ist das Tolle an diesem kleinen, feinen Münchner Kellerclub ja gerade seine preisgekrönte Andersartigkeit als musikalisch hybrides Gestirn, das nicht nur um den Techno kreist. So mag das Publikum auf den massiven Eichenholzplanken der „Sonne“ in den vergangenen 20 Jahren zwar einerseits von DJ-Legenden wie Laurent Garnier, Jeff Mills oder Dave Clarke beschallt worden sein. Andererseits ist die Rote Sonne, deren Name auf einen 68er-Film mit Uschi Obermaier referiert, auch immer schon Konzertclub-Anlaufstelle für musikalische Connaisseure gewesen.
Kosmische Jazz-Kollektive wie The Pyramids, japanische Pop-Punk-Bands wie das All-Girl-Trio Shonen Knife, die große Underground-Poetin Lydia Lunch, der multiinstrumental begabte Wunderfinne Jimi Tenor, oder auch erlesene deutsche Indie-Acts wie Die Türen, The Düsseldorf Düsterboys oder die Frank Spilker Gruppe um den Sänger der Hamburger-Schule-Combo Die Sterne – alle waren sie schon auf der kleinen Bühne im Techno-Keller zu Gast.
Hier werden auch die schönen Nischen mit Leben gefüllt
Und dann sind da ja auch noch all die schönen Nischen, die hier mit Leben gefüllt werden. Sie reichen etwa von der „Hypie Hypie“-Reihe der klangforschenden Münchner Bassfürsten Schlachthofbronx über Drum-and-Bass- und Dubstep-Abende bis hin zu den Experimentalklängen aus aller Welt, die beim „Unexpected Music“-Festival zu hören sind, oder zur queeren Partyreihe „Garry Klein“, die seit dem Ende des Harry Klein in der Roten Sonne fortlebt.
Doch auch wenn Wacha und sein Team bis heute ein verlässlich feines Händchen beim Booking beweisen – leichter wird das ganze Unternehmen im Zuge von Pandemie-Nachwehen und Inflation natürlich nicht. „Viele große DJ-Namen sind für kleine Clubs kaum mehr refinanzierbar“, sagt Wacha. „Internationale Flüge, Fünf-Sterne-Hotels, all das wirkt vor den heutigen Bedingungen maßlos übertrieben.“
Und so findet die Rote Sonne heute ihr Glück in einer Rolle, die ihr schon immer ganz ausgezeichnet stand. Anstatt auf (ohnehin nur gezielt eingestreuten) großen DJ-Namen liegt der Fokus nun vielmehr auf einer „Hinwendung und Stärkung der lokalen Szene und der Zusammenarbeit mit diversen Kollektiven, die alle ihren eigenen Stil entwickeln“, wie Wacha sagt.
Kein Wunder also, dass der Blick auf das üppige Line-up zum 20-Jährigen für viele womöglich etwas Recherche erfordert. An Qualität und Energie wird es dieser Sause, die von Freitagabend bis Sonntagmorgen sowohl Indoor als auch Outdoor über die Bühne geht, natürlich trotzdem nicht mangeln. Bringt die doch mit Acts wie dem House-Meister Christoph Faust, Trance-Spezialisten wie dem lustvoll bollernden Münchner Closure und der Berliner Atmosphärenschichterin Dina, oder dem furiosen Rotterdamer Techno-DJ Stranger eine stilistische Vielschichtigkeit mit, bei der tatsächlich für jeden etwas dabei sein dürfte. Bleibt fürs erste also nur noch eins zu sagen: Happy birthday, liebe Rote Sonne!
Rote Sonne 20 Years Weekender, Freitag, 22. August, bis Sonntag, 24. August, Rote Sonne, Maximiliansplatz 5

