Kritik:Belcanto mit Tennisschlägern

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Kritik: Im Sportdress der Gegenwart: Niklas Mayer, Diego Savini, Avtandil Kaspeli, Jeanette Wernecke und Jihyun Cecilia Lee (von links).

Im Sportdress der Gegenwart: Niklas Mayer, Diego Savini, Avtandil Kaspeli, Jeanette Wernecke und Jihyun Cecilia Lee (von links).

(Foto: Jan-Pieter Fuhr)

Stefania Bonfadelli inszeniert Rossinis Oper "Il viaggio a Reims" am Staatstheater Augsburg.

Von Michael Stallknecht, Augsburg

Plombières-les-Bains, 1825: In einem Hotel des mondänen Badeorts trifft sich eine illustre internationale Gesellschaft. Man macht Zwischenstation auf der Reise nach Reims, wo Charles X. zum König von Frankreich gekrönt werden soll. Bis sich herausstellt, dass es in ganz Plombières keine Pferde für Reisekutschen mehr gibt - und man beschließt, die Party einfach nach Paris zu verlegen. Dort nämlich feierte "Il viaggio a Reims" Premiere, das Gioachino Rossini zur Krönung des realen Charles X. komponiert hatte. Womit nicht nur eine der verrücktesten metafiktionalen Opern überhaupt geboren war, sondern auch eine der sängerisch anspruchsvollsten: Weil für die Feierlichkeiten quasi unbegrenzt Geld vorhanden war, verheizte Rossini allein in den Hauptrollen zehn der erfolgreichsten Gesangsvirtuosen seiner Zeit.

Martini-Park Augsburg, 2022: Auch hier hält am Ende Charles X. Einzug, als idealisch blonder, in die französische Flagge gekleideter Jüngling ein ziemlich irrealer Gast in der Ersatzspielstätte des Staatstheaters, dessen Sanierung seit 2016 in einer Mischung aus Verzögerungen und Kostensteigerungen dahinschleicht. Ivan Demidov, der Erste Kapellmeister des Hauses, dirigiert die gut aufgelegten Augsburger Philharmoniker, zeigt bestechendes Stilgefühl für Rossinis Musik, lässt plastisch phrasieren, setzt sinnfällige Tempoproportionen, steigert den Wirbel punktgenau. Die Flötistin Natalia Karaszewska spielt ihr großes Solo als federleichte Etüde.

Koloraturen, Fiorituren und Spitzentönen: Auch altgediente Kräfte geraten da ins Schleudern

Allein einen versenkbaren Orchestergraben gibt es nicht im Martini-Park, das Orchester ist deshalb von Haus aus zu laut, die Akustik für Sänger wenig schmeichelhaft. Der Chor ist ohnehin gestrichen und wird von den Solisten mitübernommen. Viele von ihnen sind zu unerfahren, aber auch altgediente Kräfte geraten ins Schleudern über die aberwitzige Serie von Koloraturen, Fiorituren und Spitzentönen, die Rossini fordert. Der Belcanto in seiner Glanzzeit ist nun mal, was der Spitzentanz im Ballett ist. Jihyun Cecilia Lee zeigt in der Partie der Corinna immerhin die Voraussetzungen: einen extrem langen Atem, einen makellosen Lagenausgleich und die Fähigkeit, noch in der schnellsten Verzierung jeden Ton wirklich zu singen. Ekaterina Aleksandrova leiht der Marchese Melibea ihren klangvoll gerundeten Mezzosopran.

Gekleidet sind sie im Sportdress der Gegenwart, wie alle in der Inszenierung von Stefania Bonfadelli. Die italienische Regisseurin, selbst ehemalige Koloratursopranistin, hat die Handlung auf einen Tennisplatz verlegt. Ein Match soll stattfinden, statt Kutschpferden sind Plätze in der Bahn gesucht. Ein Ballwechsel wird zur schön stilisierten Szene in Zeitlupe, zwei Paare liefern sich schräge Begattungsrituale. Doch einiges bleibt verzappelt, eine strengere Form, mehr choreographische Elemente würden nicht schaden.

Aufs Siegertreppchen schafft es am Ende, wer auch im Sängerwettstreit Chancen hat, in den Hymnen und Liedern der Länder, die Rossini dort zu Ehren des frisch gebackenen Franzosenkönigs zitierte. Nur der russische Conte di Libenskof kriegt keine Flagge zu schwenken, das könnte schwierige Bilder im Internet geben. Dafür zeigt Ivan Demidov, dass man sogar die deutsche Nationalhymne geschmackvoll dirigieren kann. Schließlich lässt der italienische Text die Melodie von Haydn gleich viel mehr nach Belcanto klingen. Doch das Gesangsmatch endet notwendig unentschieden, wo das Geld fürs entsprechende Sängerensemble fehlt.

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