Rosemarie Trockel und Thea Djordjadze im LenbachhausSchönheit ist vergänglich

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Rosemarie Trockel und Thea Djordjadze: Arbeit "Portion of a loan" von 2017.
Rosemarie Trockel und Thea Djordjadze: Arbeit "Portion of a loan" von 2017. Timo Ohler; Thea Djordjadze & Rosemarie Trockel, VG Bild-Kunst, Bonn 2024. Courtesy the artists and Sprüth Magers

Rosemarie Trockel und Thea Djordjadze widmen sich im Lenbachhaus der Schönheit und der Vergänglichkeit des Lebens. Und zertrümmern lustvoll die hehre Kunst.

Von Evelyn Vogel

„Eines Abends habe ich mir die Schönheit aufs Knie gesetzt. – Und ich habe sie bitter empfunden. – Und ich habe sie beschimpft.“ Dieses Zitat von Arthur Rimbaud aus „Une Saison en Enfer“ („Eine Zeit in der Hölle“) von 1873 begleitete Rosemarie Trockel und Thea Djordjadze bei ihren künstlerischen Überlegungen über das Thema „Was ist Schönheit?“ Überlegungen, mit deren Hilfe sie in der Ausstellung „Limitation of Life“ im Lenbachhaus die hehre Kunst lustvoll zertrümmern.

Denn wer einen in strahlend helles Licht getauchten Corso voll schöner Menschen und schöner Dinge erwartet, sieht sich einem dunklen Raum gegenüber, in dem man sich erst mal orientieren muss. Die beiden Künstlerinnen stellen nicht die Frage nach dem Prinzip der Ästhetik und deren Erscheinungsformen. Sie hinterfragen Voraussetzungen, Traditionen und Konventionen von künstlerischer Produktion und Präsentation.

Das wirkt anfangs verstörend und nicht so leicht zugänglich. Doch wer sich Zeit nimmt und eintaucht in die Werke, die von Minute zu Minute mehr aus dem Dunkel hervorstrahlen, kann überraschende Entdeckungen machen. Wie die täuschend echt wirkende Figur, die mit Maske und Gehstock bewehrt in einem Schaukelstuhl sitzt. Ein Alter Ego Trockels aus einer früheren Arbeit, die wie eine stumme Beobachterin kritisch beäugt, was ihre Schöpferin und deren künstlerische Komplizin da so treiben. Herrlich!

Dazu muss man wissen, dass es sich nicht um eine Ausstellung mit Arbeiten von zwei Künstlerinnen handelt, sondern dass alles ein Gemeinschaftswerk ist. Die beiden verbindet eine enge künstlerische Beziehung, seit die 1971 in Georgien geborene Thea Djordjadze um die Jahrtausendwende Schülerin von Rosemarie Trockel an der Düsseldorfer Kunstakademie war. Damals war Trockel, Jahrgang 1952, durch Ausstellungen in New York, Chicago und Boston in den 1980er- und 1990er-Jahren, durch Teilnahmen an der Documenta in Kassel (1997 und 2012) und der Bespielung des deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig 1999 längst als eine der wichtigsten deutschen Künstlerinnen etabliert.

Mit Strickbildern war Trockel bekannt geworden. Wolle spielt noch immer eine große Rolle in ihrem Schaffen, auch wenn sie mit vielen anderen Techniken und Medien arbeitet. Und so wirkt vermutlich das Werk „A Ship So Big, A Bridge Cringes“ auf viele Trockel-Bewunderer am vertrautesten.

„A Ship So Big, A Bridge Cringes“ von Rosemarie Trockel und Thea Djordjadze. Das ganze Werk steht tatsächlich im Wasser.
„A Ship So Big, A Bridge Cringes“ von Rosemarie Trockel und Thea Djordjadze. Das ganze Werk steht tatsächlich im Wasser. © Thea Djordjadze/Rosemarie Trockel; VG Bild-Kunst, Bonn 2024; Lukas Schramm

Der Teil mit den Wollfäden geht hauptsächlich auf Trockel zurück, der mit der Malerei hauptsächlich auf Djordjadze. Aber eben immer nur in Teilen. Zudem zeigen die Rückseiten wieder ein anderes Bild. Eine lange wollene Kordel, die sich über die Malerei schlängelt, verbindet das eine mit dem anderen. Und der Sockel mit Wasser, in dem das Schiff „schwimmt“ (alle paar Tage muss das Wasser ausgetauscht werden, damit die schwarze Oberfläche perfekt glänzt), ist eine weitere verbindende Komponente.

Auch wenn man die Neonskulpturen anfangs für sich allein wahrnimmt – schon deshalb, weil sie sich am deutlichsten aus dem Dunkel des Raums abheben – sollte man die Augen offen haben für die Wollfäden. Diese spannen sich parallel durch den Raum, wirken wie Notenlinien oder Schwingungsaufzeichnungen. Und irgendwie spielen sie auch mit den Neonskulpturen, die sich davor oder dahinter schieben und mit ihrem Formen an figurative Elemente erinnern. Tatsächlich gleicht eine, „Lob der Langeweile“, einem georgischen Schriftzug. Man könnte sie aber auch deuten als Notenzeichen oder abstrahierten Violinschlüssel, der am Anfang von Notationslinien steht. Diesem Gedanken folgend ließe sich die Ausstellung, die von Eva Huttenlauch kuratiert ist, auch als ein großes Konzertereignis deuten.

Wäre vielleicht ein wenig überinterpretiert, aber die Gesamtkonzeption lässt viele Deutungen zu. Denn das ist ja ein Ansatz der beiden Künstlerinnen: den White Cube zeitgenössischer Ausstellungskonzepte zu durchbrechen und den Objekten mithilfe einer künstlerischen Geste eine neue Bedeutung zuzugestehen. Dazu gehört auch, dass sie frühere Arbeiten in einer gemeinsamen Aktion zerstören oder verbrennen, um damit einen neuen Kreislauf von Kunstobjekt und Kunstbetrachtung zu schaffen.

Vor diesem Hintergrund sieht man die Arbeit am Anfang der Ausstellung mit ganz anderen Augen. „kapelle von venice, but without terror“ heißt sie. Die Filmstills zeigen die Verbrennung von zwei Strohpuppen, die in einer Kunstaktion verbrannt wurden. Die zwei fein-weißen Objekte davor sind gleichsam Urnen, die die Asche der verbrannten Puppen enthalten. Das Leben ist endlich und die Schönheit bitter? Nicht nur bei Rimbaud.

Rosemarie Trockel / Thea Djordjadze: Limitation of Life, Lenbachhaus, bis 27. April 2025

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