Glitzerndes Kleid, blond gewelltes Haar und ein Mikro in der Hand. „Dieser Thriller-Gedanke ist mir eigentlich ziemlich Wurst“, sagt Romy Hausmann. Die Bestseller-Autorin stellt in der Frau-im-Mond-Bar in München an diesem Freitagabend ihren neuen Thriller vor. Und führt zuallererst die Charaktere ein. „Ich stelle vor allem Menschen vor“, sagt sie mit rauer, eindringlicher Stimme. Eine gute Podcast-Stimme wäre das.
Der Dresscode am Abend: „Himmelerdenblau“. So heißt ihr neuer Thriller. Der Himmel trifft den Dresscode auf jeden Fall nicht: Es regnet. Die geschlossene Gesellschaft wird nach drinnen verlegt. Hausmann lässt sich davon nicht stören und liest aus ihrem neuen Werk.
„Dumme, dumme kleine Liv.“ True-Crime-Podcasterin Liv ist enttäuscht von sich selbst. Sie hat bei einem anderen Podcast abgeschrieben für die Folge über die seit 20 Jahren verschwundene Julie. Ihr Podcast-Partner Phil ist sauer auf sie, fragt, „ob du verdammt nochmal vergessen hast, dass es der Podcast ist, der hier die Miete und das Essen bezahlt? Hast du das vergessen, Liv?“
Was Phil jedoch nicht stört: In jener Folge spekuliert er mit Liv wild darüber, wer denn nun für Julies Verschwinden verantwortlich ist. Nachdem die Folge so gut angekommen war, wollen sie selbst Ermittler spielen und Julie suchen. Warum? Natürlich, um den Angehörigen endlich Gewissheit zu verschaffen – eine Art ungefragter Samariter. Kamera und Mikro für die geplante Reportage dürfen bei der Suche natürlich nicht fehlen.
Der Reiz an True-Crime-Podcasts ist im Grunde nicht viel anders, als der des klassischen „Who dunit“-Thrillers: Mitraten, wer es war. Nur, dass die wahren Fälle ab und an unaufgeklärt bleiben. Einerseits ist das frustrierend für die True-Crime-Community, andererseits eröffnet dieser Umstand die verlockende Tür zur ewigen Spekulation. Das wiederum finden die Hinterbliebenen der Opfer unangenehm bis grausam.
Romy Hausmann verbindet die beiden Genres True Crime und Thriller mit einem simplen Kniff: In ihrem neuen Thriller „Himmelerdenblau“ wird ein fiktiver True-Crime-Fall eingebaut in die Story. Zum einen bedeutet das, dass der Fall ganz nach dem Willen der Autorin aufgelöst werden kann. Vor allem aber erlaubt es Hausmann, die spekulierenden Podcaster und Hobbypsychologen auf die Hinterbliebenen von Julie treffen zu lassen. „Wie Sie in Ihrem Podcast über Menschen sprechen, ist einfach nur ekelhaft“, sagt Julies Schwester zu Podcasterin Liv. In den stärksten Momenten von Himmelerdenblau wirft Hausmann damit Fragen auf über die Verantwortung echter True-Crime-Podcaster.
Wie weit darf True Crime gehen? Darf mit Opfern von Verbrechen Unterhaltung gemacht werden? Wie sehr wird dabei das Wohl der Hinterbliebenen bedacht?
Romy Hausmanns Antworten lassen sich in ihrem eigenen True-Crime-Podcast „Benecke und Hausmann“ nachhören. Da redet die Autorin mit dem Kriminalbiologen Mark Benecke. Das ist dann immer noch ein True-Crime-Podcast, aber mit mehr Expertise und weniger Spekulation. So „ekelhaft“ wie die Podcaster in „Himmelerdenblau“ will Hausmann auf Hinterbliebene sicherlich nicht wirken.
„Himmelerdenblau“ ist Hausmanns erster Thriller, der beim Münchner Verlag Penguin Random House erschien. Dorthin wechselte sie vergangenes Jahr mit ihrem Gedichtband „Princess Standard“. Zuvor erschienen ihre Thriller beim ebenfalls in München ansässigen Verlag dtv.
„Himmelerdenblau“ lässt einen bis zum Ende am Rätseln, was denn nun damals passierte. Bis die Leserin das erfährt, führt Hausmann ihre Charaktere erst in aller Ruhe ein. Damit ist das nahezu perfekte Fundament gelegt für die Drehungen und Wendungen in der Aufarbeitung des Falles.
Es gelingt ihr, dass man zu den Charakteren Sympathie aufbaut – und doch für ihre Unschuld keine Hand ins Feuer legen würde. Deswegen wären so viele Plot Twists gar nicht nötig gewesen. Das Ergründen von Hausmanns Charakteren bietet genug Spannung: der altmodische Vater, der einfach nicht wahrhaben will, dass er krank ist, seine Tochter, deren Leben trotz eigenem Familienglück so überschattet wurde von dem Verschwinden ihrer Schwester, und der Ex-Freund, der von der Öffentlichkeit noch immer für schuldig gehalten wird.

Die stärkste Rolle schuf Hausmann jedoch mit Podcasterin Liv, die ihre eigenen Traumata mit dem Fall vermischt und eigentlich nur die Nähe zu ihrem kühlen Podcastpartner Phil sucht. Als freundschaftlicher Ersatz dient Liv bald ausgerechnet Julies dementer Vater. Der sucht noch immer nach seiner Tochter. „Wenn Sie jetzt denken: Nee, Demenz, was für ein lahmes Mittel, um praktische Erinnerungslücken und somit aufgebauschte Spannungsmomente zu kreieren, dann liegen Sie – das kann ich Ihnen versprechen – falsch“, schreibt Hausmann. Doch ausgerechnet die Auflösung der Geschichte würde ohne die Demenz des Vaters nicht funktionieren.
Einen anderen Standard setzt sich Hausmann indirekt mit der Darstellung der True-Crime-Podcaster Liv und Phil. Wer in „Himmelerdenblau“ liest, wie die beiden ihre Spekulation über das Verschwinden von Julie mit einem Cliffhanger für eine Werbepause unterbrechen, dem wird klar: So wie die das machen, ist das unangebracht.
Das sieht auch Romy Hausmann so. „Liv und Phil sind die typischen True-Crime-Podcaster, die ihre Schlagzeilen in der Bild-Zeitung lesen“, sagt sie bei der Münchner Buchvorstellung. Folgt daraus eine allgemeine Ablehnung des Formats True Crime oder gibt es eine akzeptable Umsetzung?
Den Dialog zwischen Liv und Phil liest Hausmann an diesem Abend mit Florian Gregorzyk, der Phil auch im Hörbuch vertont hat. Er sagt: „Es gibt natürlich auch gute True-Crime-Podcasts.“ Hausmann nickt.
Romy Hausmann: Himmelerdenblau. Penguin Random House Verlag, Preis: 18 Euro
