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Roman "Palmengrenzen":Mafia im Allgäu

Gerhard Köpf, in München lebender Schriftsteller mit Allgäuer Wurzeln, hat einen Krimi geschrieben.

(Foto: privat)

Gerhard Köpfs neuer Roman "Palmengrenzen" verschachtelt virtuos Intrigen, Ehrgeiz und Abhängigkeiten

Von Antje Weber

Ein Sprichwort der Mafia sagt: Drei können ein Geheimnis wahren, wenn zwei tot sind. Musste der Notar Bruno Ziegler deshalb sterben? Eine Münchner Putzkolonne findet seine Leiche im Erste-Klasse-Abteil eines Eurocity, der aus Bologna kam. Ist Bruno Ziegler erschossen worden, weil er zu viel wusste?

Mit diesem Mord, mit diesen Fragen beginnt der gewiefte Erzähler Gerhard Köpf seinen neuen Roman "Palmengrenzen" (Braumüller). Einen Kriminalroman, wie sich unschwer erkennen lässt, bei dem die Suche nach den Tätern jedoch ergebnislos bleiben wird. Denn auch das erfährt man bereits auf den ersten Seiten im Prolog, den der Autor einem pensionierten Apotheker unterschiebt: Dieser gute Freund von Bruno Ziegler möchte dazu beitragen, das "scheußliche Verbrechen" aufzuklären; er veröffentlicht die hinterlassenen Aufzeichnungen des Notars und bittet alle Leserinnen und Leser inständig, sich mit sachdienlichen Informationen zu melden.

Doch wer würde sich das, um innerhalb der Fiktion zu bleiben, wirklich trauen, wer möchte selbst ins Visier einer kaltblütig mordenden Mafia geraten? Denn Köpf, dieser wie sein Apotheker zurückgezogen in München lebende Schriftsteller mit Allgäuer Wurzeln, hat einen gar furchterregenden Mafia-Roman geschrieben - und die dreieinhalbseitige Lektüreliste am Ende verrät, dass er gründlich recherchiert hat. Köpf führt mit diesem Roman, mit kriminellen Mitteln, eine Art Allgäu-Saga fort, die er mit "Innerfern" und "Außerfern" begonnen hatte.

Die Mafia im Allgäu, ausgerechnet? Oh ja. Aus den Notizen des Ermordeten geht eindeutig hervor, dass die italienische Mafia so ähnlich wie die Palmen langsam immer weiter in den Norden vorgedrungen ist, bis sie in den Achtzigerjahren auch im Allgäu ankam. "Es ist die Geschichte einer ebenso verschwiegenen wie erfolgreichen Eroberung", informiert der Apotheker im Prolog. "Diente das Allgäu der Mafia zunächst als erholsames Rückzugsgebiet, so ist es heute eine effiziente Operationsbasis. Man nennt sie die Geräuschlosen. Sie bomben keine Staatsanwälte mehr in die Luft, sondern sind soziale Aufsteiger, international aufgestellt, fachlich hoch qualifiziert". Die Geräuschlosen seien bestens vernetzt und wollten kein Aufsehen erregen. Wo ihnen das gelinge, seien sie "weitaus effizienter als ihre Väter, die noch wild um sich schossen".

Beglaubigt wird das von den folgenden Aufzeichnungen, in denen Bruno Ziegler den Aufstieg der Ehrenwerten Gesellschaft im fiktiven Städtchen Bad Thulsern beschreibt. Die Mafia setzt sich dort in Gestalt des kalabresischen Hallodris und Handlungsreisenden für Damenunterwäsche Antonio Sidara fest, der die ansässige Bäckersfrau Maria Schaumlöffl bezirzt. Mit dem unaufhaltsamen Erfolg des Schaumlöffl-Sidara-Kartells nimmt das Verhängnis über diverse Familien- und Famiglia-Bande seinen erst langsamen, dann immer schnelleren Lauf. Intrigen, Ehrgeiz und Abhängigkeiten im Allgäu werden stärker, ab und zu wird ein Störenfried aus dem Weg geräumt. Ganz klar: "Dieses lodenversiegelte Allgäu ist der Club Méditerranée der Mafia!"

Gerhard Köpf setzt hier virtuos eine sich an Einfällen überschlagende Handlung in Gang, schachtelt Geschichten ineinander, flicht Studien zur Henkersmahlzeit ein, verpasst zwischendurch dem intriganten Wissenschaftsbetrieb ein paar Seitenhiebe und verschränkt überdies mühelos die Interessen von Süd und Nord. So wäre es aus Mafia-Sicht doch eine glänzende Idee, überschüssige Gülle von Allgäuer Äckern nach Kalabrien zu transportieren und die leeren Tanklaster vor dem Rückweg mit Kokain zu befüllen; auch mit Migrantenschmuggel ließe sich bestimmt ein florierendes Business aufziehen. All das schildert Köpf so lehrreich wie unterhaltsam, in zunehmend schwindelerregenden Volten. Und immer wieder meint man bei manch absurdem Detail, manch irrwitziger Verwicklung den Autor im Hintergrund leise kichern zu hören.

Gerhard Köpf: Palmengrenzen. Roman, Braumüller Verlag, Wien 2020, 238 Seiten, 22 Euro

© SZ vom 16.11.2020

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