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Roman "Ohrfeige":Abbas Khider liest von der Angst

Mehrfach ausgezeichnet wurden Romane von Abbas Khider.

(Foto: Hassiepen/Hanser)

Welche Erfahrungen macht ein Flüchtling am Münchener Hauptbahnhof und mit der Polizei? Darum geht es im Roman des gebürtigen Irakers Abbas Khider - er hat selbst eine Odyssee hinter sich.

Von Antje Weber, München

Können Frauen unbehelligt am Münchner Hauptbahnhof herumspazieren oder müssen sie Angst vor lüsternen ausländischen Männern haben? Wann schlägt berechtigte Angst in Hysterie um? Angesichts der derzeitigen Diskussionen ist es interessant, ab und zu die Perspektive zu wechseln - und zum Beispiel Abbas Khiders neuen, bei aller Drastik und Tragik durchaus komischen Roman "Ohrfeige" (Hanser) zur Hand zu nehmen. Denn er schildert - zu einem Zeitpunkt lange vor den Silvester-Übergriffen - einmal ausführlich, wie sich die Situation am Hauptbahnhof und anderswo aus der Sicht eines Flüchtlings anfühlen kann.

Man stelle sich also vor: den aus dem Irak stammenden jungen Asylbewerber Karim, der seit drei Jahren und vier Monaten in Bayern lebt. Er ist eher zufällig hier gelandet, denn der Schlepper hatte ihn in der Nähe von München aus dem Auto geworfen, dabei hatte Karim bis Paris bezahlt. So aber musste er sich in Bayern registrieren lassen und hat denkwürdige Stationen in München, Dachau, Zirndorf, Bayreuth und Niederhofen an der Donau hinter sich.

Dunkelhäutige Männer haben ständig mit der Polizei zu tun

"Es geschah viel in dieser Zeit, aber nichts, worauf ich stolz bin." Jetzt, nachdem ihm die Aufenthaltserlaubnis entzogen wurde, hat Karim jedenfalls die Schnauze voll. Ein Schleuser soll ihn nach Finnland bringen, wo er noch einmal von vorn anfangen will. Deshalb sitzt er nun im Bahnhofsrestaurant und versucht, sich möglichst unauffällig zu verhalten.

Das ist nicht einfach für einen Mann mit dunklem Teint, denn er hat ständig mit der Polizei zu tun. "Seit ich dieses Land betreten habe, musste ich immer aufpassen und Orte wie Bahnhöfe oder die Fußgängerzonen möglichst meiden", lässt Khider seine Figur Karim sagen. "In solchen Gegenden sind die Ordnungshüter unentwegt auf der Pirsch nach schwarzhaarigen, dunkelhäutigen Menschen, egal, ob sie harmlose Studenten oder kriminelle Dealer sind."

Vielleicht gebe es ja einen "polizeiinternen Contest", rätselt der Ich-Erzähler. "Vielleicht führen sie Ranglisten, wer die meisten Schwarzhaarigen kontrolliert und Flüchtlinge gefasst hat, und der Gewinner kriegt als Preis eine goldene Handschelle oder eine All-inclusive-Reise nach Marokko."

Auch jetzt ist wieder Gefahr in Verzug: "Die Polizisten kreisten wie üblich am Münchner Hauptbahnhof wie die Geier auf der Suche nach verfaultem Fleisch." Karim kann das gut sehen, denn sein Standort im Mongdratzerl ist perfekt gewählt: Das Restaurant, das inzwischen L'Osteria heißt, liegt in der Bahnhofshalle und verfügt über einen Ausgang zur Arnulfstraße, wie Autor Khider weiß. Seine Figur kann also gleichzeitig die Halle beobachten und die Straße. "Bei sich anbahnender Gefahr hätte ich sofort das Weite suchen können."

Wie in einem alten Agentenfilm

Dabei ist der Café-Besucher eigentlich perfekt getarnt: "Unkonzentriert blätterte ich in der Süddeutschen Zeitung", heißt es. "Dabei hielt ich sie wie in einem alten Agentenfilm so hoch, dass sie mein Gesicht vollständig verdeckte, nur um sie in regelmäßigen Abständen wie zufällig bis knapp unter die Augen zu senken, damit ich einen Blick über den Rand werfen konnte."

Diese Tarnung, so erfährt man, hat sich bereits an vielen Bahnhöfen bewährt: "Offensichtlich denken sie, dass ein Illegaler aus einem dieser unterentwickelten Länder sicher nicht lesen kann. Mit der Süddeutschen Zeitung in der Hand trägt man als Illegaler in Bayern gewissermaßen Tarnfarben." Dabei versteht Karim, das muss man hinzufügen, den Inhalt der Zeitung trotz Deutschkurs kaum. Doch die Rolle des wissbegierigen Bürgers ist effektiv: "Solange man den Schein wahrt und den Erwartungen der Menschen entspricht, ist man in München absolut sicher."

Es sind noch viel mehr solch bitterer Sätze, die Abbas Khider seinem Protagonisten als Fazit in den Mund legt. Umso bitterer, als Khider weiß, wovon er spricht: Der gebürtige Iraker, der als junger Mann in Bagdad vom Geheimdienst wegen angeblicher oppositioneller Umtriebe verhaftet und gefoltert wurde, floh 1996 nach der Entlassung aus dem Gefängnis aus seiner Heimat.

Der sogenannte illegale Flüchtling

Er hat eine Odyssee als sogenannter illegaler Flüchtling durch verschiedene Länder hinter sich, bis sich seine Geschichte in Deutschland zum Positiven wendete - auf eine fast märchenhaft zu nennende Weise, wüsste man nicht, wie viel Mühe und Energie dazu gehört haben muss. Denn Khider, selbst ein Sohn von Analphabeten, die Datteln verkauften, lernte nicht nur Deutsch, sondern studierte in München und Potsdam sogar Literatur und Philosophie.

Und er begann zu schreiben; seine zum Teil herzzerreißenden Romane, von "Der falsche Inder" bis "Brief in die Auberginenrepublik", sind bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Heute wohnt Khider in Berlin. In seinen Büchern jedoch lebt er noch in einer Vergangenheit, die sich nicht so leicht beiseiteschieben lässt.

Auch Karim kommt im Roman "Ohrfeige" an diesem Tag am Hauptbahnhof nicht von seiner Vergangenheit los. Der Transfer nach Finnland klappt nicht, denn ein Freund und Helfer von ihm wird am Bahnsteig von der Polizei kontrolliert - was sonst.

Überraschender ist für deutsche Leser eher ein Satz, den der panisch durch die Menschenmenge eilende Karim nebenbei fallen lässt: "Alle kamen mir bedrohlich vor, sogar die Ausländer, die in den vielen Imbissbuden Sandwiches und Getränke verkauften." Sogar die Ausländer? Ja, dabei sind sie die einzigen Menschen, die diesem Flüchtling normalerweise keine Angst einflößen.

Lesung mit Abbas Khider: Mi., 9. März, 20 Uhr, Buchhandlung Lehmkuhl, Leopoldstr. 45, 380 15 00

Der Hanser-Verlag bietet Interessierten hier eine Leseprobe und nähere Informationen zum Autor an.

© SZ vom 08.03.2016/hmai
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