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Roman "La Fenice":Hinter den Bildern

HISTORISCHE REGATTA IN VENEDIG

Das Venedig der Renaissance (hier in einer historischen Regatta nachgestellt) ist für die Protagonistin Zafetta nichts Romantisches, sondern eine "Station zum Ausnüchtern".

(Foto: Michael Leis/dpa)

Von Tizians "Venus von Urbino" inspiriert erzählt Lea Singer in "La Fenice" die Geschichte einer widerspenstigen jungen Frau im Venedig der Renaissance

Von Cora Wucherer

Der Blick ist herausfordernd, nicht gesenkt, obwohl sie ganz nackt daliegt. Wie hin drapiert auf den roten Matratzen mit den weißen Laken, die linke Hand zwischen den Beinen, die cremige Haut hebt sich scharf gegen den dunkelgrünen Vorhang hinter ihr ab: Tizians "Venus von Urbino", vollendet im Jahr 1538. Es ist ein Gemälde, hinter dem sich eine Geschichte zu verbergen scheint.

Die Münchner Autorin Lea Singer ist dieser Geschichte nachgegangen. Basierend auf historischen Fakten entspinnt sie die Biografie einer jungen Frau im Venedig der Renaissance. La Zaffetta nennen sie diejenigen, die ihren Vater für einen Zaffo, einen Spitzel, halten; sie selbst gibt sich den Namen Angela, Angela del Moro. Venedig, das ist für Zafetta nicht die romantisierte Version von Reisenden, die alles Hässliche und Schreckliche an der schwimmenden Stadt übersehen, sondern eine "Station zum Ausnüchtern". Die 16-Jährige ist Kurtisane, ein Beruf, den sie mit Bedacht gewählt hat und den sie nicht als Sünde empfindet. Ratschläge holt sie sich bei der alten Fedele, der mächtige Arentino nimmt sie unter seine Fittiche. Bis Zafetta es wagt, zu einem Mann "Nein" zu sagen. Lorenzo Venier, ein Mann mit Macht und Einfluss, Freund Arentinos, ist kein Mann, der ein "Nein" akzeptiert. Erst recht nicht von einer Frau. Die Folgen für Zafetta sind grausam. Venier rächt sich an ihr und demütigt sie öffentlich. Doch Zafetta steigt aus der Asche wieder auf wie ein Phönix - bis sie Modell steht für den berühmten Maler Tizian.

Die Münchner Autorin Lea Singer ist promovierte Kunsthistorikerin und weiß, wovon sie schreibt.

(Foto: Michael Leis/dpa)

Was Tizian mit seinem Pinsel macht, das vollbringt Lea Singer mit ihrer Sprache: Sie malt Bilder mit ihr. Bilder wie "Den letzten Satz drehte und wendete ich in meinem Kopf herum, als wäre es ein Brocken Melone im Mund, vielleicht süß, aber zu groß zum Zerbeißen und zum Herunterschlucken zu sperrig" oder "Ich versuchte, diesen Klumpen in meinem Kopf ordentlich zu zerlegen, beim Rebhuhn war das Tranchieren kein Problem gewesen, aber nun rutschte ich dauernd ab." "La Fenice" lebt von dieser eigenwilligen Bildhaftigkeit der Sprache. Aber auch von der Widerstandskraft der Protagonistin: Zafetta ist eine kluge, junge Frau, die sich weigert, am Boden zu bleiben und immer wieder nach oben zurück kämpft. Wenn Arentino sagt: "In unserer Sprache ist der Vogel Phönix bekanntlich weiblich: la fenice", dann ist es das, was Angelas Geschichte im Kern ausmacht. Die Thematik - die Selbstbestimmtheit der Frau - bleibt dabei, obwohl "La Fenice" in der Renaissance angesiedelt ist, bedrückend aktuell.

Historische Stoffe sind für die Münchner Autorin Lea Singer kein Novum. Unter ihrem echten Namen, Eva Gesine Baur, veröffentlicht die promovierte Kunsthistorikerin seit 1997 Sachbücher, unter ihrem Pseudonym Lea Singer vor allem musikhistorische Fiktion, zuletzt "Der Klavierschüler". Auch "La Fenice" besticht durch historische Präzision. Wenn der Roman einmal von der geschichtlichen Realität abdriftet, dann nur der Schönheit der Erzählung zuliebe. Denn, wie Zafetta es selbst formuliert: "Es gibt für mich nur zwei Gründe, etwas aufzubewahren: dass es schön ist oder nützlich. Mit Geschichten ist es genauso."

Lea Singer: La Fenice, Di., 6. Okt., 20 Uhr, Literaturhaus, (Studio & Stream), Salvatorplatz 1, Infos: www.literaturhaus-muenchen.de

© SZ vom 06.10.2020

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