bedeckt München

Rodeln:Holpriges Vergnügen

Auch wenn die Schneedecke schon dünn ist, am Wochenende zieht es viele Familien zu den Schlittenhügeln der Stadt

Von Sabine Buchwald

Drei Leute passen auf einen Plastikbob. Ein Papa und zwei Kinder. Andreas Böltl setzt sich hinter Sohn Lewin, der klammert sich an Freundin Fenja, und ab geht's den Hügel im Sendlinger Park hinab. Hier ist am Samstag noch alles weiß. Die Popos rutschen auf der gelben Kunststoffschale also einigermaßen weich über den Schnee. Fröhlich stapfen die drei schon bald wieder hoch. Ein idealer Hang für kleinere Kinder. Am Vormittag seien sie schon am Perlacher Muggel gewesen, erzählt Fenjas Vater Franz Berger. "Da war's ganz schön eisig und schnell." Und Mitte der Woche seien sie am Spitzingsee gewesen. Franz Berger verzieht das Gesicht, als habe er soeben ein Geheimnis preisgegeben.

Einige Meter weiter steht der siebenjährige Moritz auf seinem Schlitten. Er hält sich tapfer auf den dünnen Latten, während der Holzuntersatz an Fahrt aufnimmt. Die geringe Steigung hier ist ihm auf Dauer zu langweilig. Also übt er mit seinem Vater Kunststücke. Am Wochenende davor seien sie in Kreuth gewesen und von Einheimischen mit Blick auf ihr Münchner Autokennzeichen angeschnauzt worden, erzählt währenddessen die Mutter. Es ärgere sie, dass sich jetzt eine Kluft zwischen Stadt und Land auftue. Jetzt könne man halt kein Geld in den Gaststätten lassen. Ein Grund vielleicht, weshalb man die Städter nicht mehr möge. "Doch Kinder müssen mal raus aus der Wohnung", sagt sie.

Freizeit im Corona-Winter

Andreas Böltl saust mit seinem dreijährigen Sohn Lewin auf dem Bob den Neuhofer Berg hinab.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Seit Tagen hat es in der Stadt nicht mehr geschneit. Deshalb sind die meisten Münchner Schlittenhügel ziemlich abgefahren. Allerdings haben die niedrigen Temperaturen das grün-braun-weiße Gras-Erde-Schnee-Gemisch vielerorts zu einer eisigen Fläche gefroren, so dass es sich doch noch ganz annehmbar sausen lässt, wie etwa am ziemlich steilen Neuhofer Berg. Dort haben sich Jugendliche eine Rodelpiste glattgerutscht. Laute Juchzer hört man von Weitem. Wer nur mit einem sogenannten Poporutscher ausgestattet ist, dem entfährt schon auch mal ein Schmerzensschrei, wenn er über Steine und Eisbrocken holpert.

Dort, wo die Münchner erfahrungsgemäß mit ihren Rutschunterlagen hinpilgern, sind die unmittelbar im Weg stehenden Bäume mit Strohballen gesichert. Selbst auf Spielplätzen mit kleinsten Buckeln sieht man sie. Eine Vorsichtsmaßnahme, die Verletzungen vorbeugen soll.

Ähnlich dreifarbig wie am Neuhofer Berg sieht der Untergrund am Rand der Theresienwiese aus, wo am Wochenende weniger Leute zu sehen waren als noch am Dreikönigstag. Auch für die ambitionierten Schlittensportler im Luitpoldpark, wo es richtig steil abwärts geht, und am ebenso steilen, aber kurzen Monopteros-Hügel wünscht man sich eine dicke Lage Schnee dazu. Der offizielle Weg hinauf zu dem Säulentempel im Englischen Garten ist gesperrt, damit oben nicht zu viele Menschen beieinanderstehen. So wird die Maßnahme auf einem Schild erklärt. Schlittenfahren mit Abstand aber ist geduldet.

Freizeit im Corona-Winter

Der siebenjährige Moritz übt auf seinem Schlitten Kunststücke.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Überall in dem weitläufigen Park sieht man kleine Grüppchen stehen, hier und da picknicken Menschen auf den Bänken. Aus Thermoskannen dampft es, sie sind das Utensil der Stunde. Selbst mit geringen Schneemengen lässt sich auch ohne Schlitten Spaß haben. Ein unbekannter Bildhauer hat nahe dem Monopteros kleine Figuren geformt, die als weiße Klettermaxe an den Baumstämmen kleben.

Während am Neujahrstag die Polizei noch Rodler nach Hause schicken musste, weil es an einem Hang in Pasing zu voll wurde für Pandemiezeiten, gab es am Wochenende an den Schlittenbergen laut Polizei keine nennenswerten Vorkommnisse. Ob das an den Ermahnungen der Beamten, an den frostigen Temperaturen oder an dem nicht mehr ganz so verlockenden Untergrund lag, lässt sich nicht belegen. Man zeige Präsenz, sagte eine Polizeisprecherin, und gehe Hinweisen aus der Bevölkerung nach. Aber große Ansammlungen auflösen oder gar Hügel sperren, habe man nicht müssen. Für Dienstag ist neuer Schneefall angesagt. Die verschärften Corona-Maßnahmen erlauben dann nur noch Begegnungen mit einer Person aus einem fremden Haushalt. Andreas Böltl, Lewin und Fenja dürfen sich dann immer noch einen Bob teilen.

© SZ vom 11.01.2021
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