bedeckt München 12°

Robbie Williams in München:Robbies Familienshow

"The Heavy Entertainment Show" heißt die aktuelle Tour, und damit ist alles gesagt, was Robbie Williams immer schon war und immer noch ist.

(Foto: Stefan M. Prager)

Sonderlich cool war es noch nie, Robbie Williams gut zu finden. Und es ist gewiss nur noch uncooler geworden. Dem Münchner Olympiastadion ist das egal.

Von Elisa Britzelmeier

Wenn eines schon vor dem Konzert im Münchner Olympiastadion klar war, dann: Robbie Williams ist nun endgültig in der Reihe der Popstars angekommen, die in einem fort beweisen sollen, dass sie es noch drauf haben. Die vom großen, schon ein Weilchen zurückliegenden Erfolg leben. Und deren Live-Auftritte darum immer auch eine Zeitreise sind.

"The Heavy Entertainment Show" heißt die aktuelle Tour, und damit ist alles gesagt, was Robbie Williams immer schon war und immer noch ist. "The Heavy Entertainment Show" ist auch der erste Song des Abends, Robbie taucht im Boxermantel auf, zieht ihn aus, darunter trägt er Schottenrock, Fanfaren. Danach kommt "Let me entertain you", und damit erfährt jeder gleich nochmal, worum es hier geht. Eine Hand in die Luft, die andere Hand dazu, tausende Hände fliegen, tausende Menschen hüpfen, und Robbie dirigiert sie alle. Wenn eines erst beim Konzert im Münchner Olympiastadion klar wird, dann: Es macht immer noch großen Spaß, Robbie Williams beim Robbie-Williams-Sein zuzusehen. Insofern hat sich also nichts geändert.

Natürlich hat sich ein bisschen was geändert. Robbie Williams ist inzwischen 43 Jahre alt, verheiratet, Vater und wohl ziemlich glücklich. Das mit den Drogen ist längst vorbei, das Bad-Boy-Image glaubt man ihm auch nicht mehr. Seine Alben verkaufen sich nicht mehr so wie früher, sie sind auch nicht mehr so voller Hits wie "Sing When You're Winning" oder so zeitlos wie "Escapology". Seit acht Jahren schaffte es keine Single mehr auf Platz eins der deutschen Charts, in den Streaming-Top-100 taucht er gar nicht erst auf. Früher hat er einmal gesagt, da sei ein dicker Mann in Robbie Williams, der es kaum erwarten könne, rauszukommen. Wenn man ihn so vergrößert auf der Stadionleinwand sieht, das leichte Doppelkinn, die Arme im schulterfreien Shirt: der dicke Mann hat sich inzwischen wohl ein Stückchen weiter rausgewagt. Robbie Williams ist mittlerweile also ein nicht mehr ganz so erfolgreicher Popstar, und ein nicht mehr ganz so junger. Seinem Publikum macht das nichts aus. Es geht schließlich allen im Stadion so.

Es sind übrigens mehr Männer im Publikum, als manche erwarten würden

Mit München hat er Erfahrung, man kennt sich. 2003 war er hier, 2013 auch, 2011 mit Take That, und 2006 gelang es ihm tatsächlich, das Olympiastadion an drei aufeinanderfolgenden Abenden zu füllen. Wie viele Menschen das sind, vergisst man leicht, wenn man gerade nicht in einem Stadion steht. An diesem Abend sind kurz vor Konzertbeginn noch Karten übrig. Voll sieht es trotzdem aus, und weil es warm ist und sich nach Ferien anfühlt, ist auch draußen viel los, Isomatten neben Picknickdecken auf den Wiesen und dem Olympiaberg.

Drinnen macht Robbie Williams das, was er seit Jahren macht. Er ist auf der Bühne präsent wie kein anderer, er läuft auf und ab, er tanzt, er ist lustig. Inzwischen sitzt er auch öfter mal. Trotzdem undenkbar, dass hier ein Song einfach runtergesungen würde. Jeder Titel hat sein Zubehör, die wippenden Arme bei "Millennium", das Whoop-whoop bei "Rock DJ". Die Tänzerinnen tanzen, Flammen zischen Richtung Himmel, Glitzer schießt über die Menge, die Menge schreit. Es sind übrigens mehr Männer darunter, als manche erwarten würden.

Viele mögen ihn für die Show. Viele für den Größenwahn, der sich gleichzeitig doch wieder nicht so wichtig nimmt, für die Ironie, die bei ihm immer schon mitschwang. So wie in der Hymne, die es am Beginn zu hören gab: "God bless our Robbie", hieß es da, "totally global" sei er. Nur in den USA halt nicht. Die große Geste, aber gebrochen. "Rudebox", den nicht wenige Menschen für den schlechtesten Song aller Zeiten halten, singt er tatsächlich immer noch, eingeleitet mit den Worten: "Ich erzähl' euch jetzt was über mich, was ihr noch nicht wusstet: Ich bin ein verdammt guter Rapper".

Immer wieder streut er Titel von anderen ein oder singt Take-That-Songs an. Sogar "Freedom" spielt er, das Lied, das er 1996 von George Michael coverte und das sein Debüt als Solokünstler war. George Michael, sagt er, war alles, was ich damals sein wollte, und ich hätte nie gedacht, dass das klappt.

Die kleine Brechung war es auch, die ihn immer schon für die interessant machte, die sich eigentlich zu cool für ihn fühlten. Denn sonderlich cool war es noch nie, Robbie Williams gut zu finden, und seit 2006 ist es gewiss nochmal uncooler geworden. Dem Olympiastadion ist das egal. Es feiert ihn vor allem für seine alten Songs, aber auch unter den neuen ist einer, der alle mitnimmt: "Love My Life". Nun ist es so, dass Robbie Williams früher vor allem damit beschäftigt war, mit sich selbst zu hadern, wenn er gerade nicht auf Bühnen oder in Tonstudios stand. Man kann das in der 2004 erschienenen Biographie nachlesen und in einigen seiner Songtexte. Heute dagegen erzählt er nette Geschichten von seinen beiden Kindern, für die er "Love My Life" geschrieben hat. Er widmet das Lied allen Müttern und Vätern im Stadion, davon gibt es einige. Und dann setzt er sich auf einen riesigen Boxhandschuh, schwebt über den Müttern und Vätern dahin und singt, wie schön und wunderbar alles ist. Fast wünscht man sich den Robbie Williams zurück, der in "Come Undone" zynisch übers Liebesliedersingen herzog. Aber irgendwie glaubt man ihm, dass er sein Leben ziemlich liebt. Und alle anderen im Stadion gerade auch.

Eine Familienshow also. Gegen Ende holt er sein anderes großes Vorbild neben George Michael auf die Bühne: seinen Vater. Pete Conway trägt Smoking und Fliege. Er war schon lange vor seinem Sohn Entertainer, und Robbie Williams sagt, er habe viel von ihm gelernt. Sie singen "Sweet Caroline" zusammen, das Stadion singt mit, es ist ein bisschen wie auf dem Oktoberfest, nur größer. Überhaupt sorgt Robbie Williams dafür, dass mindestens das halbe Konzert lang das Publikum den Gesang übernimmt. Singen macht eben glücklich.

Nach zwei Stunden dann, die letzten Takte von "Angels" sind gerade vorbei, kommt doch noch eine Überraschung. Einige laufen schon die Treppen hoch, die ersten sind bereits fast raus aus dem Stadion, da stimmt Robbie Williams noch "My Way" an. Er widmet es allen, "die Angels offenbar nicht mögen und schon auf dem Weg zu ihren Autos sind". Jubel, Stadionchor, the final curtain. Dann ist es aus, und alle laufen zu ihren Autos. Sie singen immer noch.

© SZ.de/doer

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite