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Risikoforschung:Gebbekens Welt ist die der Bomben

"Ich bin der einzige auf der Welt, der nicht nur forscht, sondern seine Erkenntnisse auch praktisch umsetzen kann", sagt er selbst: Er hat der Bundeswehr geholfen, sichere Stützpunkte zu bauen, er hat Banken, Firmen und Religionsgemeinden dabei beraten, sich vor Anschlägen zu schützen. Über viele dieser Tätigkeiten darf er nicht offen sprechen.

2004 hat Gebbeken das Weiterbildungsprogramm "Bau-Protect" gegründet, seit 2007 leitet er die von ihm mitgegründete "International Association of Protective Structures". Seit Ende 2016 ist er auch Vorsitzender der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau.

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Gebbeken lädt in sein Zimmer auf dem Campus der Universität in Neubiberg. Der 63-Jährige ist ein sportlicher Mann, ein leidenschaftlicher Ski-Langläufer und Triathlet; den Halbmarathon läuft er in weniger als eineinhalb Stunden. Bis vor fünf Jahren sei er noch bei Triathlon-Wettkämpfen angetreten, sagt er. Jetzt ist er Vorsitzender des Sport-Fördervereins der Uni.

In sein verglastes Regal hat er Pokale gestellt, daneben Tassen, wie man sie bei Laufveranstaltungen erhält. Daneben liegen Schrapnelle, Teile einer Taliban-Granate und ein Stück eines Toyotas, der 2009 vor der deutschen Botschaft in Kabul explodiert ist. Der Metallsplitter verwandelte sich damals in ein Geschoss mit messerscharfen Kanten. "Wenn einen so etwas trifft", sagt Gebbeken, "hat man keine Chance."

Der Ingenieur nimmt solche Dinge nüchtern hin. Mit Splittern und Druckwellen zu rechnen, mit geplatzten Trommelfellen, gerissenen Lungen und zerfetzten Gliedmaßen, das sei eben sein Beruf, sagt er. Gefühle stelle er da hinten an. Gefragt sei nicht Empathie, sondern eine sachliche Analyse. Gebbeken jagt auch gerne einmal etwas in die Luft; dazu fährt er zur Wehrtechnischen Dienststelle in Oberjettenberg im Berchtesgadener Land.

Ein lauter Knall macht mehr Eindruck als eine Computersimulation

Dort gebe es einen Sprengstollen, in dem könne man sogar atomare Sprengungen simulieren, erzählt er. In einem Tunnel sei die Wucht einer Explosion ja ungleich höher als draußen im Freien. Aber dass er es tatsächlich knallen lässt, das stehe erst am Ende. Gesprengt wird, um auszuprobieren, ob das, was sich die Forscher zuvor ausgedacht haben, wirklich funktioniert. Meistens sitzt Gebbeken vor seinem Computer, entwirft Simulationen und feilt an der Theorie.

Als er 1995 in München angefangen hat, war diese Methode neu. Gebbeken stammt aus dem Emsland, er besuchte die Ingenieurschule Münster, studierte in Hannover. Die Bauingenieure an der dortigen Leibniz-Universität entwickelten damals Computer-Simulationen, um mehr zu erforschen und dabei schneller zu sein als mit Experimenten; Gebbeken spricht von der "Hannoveraner Schule". Diese Idee habe er auf Explosionen übertragen. Und damit habe er sogar das US Army Corps of Engineers beeindruckt, das eigentlich als Maß aller Dinge in der Sprengtechnik galt.

1996 war das, Gebbeken war zum Antrittsbesuch in die USA geflogen. "Die haben da ein richtiges Showprogramm gemacht", erzählt er. Als er aber fragte, warum sie denn keinerlei Theorie erarbeiten würden, blickte er in viele fragende Gesichter. Die Amerikaner hätten ihm dann gleich einen Forschungsauftrag gegeben, sagt er.

Inzwischen habe das Corps of Engineers die Vorteile von numerischen Berechnungen erkannt. "Wobei ein Problem natürlich geblieben ist: Einen Politiker kann man mit einem lauten Knall stärker beeindrucken als mit einer Computersimulation." Auch wenn die Arbeit am Rechner erheblich effektiver sei.

Mit ihren Programmen entwerfen Gebbeken und sein Team mittlerweile komplexe Strategien, um ganze Liegenschaften zu schützen. Ein Auftraggeber wie das Bundeskriminalamt gebe in der Regel ein Szenario vor, sagt der Statiker. Die Forscher suchen dann nach Wegen, zum Beispiel große Bomben gar nicht erst in einen bestimmten Bereich vordringen zu lassen, also etwa Lastwagen und Autos auszusperren. Um sich gegen kleinere Sprengsätze zu wappnen, könne man etwa tragende Säulen ummanteln, um eine Kontaktexplosion zu verhindern, sagt Gebbeken. Schon mit recht geringem Abstand sei eine Explosion erheblich weniger gefährlich.