Wer an Rilke denkt, denkt wahrscheinlich nicht zuerst an München. Eher an Prag, seine Geburtsstadt, oder an Paris, wo er als Sekretär beim Bildhauer Auguste Rodin arbeitete. Einen Ort, der untrennbar mit dem Schriftsteller verbunden wäre, gibt es nicht – wie Weimar für Goethe oder Tübingen für Hölderlin.
Rainer Maria Rilke, am 4. Dezember vor 150 Jahren geboren, war ein rastlos Umherziehender, ein ewiger Reisender, dessen wahre Heimat die Poesie war. „Er hatte kein Haus, keine Adresse, wo man ihn suchen konnte, kein Heim, keine ständige Wohnung, kein Amt. Immer war er auf dem Wege durch die Welt, und niemand, nicht einmal er selbst, wusste im Voraus, wohin er sich wenden würde“, schrieb der Schriftsteller Stefan Zweig einmal über ihn.
Und doch gibt es eine Stadt, in die er immer wieder zurückkehrte: München. Vielleicht war sie der einzige Ort, der ihm ein wenig Stabilität bot in seinem ruhelosen Leben. Was bedeutete die Stadt für Rilke? Was erlebte er auf den Straßen und in den Cafés im München der Jahrhundertwende? Eine Spurensuche.
Aus dem Prager Knaben wird eine Hauptfigur der Literatur
Zum ersten Mal kam Rilke im Sommer 1894 in die bayerische Landeshauptstadt. Er war 18 Jahre alt. Die Reise war eine Belohnung von seinem Vater für seine schulischen Leistungen. Zusammen durchstreiften sie die Kunstmuseen der Stadt. Das schillernde München hinterließ einen bleibenden Eindruck: Prag wirkte im Vergleich eng und steif, München dagegen pulsierend und voller künstlerischer Möglichkeiten.
Angespornt von Freunden und getrieben von eigener Neugier, kehrte Rilke als Student zurück: Zum dritten Semester, mit 20 Jahren, wechselte er an die Ludwig-Maximilians-Universität München. Ein Quartier fand er im Künstlerviertel Schwabing. Zunächst lebte er in zwei Erdgeschosszimmern in der Brienner Straße 48, dann in der Blütenstraße 8. Und auch wenn das Gebäude im Krieg fast vollständig zerstört wurde, weht hier noch immer der Wind des Dichters.

Heute wohnt der Historiker Jozo Džambo in einer der Wohnungen. Sie ist von oben bis unten mit Büchern vollgestellt; die Regale biegen sich unter der Last von Jahrbüchern, Sammelbänden und Monografien. Džambo hat sich intensiv mit Rilke beschäftigt und in seinem Buch „Böhmische Spuren in München“ über dessen Zeit in der Stadt geschrieben. Zwar betont er immer wieder, kein Experte zu sein, doch sein Wissen ist beeindruckend umfassend. Wer ihm zuhört, merkt schnell: Er kennt jedes Detail, jede Episode von Rilkes Münchner Jahren.
Dass Džambo ausgerechnet am selben Ort lebt wie einst der Dichter, war reiner Zufall. Erst beim Durchsehen eines Rilke-Briefbandes bemerkte er, dass er an derselben Adresse wohnt. Aus dieser Erkenntnis entstand ein kleines Projekt: Im Hauseingang wurden Tafeln angebracht, die an Rilkes achtmonatigen Aufenthalt erinnern. Zwar sind sie nur für die Bewohner zugänglich, aber Rilke ist so wieder im Haus präsent.

150 Jahre Rainer Maria Rilke:Unser Pop-Philosoph
In der weltumspannenden Populärkultur wird der vor 150 Jahren geborene Rainer Maria Rilke seit Jahren kultisch verehrt. Liest er sich auf Englisch eventuell besser, griffiger, zitierfähiger als im Original?
Doch zurück in die Vergangenheit: Wie erlebte Rilke seine Zeit in München? Seine autobiografisch gefärbte Novelle „Ewald Tragy“ gibt darauf eine literarische Antwort. Der Held, Ewald, verlässt seine Heimatstadt und zieht nach München, um entgegen dem Willen seiner Familie Dichter zu werden. Bei seiner Ankunft denkt er: „Und jetzt kann es beginnen – das Leben.“
Für Rilke begann in München tatsächlich „das Leben“. Die Stadt war ihm eine Offenbarung. In Prag interessierte sich kaum jemand für deutsche Dichtung; hier jedoch war es anders. In den Museen, Cafés und Theatern begegnete er Menschen, die ihn bestärkten und inspirierten: den Schriftstellern Wilhelm von Scholz und Jakob Wassermann oder der Fotografin Mathilde Goudstikker, in die er sich verliebte und der er seinen Einakter „Höhenluft“ widmete.
Die bedeutendste Begegnung fand jedoch im Gärtnerplatztheater statt: Rilke traf dort die 14 Jahre ältere Lou Andreas-Salomé, eine erfolgreiche russische Schriftstellerin. Sie war verheiratet, selbstbewusst und lebenserfahren und hatte Heiratsanträge von Friedrich Nietzsche, dem Philosophen Paul Rée und dem Schriftsteller und Reichstagsabgeordneten Georg Ledebour einfach abgelehnt.
Der junge Dichter ließ sich davon nicht beeindrucken: Mit demselben Eifer, mit dem er Dichter werden wollte, verfolgte er sie. Er schickte ihr blassblau-versiegelte Briefe in die Schellingstraße und überschüttete sie mit Gedichten, Liebesbriefen und Rosen – so lange, bis sie schließlich einem Treffen zustimmte, obwohl ihr seine Gedichte eigentlich viel zu sentimental und überschwänglich waren.

Boheme in Wolfratshausen:Wo der junge Rilke zum Dichter wurde
„Lösch mir die Augen aus: ich kann dich sehn“: Rainer Maria Rilke war 22 Jahre alt, als er 1897 mit Lou Andreas-Salomé in Wolfratshausen einen prägenden Sommer erlebte. Nun jährt sich sein Geburtstag zum 150. Mal – und im Bergwald wäre wieder ein Liebhaber gefragt.
Doch das ließ sich ändern. Sie forderte ihn heraus, präziser, ernster und wahrhaftiger zu schreiben und das Sentimentale zurückzudrängen. Unter ihrem Einfluss wurde aus René Rainer. Das war schlichter und ohne frankophone Aufgeblasenheit. Auch seine verschnörkelte Schrift vereinfachte sie. Selbst der Wohnort sollte simpler werden: Gemeinsam zogen beide aus dem dichten München aufs Land nach Wolfratshausen, wo sie eine Künstlerkommune gründeten. Die Literaturwissenschaftlerin Sandra Richter beschreibt treffend: Andreas-Salomés „massive Eingriffe“ machten aus dem „Prager Knaben eine Hauptfigur der Literatur“.
Auch nachdem Rilke München verlassen hatte, blieb er der Stadt in besonderer Weise verbunden. Zahlreiche Aufenthalte sind dokumentiert; wann immer es möglich war, legte er auf seinen Reisen einen Zwischenstopp ein. München ist „unter den großen Städten die sympathischste, duldsamste und weiteste“, schrieb er noch 1904. Meistens übernachtete er im Hotel Marienbad. Um die Jahrhundertwende gehörte es zu den renommierten Adressen der Stadt – hier hatten auch schon die Pianistin Clara Schumann und der Schriftsteller Theodor Fontane übernachtet.

Auch 1914 reiste Rilke von Paris nach München und stieg im Hotel Marienbad ab, Anlass war eine Behandlung beim berühmten Arzt Wilhelm Schenk von Stauffenberg. Der Aufenthalt sollte nur kurz sein – doch die Zeitgeschichte machte ihm einen Strich durch die Rechnung: Am 1. August erklärte das Deutsche Reich Russland den Krieg. Rilke konnte nicht nach Paris zurückkehren, wo unterdessen sein gesamtes Hab und Gut versteigert wurde.
„Tut, was ihr könnt, zur Ehre Frankreichs!“, schrieb Stefan Zweig nach Paris, um das drohende Unglück abzuwenden. In einer kaum vorstellbaren Aktion verschafften sich die Schriftsteller Romain Rolland und André Gide sowie Rilkes Concierge Zugang zu seiner Wohnung und schafften es am Ende, zwei Kisten mit Manuskripten und Briefen zu sichern.

Währenddessen überlegte Rilke, wo er vorerst unterkommen sollte. Clara, seine Ehefrau, die er 1901 in Bremen geheiratet hatte und von der er inzwischen getrennt lebte, wohnte mit seiner Tochter Ruth in München. Sie bot ihm an, bei ihnen zu wohnen – doch Rilke entschied sich anders. Der Arzt empfahl einen Landaufenthalt, und so zog er nach Irschenhausen.
Dort begann Rilke eine neue Liebschaft – ebenfalls mit einer Lou. Lou Albert-Lasard, eine französische Malerin, kannte sein Werk nahezu vollständig und bewunderte den mittlerweile bekannten Dichter zutiefst. Sie begegneten sich zufällig im Speisesaal des Landhauses. Nach der Erholung zog Rilke zu ihr und entschied, nun erst einmal in München zu bleiben, statt nach Paris zurückzukehren. Sie wohnte in der Finkenstraße 2 – derselben Straße, in der auch Rilkes fiktiver Ewald Tragy lebt.
Im Juni 1915 wurde das Geld knapp, und Rilke musste ausziehen. Vorübergehend zog er zu der befreundeten Dichterin und Kunstsammlerin Hertha König in die Widenmayerstraße 32, direkt an der Isar im Lehel. In der Wohnung hing Picassos „Gaukler“ – ein Bild, das Rilke König selbst zum Kauf empfohlen hatte und auf den er später die „Fünfte Elegie“ dichtete. Nach einigen Monaten zog er weiter in die Keferstraße 11 (heute Nr. 2), eine schöne Wohnung direkt am Englischen Garten, die „von oben bis unten voll Insel-Bücher“ stand.
Rilke verfolgte die politischen Entwicklungen des Ersten Weltkrieges intensiv: Bis zu fünf Zeitungen täglich, auch aus dem Ausland, verschafften ihm den Überblick. Gleichzeitig blieb er kulturell aktiv, besuchte Lesungen und Kunstausstellungen und dichtete fleißig weiter – darunter „Der Tod Moses“, „Requiem auf den Tod eines Knaben“ und die „Vierte Duineser Elegie“. Bei einer Lesung im Februar 1915 hörte er Thomas Manns kriegsbegeisterten Essay „Gedanken im Kriege“. Heinrich Mann, der neben ihm saß, soll ihm ins Ohr geflüstert haben: „Mein Bruder hat druckfähigere Gedanken als ich.“ Auch dessen Essay „Zola“ hörte Rilke in diesen Tagen – ein Text, der kaum weiter von dem des Bruders entfernt sein könnte.

1916 wurde Rilke als österreichisch-ungarischer Staatsbürger für kriegstauglich erklärt. Der feine, zarte Dichter hatte Angst davor, eingezogen zu werden, auch wenn er nicht pazifistisch eingestellt war. Er tat alles, um den Dienst an der Waffe zu vermeiden, und seine Freunde und Förderer setzten sich tatkräftig für ihn ein. Der Insel-Verlag schrieb sogar einen Brief an sein Armeekorps: „Rainer Maria Rilke gehört unzweifelhaft zu den grössten lebenden Lyrikern der deutschen Zunge“, argumentierten sie. Und weiter: Seine Lyrik sei religiös und der Autor gänzlich ungeeignet für die Front.
Nach wenigen Wochen wurde Rilke tatsächlich in den Bürodienst versetzt und kam ins Kriegsarchiv in Wien. Dort sollte er das sogenannte „Heldenfrisieren“ übernehmen – aus Frontberichten und Feldakten heroische Kriegsgeschichten dichten. Doch diese Arbeit missfiel ihm. Wieder mussten Unterstützer eingreifen: Ein Brief, in dem erklärt wurde, dass Rilke unter der Unmöglichkeit des Schreibens leide und von zarter Gesundheit sei, wurde von 48 Persönlichkeiten unterzeichnet, darunter die Schriftsteller Gerhart Hauptmann und Hugo von Hofmannsthal. Der Versuch gelang: Am 9. Juni 1916 wurde Rilke vom Dienst enthoben. Insel-Verleger Anton Kippenberg freute sich, dass „die Kanonenschüsse, die wir nach Wien abgefeuert haben“, erfolgreich waren.
Rilke kehrt München den Rücken
Aus Wien kehrte Rilke in die Keferstraße 11 in München zurück, deren Miete weiterhin von seinen Förderern übernommen worden war. Ende 1917 zog er ins Hotel Continental in die Ottostraße 6 – ein Luxushotel, wo sich Rilke aber nicht wohlfühlte. „Der Winter für mich in diesem kleinen, von lauter Sorgen abgenutzten Hotelzimmer war eine Pein … meine Schwere und Schwermütigkeit war so groß“, klagte er. Im Mai 1918 konnte er endlich umziehen, in etwas Eigenes: eine Wohnung in der Ainmillerstraße 34, wo heute noch eine Plakette an ihn erinnert.

In München war von der anfänglichen Kriegsbegeisterung nicht mehr viel übrig. Die Menschen waren zermürbt, in Kiel meuterten die Matrosen; in München braute sich eine Revolution zusammen. Rilke sympathisierte zunächst mit den Revolutionären. Er hörte Vorträge von Max Weber und Erich Mühsam; seine Wohnung stellte er den Revolutionären Ernst Toller und Alfred Kurella für ihre Treffen zur Verfügung – auch wenn er sich selbst aus den Debatten heraushielt.
Am 17. November nahm Rilke an der Revolutionsfeier im Nationaltheater teil. Als der Schriftsteller Oskar Maria Graf ins Gefängnis kam, schrieb er einen Brief, in dem er Graf als unpolitisch darstellte – eine Lüge, die vermutlich dessen Leben rettete. Im Mai 1919 wurde Rilkes Wohnung gleich zweimal durchsucht. Man verdächtigte ihn des Bolschewismus. Seine Wohnung war nicht mehr sicher, weshalb er den Revolutionär Ernst Toller, der um Asyl gebeten hatte, nicht mehr verstecken konnte. Toller musste daher im Schloss Suresnes unterkommen.
Trotz der Verdächtigungen hatte Rilke mit der Revolution längst abgeschlossen: „Ich gestehe, dass ich zu dem Umsturz selbst zuerst eine gewisse rasche und freudige Zuversicht zu fassen vermocht habe“, schrieb er später. Doch der Revolution habe es an Entschlossenheit gefehlt, und nach einem so langen Krieg sei der Moment dafür der falsche gewesen.
Am 11. Juni 1919 reiste Rilke ab, offiziell für eine Vortragsreise in die Schweiz. „München ist so sehr zu Ende für mich, wie ein Buch, das ich zwanzigmal im Gefängnis vom Anfang bis zum Schluss durchgelesen hätte; es ist so völlig aufgebraucht, dass nicht einmal Wind, Himmel oder die kleinen Frühlingsversuche der Büsche des Englischen Gartens mir das Mindeste zu sagen haben“, schrieb er. Sosehr er mit der Revolution abgeschlossen hatte, sosehr hatte er es auch mit der Stadt getan, die ihn nun des Verrats bezichtigte.
Es war ein endgültiger Abschied, Rilke kehrte nie wieder nach München zurück. Für den Dichter, der 1926 in einem Sanatorium in der Schweiz starb, war damit überhaupt das Kapitel Deutschland abgeschlossen. München, seine erste deutsche Heimat, blieb nun auch seine letzte.
Verwendete Quellen: Jozo Džambo: „Daß mir München traut und lieb erscheint …“. Rainer Maria Rilke in München, in: Böhmische Spuren in München. Geschichte, Kunst und Kultur (Volk Verlag, 2020). Dirk Heißerer: In fremden Zimmern, in: Wo die Geister wandern. Literarische Spaziergänge durch München (C.H. Beck, 2008). Sandra Richter: Rainer Maria Rilke oder das offene Leben. (Insel Verlag, 2025). Ingeborg Schnack: Rainer Maria Rilke. Chronik seines Lebens und seines Werkes (Insel Verlag, 1975)

