OpernpremiereLatex, Leid und Lebenslust: Münchens neuer Rigoletto

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Frühlingsboten vor der Oper am Premierenabend von Verdis Rigoletto.
Frühlingsboten vor der Oper am Premierenabend von Verdis Rigoletto. Johannes Simon

Nach vielen Jahren ist  Verdis Rigoletto wieder in einer Neuinszenierung an der Staatsoper zu sehen. Das Premierenpublikum beschäftigen die Krokusse vor dem Haus und die Krisen dieser Welt.

Von Sabine Buchwald

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Die Erwartungen haben sich erfüllt. Das lässt sich so sagen, dazu braucht es keinerlei Expertise und nicht mal eine der begehrten Karten für die ausverkaufte Rigoletto-Premiere am Samstagabend. Denn man kann die Augen auch einfach so über den begrünten Max-Joseph-Platz vor der Oper wandern lassen und den Anblick auskosten. Auf den neu angelegten Rasenflächen tummeln sich in diesen Tagen weiße und lila Krokusse fast so üppig wie die Polka Dots auf den Objekten von Yayoi Kusama.

Sie sorgen beim Publikum auf den Stufen und unter dem Vordach des Nationaltheaters für unverfänglichen Gesprächsstoff und die Meinungen dazu sind: wohlwollend. Was will man auch kritisieren an Mutter Natur, die den anhaltend kalten Nächten und den eisigen weltpolitischen Entwicklungen mit wunderschönen Farben trotzt? Die absatzfeindlichen Stolperkiesel sind weg. Und bevor sich hier feierfreudige Jungspunde (wie vor dem Gärtnerplatztheater) niederlassen, was ein älterer Opernbesucher für die Zukunft des Platzes argwöhnt, haben sich die zarten Frühlingsboten ausgebreitet. Gut, hier nochmal Farbe zu tanken, denn die folgenden zwei Stunden und 45 Minuten sind, abgesehen von den roten Samtsesseln, auf denen man sitzt, optisch eher trist.

Opernabende an einem Samstag verleiten manch einen zum Shopping, und so müssen die Damen an der Garderobe einige Papiertüten französischer oder italienischer Modedesigner zu den Übergangsmänteln an die Haken hängen. „To die is nothing but it is terrible not to live“, dieses auf Englisch übersetzte Zitat Victor Hugos (1802-1885), das die gespannten Zuschauer bald auf der Bühne zu lesen bekommen, lässt sich auch auf das genussentschuldigende „Man lebt schließlich nur einmal“ herunterbrechen. Stimmig also. Passion kann sich so oder so ausdrücken.

Für Giuseppe Verdis Rigoletto ist man an diesem Abend gekommen, uraufgeführt in Venedig vor fast auf den Tag genau 175 Jahren, am 11. März 1851. Eine von Männerrollen dominierte Oper, in München neu inszeniert und ausgestattet von einem Frauentrio: Regie Barbara Wysocka, Bühnenbild Barbara Hanicka und Kostüme Julia Kornacka. Die mächtigen Männer verbannen sie in eine graue Kulisse, in der Hölle des Herzogs glänzt Latex.

Bereits 2005 hatte man die Inszenierung in Frauenhände gelegt. Die vor allem als Filmemacherin und Autorin bekannte Doris Dörrie hatte sich eine Art futuristisches Affenspektakel ausgedacht. Das war gewagt, kam aber nicht bei allen gut an. Dafür konnte man in der Rolle der Gilda damals Anna Netrebko und stattdessen an einigen Abenden Diana Damrau erleben. Seither hat sich einiges getan auf dieser Welt. Wohl dem, der die in Sankt Petersburg ausgebildete Netrebko in München noch hören konnte.

Lässige Einstimmung auf den Operabend.
Lässige Einstimmung auf den Operabend. Johannes Simon

Wer hätte gedacht, dass Verdis Meisterwerk in diesen Tagen aktueller denn je erscheint. Es geht um Macht, Missbrauch, Liebe, Demütigung und Verrat. Und am Ende stirbt eine unschuldige junge Frau, die eigentlich nichts anderes will als leben und  – was zum Leben dazugehört: lieben und geliebt werden. Die aus Barcelona stammende Sopranistin Serena Sáenz, 31, zeigt eine jugendliche Gen-Z-Gilda, für die man viel Empathie empfinden kann. Warum soll sie sich einschränken lassen von der Fürsorge ihres Vaters Rigoletto (Ariunbaatar Ganbaatar)? Man lebt eben nur einmal auf dieser Welt. Er hoffe, nicht zu viele Anspielungen auf Epstein zu sehen, sagt ein Opernbesucher im Parkett, kurz bevor sich der Vorhang hebt.

Schlussapplaus mit (von rechts) Ariunbaatar Ganbaatar als Rigoletto, Serena Sáenz (Gilda) und Elmina Hasan (Maddalena).
Schlussapplaus mit (von rechts) Ariunbaatar Ganbaatar als Rigoletto, Serena Sáenz (Gilda) und Elmina Hasan (Maddalena). Geoffroy Schied/Staatsoper München

Einen expliziten Hinweis gibt es dann zwar nicht. Doch die gespielte Ignoranz und Kälte des mitwirkenden Chores (in dunklen Business-Anzügen) kann Gedanken an die Machenschaften des weltweit vernetzten Amerikaners schon aufkommen lassen. Und wer am Ende Gilda in den Armen ihres untröstlichen Vaters liegen sieht und nicht an die Tragödie junger Menschen in Iran, Gaza, Israel oder der Ukraine denkt, ist vielleicht zu sehr von der Musik eingenommen. Zwölf Minuten Applaus und einige der fast schon obligatorischen Buhrufe gibt es nach dieser Premiere. Vor allem Sáenz und der aus der Mongolei stammende Ganbaatar aber bekommen viel Zuspruch.

Würde sie für einen Mann sterben, fragt man auf der anschließenden Party im Untergeschoss der Oper eine der auffallend jüngeren Frauen, die sich hier tummeln, und erntet Gelächter: „Natürlich nicht.“ Der Begleiter an ihrer Seite bekennt, dass er sich während der Aufführung nicht ganz davon habe frei machen können, an Machtmissbrauch zu denken. Eigentlich will man die Übel der Welt eher vergessen beim Feiern (mit Brezen, Wraps und Wein). Kultur kann ablenken und trotzdem politisch anregend sein. Diese schlicht gehaltene Rigoletto-Version, die nichts von dem Pomp hat, mit dem der mächtige amerikanische Präsident seine Gäste empfängt, lässt einen vielleicht gerade deshalb nicht kalt.

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