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"Rigoletto"-Premiere in München:An der Katastrophe vorbeigesungen

Die "Rigoletto"-Premiere in München ringt mit Verdis herber Partitur - ein Pechabend. Vor allem für Patricia Petibon, die als Gilda das stimmigste Porträt bietet.

Von Reinhard J. Brembeck

Rigoletto in Münchens Nationaltheater ist ein kleiner anzugtragender Angestellter einer mondänen Firma. Seine Witze sind schal, seine Behinderung (hässlich, Buckel) ist nicht zu sehen oder wurde wegoperiert. Er ist, aus welchem Grund auch immer, bei den Kollegen verhasst, und seine Gefühle lebt er reichlich spartanisch und unterkühlt aus. Franco Vassallo gibt Giuseppe Verdis racheschnaubenden Underdog Rigoletto zwar gelegentlich mit grimassierendem Pathos, meist aber ohne jede Exaltation. Er singt vor allem zu schön und nur selten scheint er von den Katastrophen betroffen, die über diesen Mann hereinbrechen. Er hat sich für die Karriere gnadenlos erniedrigt, alle Ideale und Freunde verraten.

Und dann gerät auch noch seine innig geliebte Tochter in die Fänge seines unbedarften Womanizer-Chefs, dem die Frauen trotz oder wegen Heimchenstrickjacke und Möbelpackerstatur reihenweise verfallen. Dieser Chef ist ein Don Giovanni, den kein Himmel ausbremst, weil Gott sich im Uraufführungsjahr 1851 längst interessanteren Aufgaben zugewandt hat, als beständig sexuelle Übergriffe zu ahnden.

Regisseur Árpád Schilling hat mit den gängigen Gepflogenheiten von Regie nichts im Sinn. Jenseits von Psychologie und Einfühlung arbeitet er als manieristischer Reduktionist, er nutzt den engen Sektor zwischen konzertanter Aufführung, Rampentheater und epischem Theater. Meistens sitzt das Personal, Chor eingeschlossen, auf einer teilbaren Riesentreppe, die in verschiedenen Arrangements auf der von Márton Ágh ausgestatteten Bühne erscheint. Die Regie wird vom Publikum gar nicht goutiert (Buhstürme), aber das Problem des Abends ist eher, dass weder die Sänger noch der Dirigent Schillings Tableaux-Denken zu nutzen wissen.

Am ehesten kann das die Gilda der Patricia Petibon, als widerspenstige Tochter Rigolettos. Eine selbstbewusste Frau, die das sentimentale Getue um die tote Mutter genauso leid ist wie den überbehütenden Vater. Sie will Freiheit, Liebe, Sex. Dass sie an den Strickjackenmann gerät, ist Pech, zumal sie sich zuletzt aus Liebe zu ihm hinmetzeln lässt. Petibon, die von der alten Musik herkommt und keinen Donnersopran besitzt, singt die Partie recht tonschön mit der für die virtuosen Passagen nötigen Attacke und Agilität. Sie bietet singspielerisch das mit Abstand stimmigste Porträt des Abends, das auch gut zu Verdis unsentimental herber Partitur passt.

Leider hat sie mit ihren Partnern Pech. Mit Dirigent Marco Armiliato, der die Sänger oft zudeckt und dem Staatsorchester nicht gerade das höchste Maß an Tonschönheit, Präzision, Durchhörbarkeit und Ausdrucksvielfalt entlockt. Auch den Chor stachelt er nicht zu Höchstleistungen an. So ist das raffinierte "Zitti, zitti"-Gewebe bei der Entführung Gildas rumpelig, aber eben nicht das geforderte Piano-Paradies. Leicht fuchtelig agiert Armiliato, und große Bögen sind seine Sache genauso wenig wie die Kunst, Verdis unablässige Folge von Gefühlstsunamis immer weiter zu steigern. Für die eher leichten Stimmen des Abends, auch für Dimitry Ivashchenko (erst matter Rachegeist, dann kalter Auftragskiller) und die dunkel röhrende Nadia Krasteva als vulgäre Straßenhure, ist Armiliato stets eine Spur zu aufdringlich.

Petibons Pech heißt aber auch Joseph Calleja. Der gibt den ewigen Stenz, der es längst aufgegeben hat, seine Eroberungen zu dokumentieren. Calleja singt unangestrengt, höhensicher und sogar mit einem gewissen Sex-Appeal. Die Stimme kommt von Puccini her, der Klang ist weich, dennoch ausladend. Weshalb er die zartere Petibon im Duett zudeckt, musikalisch ist das schlicht sinnlos. Zudem fehlen Calleja die Attacke und das belcantistische Rüstzeug, um die filigranen Momente seiner Partie völlig in den Griff zu bekommen. Darunter leiden die Akzente, die Eleganz, die Reaktionsschnelligkeit, auch Auszierungen und Koloraturen.

Vor allem aber gelingt es keinem der Sänger, Petibon ausgenommen, zwischen Schillings wohltuender szenischer Verweigerung und Verdis Gefühlsradikalismus zu vermitteln. Denn die Aufführungstradition ist ihnen genommen, aber sie haben nicht viel, was sie an ihre Stelle setzen können.

© SZ vom 17.12.2012/sonn
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