Süddeutsche Zeitung

Riem:Wo früher Flugzeuge starteten, entsteht jetzt High-Tech

  • Das Medizintechnologie-Unternehmen Brainlab ist auf das Gelände des alten Flughafens in Riem gezogen.
  • Der Konzern hat im Tower und in einem Neubau einen hochmodernen Bürokomplex errichtet.
  • Zur Eröffnung am Dienstag wird auch Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet.

Von Alfred Dürr

Einst haben die Lotsen vom Riemer Tower aus an ihren Computern dafür gesorgt, dass die Flugzeuge auf den richtigen An- und Abflugsrouten verkehrten. 25 Jahre nach dem Umzug des Airports ins Erdinger Moos erinnert der 35 Meter hohe Kontrollturm, der 1939 erbaut wurde, immer noch mit seinem rostbraunen Fassadenanstrich und der Glaskanzel auf dem neunten Obergeschoss an die alten Zeiten. Längst ist er zum Denkmal geworden; aber er selbst und seine Umgebung haben sich auch deutlich verändert.

Navigation, Computer und moderne Technik spielen in dem von Grund auf renovierten Turmbau wieder ein zentrale Rolle. Nun geht es allerdings nicht mehr um Flugzeuge zwischen Himmel und Erde, sondern um Reisen ins Innere des menschlichen Körpers. Mit höchster Präzision und einem möglichst schonenden Verfahren steuern High-Tech-Instrumente beispielsweise Tumore oder andere Operations- und Behandlungsstellen an.

Die Software dafür liefert das 1989 in Poing bei München gegründete Unternehmen Brainlab. Es zählt inzwischen zu den weitweit führenden Konzernen der Medizintechnologie. Im Tower und in dem Neubau um ihn herum ist ein hochmoderner Bürokomplex entstanden. An diesem Dienstag wird mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und zahlreichen Gästen die offizielle Eröffnung der neuen Firmenzentrale gefeiert.

Stefan Vilsmeier, der Gründer und Vorstandsvorsitzende von Brainlab, ist sichtbar stolz auf sein neues Hauptquartier. Das mittelständische Unternehmen beschäftigt 1360 Mitarbeiter an 18 Standorten weltweit, heißt es in einer Selbstdarstellung. In München haben rund 700 ihre Büros im Neubau bezogen.

Die frühere Zentrale in Feldkirchen war aufgrund der erfolgreichen Unternehmensentwicklung viel zu klein geworden. Vilsmeier spricht von einem "kompetitiven Umfeld" in München. Microsoft, Siemens, IBM - diesen Unternehmen will er auch rein baulich etwas Besonderes entgegensetzen.

Der markante Turm ist gewissermaßen das Aushängeschild für den Verwaltungscampus. Im Innern wurde der Tower vollständig umgebaut. Eine Cafeteria für die Mitarbeiter befindet sich im Erdgeschoss. Darüber liegen "Show-Operationssäle", in denen die Brainlab-Produkte vorgeführt werden.

Neben einem repräsentativen Besprechungsraum gibt es auch noch eine Bibliothek und ein großes Yogazimmer, das bei Bedarf zum Dancefloor mit Discobeleuchtung umgestaltet werden kann. Das neunte Obergeschoss mit seinem Balkon und die alte Flugfeldkanzel samt Dachterrasse sind reine Loungebereiche - genügend Platz ist hier in luftiger Höhe für Empfänge und für Partys nach der Arbeit.

Aber auch das Hauptgebäude, das sich gewissermaßen um den Tower schmiegt und über vier Brücken mit dem Denkmal verbunden ist, hat es in sich. Entworfen wurde es vom Aachener Büro Kadawittfeldarchitektur mit pmp Architekten. Auf der geschwungenen Glasfassade am Haupteingang ist dezent der Quellcode für das erste Brainlab-Computerprogramm, das Vilsmeier als junger Mann geschrieben hat, gedruckt.

In der Eingangszone befindet sich auch das hochwertig ausgestattete Restaurant. Das Keramikgeschirr sei in Japan gefertigt worden, berichtet Vilsmeier. "Aber es war gar nicht teuer", fügt er gleich hinzu. Er habe es in Australien entdeckt, "und beim Einkauf haben wir einfach unser globales Netzwerk genutzt". Unmittelbar neben dem Restaurant liegt der Vortragssaal, in dem 120 Personen Platz finden.

Der Tower stand potenziellen Investoren im Weg

Foyer und Untergeschoss werden größtenteils als Präsentationsflächen für die Unternehmensprodukte genutzt. Teilweise fühlt man sich mehr an die OP-Säle eines hochmodernen Krankenhauses erinnert, als an ein nüchternes Bürogebäude. Vilsmeier zeigt auch gern sein kleines Museum, in dem die Geschichte des Unternehmens mit historischer Hard- und Software nachgezeichnet wird.

Als jugendlicher Computer-Nerd mit riesiger Brille sieht man Vilsmeier dabei am Beginn seiner Karriere. Heute beschäftigt er sich nicht nur am Computer mit der Medizin. Die Mitarbeiter sollen auch im Büro etwas für die Gesundheit tun können. Dafür gibt es ein geräumiges Fitness-Center mit Personal Trainer. Für diejenigen, die es etwas softer mögen, hat Vilsmeier das Yogastudio im Turm vorgesehen.

Der gebürtige Münchner hat eine ganz spezielle Beziehung zum alten Riemer Flughafen. Das Elternhaus stand in der Einflugschneise, und wenn er als Jungunternehmer von seinen Auslandsreisen zurückkehrte, freute er sich, wenn der Tower wieder ins Blickfeld rückte und er in München angekommen war.

Nun ist die Brainlab-Zentrale in der Messestadt Riem angekommen. Seit der Verlegung des Flughafens lag das Areal in unmittelbarer Nachbarschaft zur Messe jahrzehntelang brach. Das städtische Grundstück galt sogar als regelrechter Ladenhüter.

Mitten auf dem Gelände stand der Tower als prominente Erinnerung an den ehemaligen Flughafen - aber er stand potenziellen Investoren wohl auch im Weg. Bei der Stadt gab es ernsthafte Planungen, das dominante Bauwerk, für das sich zudem noch hohe Sanierungskosten abzeichneten, an den Rand des Grundstücks zu verschieben.

2013 griff der Münchner Projektentwickler Wöhr und Bauer zu und kaufte der Stadt das Areal ab. Im März 2014 wurde der Mietvertrag mit der Brainlab AG unterzeichnet. Wöhr und Bauer entwickelte bereits das Gebäude für die Linde-Zentrale am Oberanger. Aktuell baut das Unternehmen die Tiefgarage unter dem Thomas-Wimmer-Ring am Rand der Altstadt. Wenn diese fertig ist, wird das Fina-Parkhaus neben dem Hotel Mandarin Oriental abgerissen und durch einen Neubau-Komplex ersetzt.

Das Bürogebäude mit dem historischen Kontrollturm in der Messestadt Riem habe man maßgeschneidert für Brainlab entwickelt, sagt der Chef von Wöhr und Bauer, Wolfgang Roeck. Ein Neubau mit historischem Turm - eine riesige Herausforderung. "Der Tower war völlig marode und instabil; aufwendig musste das Tragwerk ertüchtigt werden", berichtet Roeck. Auch er freut sich, dass es geklappt hat: "Das Bauwerk ist ein Prunkstück geworden."

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Quelle:
SZ vom 11.07.2017/amm
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