Süddeutsche Zeitung

Restaurant Refettorio:Poppiges Bistro

Lesezeit: 3 min

Hightech-Fassade und römische Mosaiken: Das Refettorio am Marstallplatz gehört sicher zu den klotzigeren Neueröffnungen des Jahres. Wenn das Restaurant sein Faible für Kunst auch in die Küche verlagern würde, hätte München einen netten Italiener mehr.

Von Tankred Tunke

Die Konzeptgastronomie hat zuletzt an jeder Straßenecke an Boden gewonnen. Was nicht grundsätzlich schlecht sein muss, schließlich sind gute Planung und eine klare Positionierung für ein Restaurant überlebenswichtig. Trotzdem wird einem als Gast immer etwas mulmig, wenn der Anspruch eines Lokals (und damit am liebsten auch gleich das Urteil darüber) schon festzustehen hat, bevor man überhaupt in den ersten Brotkanten beißt.

"Mediterraner wird's nicht", jubiliert da der neue Grieche im Westend und rückt die Basilikumtöpfchen auf den Tischen, die hölzernen Pflanzkübel mit den Olivenbäumchen auf dem Bürgersteig zurecht. "So köstlich ist Kalifornien", schwärmte man jüngst bei Kuffler auf der Maximilianstraße und setzte die Fischdeko aus Keramik ins schönste Licht. Und ums Eck, am sonst leicht unterkühlten Marstallplatz? Soll alles auf einmal italienischer sein als in Italien selbst.

Dort ist im Mai - in die Räume des Eisbach - das Refettorio eingezogen, was man paradox finden kann, weil Hightech-Fassade und teure Adresse so gar nicht den mönchischen Speisesaal ankündigen, den der Name des Lokals beschreibt. Vor der Tür: Fledermaus-Schirme, dahinter: Plexiglaswände - alles wechselt im LED-Licht minütlich die Farbe. Keine Frage, das Refettorio, das ein gleichnamiges Stammhaus in Mailand und einen Ableger in Salzburg hat, gehört beim Interieur zu den klotzigeren Neueröffnungen des Jahres.

Freundlicher Service

Schon von Weitem wirkt das Restaurant wie eines dieser poppigen Bistros, die sich ambitionierte Kunstmuseen so gern leisten. Ein Eindruck, der sich innen fortsetzt. Die hohen Wände der Galerie-Räume zieren römische Mosaiken an weinbestückten Regalen aus Edelholz und üppigen Brotauslagen.

Die bunten Stühle, der Metallbaldachin, die Fässer für den Weißen - gerade für eine Mailänder Schönheit ist das alles vielleicht eine Spur zu grell, aber irgendwas muss man heute wohl unternehmen, damit die Leute einem noch hinterherpfeifen. Selbst bei Armani greifen sie schließlich für die Oligarchengattin längst zur einen oder anderen Paillette.

Das kulinarische Konzept des Refettorio wirkt dagegen fast klösterlich geerdet: Pasta oder Risotto als Primo, Fleisch oder Fisch als Secondo, Nudeln und Brot selbstgemacht, schnörkellose Zubereitung, das Produkt im Mittelpunkt - so lautet das Credo der Küche, klassisch italienisch eben. Und der freundliche Service trägt dazu bei, dass man sich als Gast in den pompösen Räumen überraschend aufgehoben fühlt.

Das Wasser geht aufs Haus

Mit kleinen Einschränkungen: Wo der Tisch so breit ist, dass die Begleitung weiter entfernt sitzt als der Fremde, der neben einem platziert wurde, wird die (gerade so populäre) Idee von der fröhlichen Landhausrunde grotesk. Auch sind wir es leid, mit staatstragender Miene nach der Reservierung gefragt zu werden - zumal, wenn am Ende die Hälfte der Tische leer bleibt.

Die Speisekarte schlägt neben Einzelgerichten diverse Menükombinationen vor, was günstiger wirkt, als es ist. Man kann schnell für ein bisschen Gemüse, eine einfache Pasta und eine kleine Nachspeise bei deutlich über 30 Euro (ohne Getränke) landen, was für die Leistung dann doch zu teuer ist. Sehr nett hingegen: Als Gruß aus der Küche kommen krosse Focaccia, Oliven sowie endlich mal wirklich aromatische Tomatenwürfel. Und geradezu vorbildlich: Das Wasser geht aufs Haus.

Wir starteten mit dem Vorspeisen-Buffet (15 Euro), eine schöne Mailänder Tradition - so lässt sich das Refettorio auch als unkomplizierter Ort für den Aperitif mit Snack nach der Arbeit nutzen. Wobei mehr Geschmack gut täte. Warum denn gefühlte 20 Antipasti, wenn gut die Hälfte davon leicht anämische Brokkoliröschen, Karotten- oder Zucchini-Scheiben sind? Ein Lichtblick waren das feine Paprikagemüse und das zarte Vitello tonnato. Insgesamt gilt: lieber nur fünf Positionen, die aber dafür mit eigener Handschrift.

Reisberg von erschütternder Langeweile

Leider wollte sich die Spannungskurve bei den ersten Gängen, den Primi, nicht heben, bei denen es ja stets um gekonnte Einfachheit geht. Die Paccheri mit Ricotta, Tomate und Basilikum (13 Euro) waren vor der letzten Gabel vergessen, die Bigoli mit Sepia-Ragout, Crevetten und Estragon (13) lenkten das Gespräch auf die Möglichkeiten tiefgefrorener Meeresfrüchte-Mischungen. Und das vom Kellner empfohlene Risotto mit Jakobsmuschel und grünem Spargel (13) bestand vor allem aus einem Reisberg von erschütternder Langeweile.

Zudem hatte die Küche bei beiden Besuchen ein merkwürdiges Problem mit Garzeiten. Die eine Pasta fast zerkocht, eine andere viel zu al dente. Das Entrecôte (20) zwar saftig, rosa, zart und geschmacklich toll, die Kartoffeln dazu aber nicht durch. Die Lammkoteletts (20) wiederum hatten einige Minuten Hitze zu viel, dafür war das mediterrane Gemüse nicht nur bissfest, sondern hart.

Und die Desserts - Tiramisù und eine vor Bindemittel strotzende Panna cotta - verdienten das Prädikat bedeutungslos. Was schade ist. Denn die Weinkarte war in Ordnung, und die verwendeten Produkte waren überwiegend gut. Wenn das Refettorio nun sein Faible für Kunst auch in die Küche verlagern würde, hätte München einen netten Italiener mehr. Derzeit ist es noch ein Lehrbuchfall für ein Lokal mit den falschen Prioritäten.

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Quelle:
SZ vom 14.08.2014/amm
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