Spielzeitauftakt am Residenztheater„Das Theater ist für mich kein Korrektiv“

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Schaut nach Oktoberfest aus, soll es auch. „Kasimir und Karoline“ eröffnet die Spielzeit am Residenztheater, ein Wiesn-Stück zur Wiesn-Zeit.
Schaut nach Oktoberfest aus, soll es auch. „Kasimir und Karoline“ eröffnet die Spielzeit am Residenztheater, ein Wiesn-Stück zur Wiesn-Zeit. (Foto: Matthias Horn)

Zwei Regisseurinnen, zwei Generationen, zwei Texte aus den Dreißigerjahren: Das Residenztheater eröffnet die Saison mit einer spannenden Kombination von „Kasimir und Karoline“ und „Nach Mitternacht“. Ein Gespräch mit den beiden Regisseurinnen Barbara Frey und Cosmea Spelleken.

Von Yvonne Poppek

Wer in diesen Tagen ins Theater geht, den treibt möglicherweise ein ganz starkes Bedürfnis dorthin: dem Wiesn-Wahnsinn irgendwie zu entkommen. Sicher gibt es aber auch jene, die es bedauern, nicht auf die Theresienwiese gehen zu können, weil just die Spielzeit an den Theatern beginnt und man das Premieren-Abo nicht liegen lassen will. Das Residenztheater hat sich zum Saisonauftakt nun eine Art Mittelweg überlegt: Am Freitag eröffnet Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ die Spielzeit, ein Stück, das komplett auf dem Oktoberfest spielt. Allerdings in einem anderen Wahnsinn, nämlich in jenem von vor rund 90 Jahren.

Man kann diesen Auftakt pfiffig finden oder nicht. Spannend ist er allemal. Was allerdings stark an der Kombination der ersten beiden Saison-Premieren liegt. Am Samstag kommt mit „Nach Mitternacht“ von Irmgard Keun im Marstall die Adaption eines Romans heraus, der ebenfalls in den Dreißigerjahren entstand. Es ist ein Jahrzehnt, dem sich die Theater derzeit verstärkt widmen, weil, wie das Residenztheater schreibt, die Autoren als „Seismograf*innen frühzeitig die gesellschaftspolitischen Umbrüche zu Beginn des 20. Jahrhunderts reflektierten“. Und dorthin richtet sich, die Parallelen in der Gegenwart entdeckend, heute unser Blick.

Die Inszenierungen liegen in den Händen zweier Regisseurinnen unterschiedlicher Generationen: Barbara Frey, geboren 1963 in Basel, die seit mehr als 30 Jahren inszeniert, zuletzt die Ruhrtriennale leitete, richtet „Kasimir und Karoline“ ein. Cosmea Spelleken, Jahrgang 1995, die vom Film kommend zur Zeit der Corona-Pandemie mit digitalen Theaterformaten reüssierte und seit etwa zwei Jahren an Theaterhäusern arbeitet, führt Regie bei „Nach Mitternacht“.

Wenige Tage vor den Premieren nehmen sich beide Regisseurinnen Zeit für ein gemeinsames Gespräch. In der Endprobenphase ist das keine Selbstverständlichkeit, beide zusammen zu erleben, macht die Begegnung zu einer Besonderheit. Kennengelernt hatten sich Barbara Frey und Cosmea Spelleken bisher noch nicht. Eine bessere Atmosphäre könnte man sich trotzdem kaum vorstellen: offen, respektvoll, einander zugewandt, interessiert.

Regisseurin Barbara Frey inszeniert am Residenztheater Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ und kehrt damit an ein Haus zurück, an dem sie schon unter Dieter Dorn gearbeitet hat.
Regisseurin Barbara Frey inszeniert am Residenztheater Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ und kehrt damit an ein Haus zurück, an dem sie schon unter Dieter Dorn gearbeitet hat. (Foto: Lukas Beck)

Wer sich von Frey und Spelleken erwartet hat, dass ihr Anliegen in Richtung der Schillerschen Idee vom Theater als moralische Anstalt geht, der dürfte enttäuscht sein – oder grundlegend beglückt. „Das Theater ist für mich kein Korrektiv“, sagt Barbara Frey. „Mir graut vor den Weltverbesserungsfantasien der Leute.“ Und Cosmea Spelleken stimmt zu: „Theater sollte eigentlich ein Ort sein für die Dinge, die nicht in der Politik passieren. An dem Fragen gestellt werden können ans Menschsein ganz allgemein.“

Die Parallelen von den Dreißigerjahren zu heute wollen die Regisseurinnen nicht bestreiten. Doch für ihre Inszenierung ist das nicht der Kern. Horváths Stück wurde 1932 uraufgeführt, es beschreibt anhand eines Abends auf dem Oktoberfest die Weltwirtschaftskrise, die Aufsteiger und Absteiger, die Sehnsucht nach einem besseren Leben. „Zu erzählen, dass kurz danach die Nazis kamen, finde ich nicht so interessant“, sagt Frey, „weil man dann auch gar nichts anderes erzählen kann.“

Wie „Kasimir und Karoline“ ist auch „Nach Mitternacht“ zeitlich sehr konzentriert auf wenige Abende im hereinbrechenden Faschismus. Die Hauptfigur Sanna verbringt sie auf Partys und in Kneipen in Frankfurt im Jahr 1936. Sie erlebt Denunziation, Antisemitismus, Liebe, Begehrlichkeiten, Macht und Ohnmacht. „Mich hat gereizt, dass sich Irmgard Keun bei dem Stoff wahnsinnig stark auf die Figuren fokussiert und nicht versucht, mit einer großen philosophischen Abhandlung das System zu erklären“, sagt Spelleken. Aus den vielen Alltagsbeobachtungen und einzelnen Schicksalen setze sich ein „Gefühl für die gesamtpolitische Situation“ zusammen.

Cosmea Spelleken inszeniert erstmals am Residenztheater. Sie adaptiert im Marstall „Nach Mitternacht“ von Irmgard Keun für die Bühne.
Cosmea Spelleken inszeniert erstmals am Residenztheater. Sie adaptiert im Marstall „Nach Mitternacht“ von Irmgard Keun für die Bühne. (Foto: Gianna Arni)

Im Gespräch wird schnell klar, dass unabhängig von Erfahrung und Generation beide Regisseurinnen das Uneindeutige schätzen. Weder Keun noch Horváth zeichnen rein böse oder gute Figuren. „Es ist schwer zu sagen, wer ist Täter, wer Opfer. Ab wann ist man schuldig? Und was heißt denn unschuldig?“, erklärt Frey den für sie faszinierenden Zugriff Horváths. Spelleken beschreibt das ähnlich. Wenn über diese Zeit gesprochen werde, seien immer hier die bösen Nazis, dort die guten Widerstandskämpfer. Aber es gebe viele Graustufen wie eben auch in Keuns Text. Dann etwa, wenn ein Nazi doch nett wirke oder der eigentliche Sympathieträger zum Mörder werde.

Barbara Frey, die in ihrer Laufbahn schon Keun und mehrfach Horváth inszeniert hat, sagt, es gebe bei beiden „diesen düsteren, harten Witz“. Man müsse lachen, weil den Figuren gewisse Dinge geschehen. Zusätzlich existiere etwas „Anrührendes im Bösen“, die Sprache sei erstarrt, barbarisiert. „Dort, wo wir die falsche Abzweigung nehmen, wird es interessant. Alles andere als der Kraft der Sprache derer nachzuspüren, die das aufgeschrieben haben, engt nur ein.“

Die Geschichten ergeben ein großes Panorama

Was lässt sich also mit „Kasimir und Karoline“ und „Nach Mitternacht“ erzählen? Hört man Frey und Spelleken zu, wird sehr deutlich, dass sie an differenzierten Figuren interessiert sind, deren Geschichten zusammengenommen ein großes Panorama bilden, das nicht eins zu eins, aber eben doch übertragbar ist. Die Verhaltensmuster und Handlungen einzelner Personen ergeben zusammen erst etwas Barbarisches, glaubt Spelleken. Frey sieht es als lohnend und beklemmend an, zu hinterfragen, wo die Bindekräfte und die Friktionen in einer Gesellschaft sind.

Diese theoretischen Überlegungen müssen natürlich irgendwie auf die Bühne übertragen werden. Und da darf man mit Blick auf beider bisherige Regiearbeit aufatmend annehmen, dass es sich nicht theoretisch anfühlen und bei aller inhaltlichen Übereinstimmung trotzdem sehr unterschiedlich aussehen wird. Barbara Frey ist keine Regisseurin, die die Dramen zertrümmert. Vielmehr arbeitet sie gerne genau mit dem Text und sehr konzentriert mit den Schauspielerinnen und Schauspielern. Fragt man sie nach einer Aktualisierung, findet sie den Begriff unscharf. „Entscheidend ist das Gegenwärtige im Sinne davon, dass es mich etwas angeht.“ „Kasimir und Karoline“ versetzt sie mit Kostüm und Bühnenbild nicht in eine klar definierte Zeit, sie spiele lediglich mit Versatzstücken vom Oktoberfest. Auf Kameras, Videos verzichtet sie komplett.

Eine Parallele zwischen den Stücken und der Wiesn ist das Trinken

Cosmea Spelleken wiederum bleibt in ihrer Inszenierung bei historisch korrekten Kostümen. „Das Spannende ist, dass die Leute diese Kostüme anhaben können, sich aber trotzdem anfühlen können, wie Leute, die ich kenne“, sagt sie. Vom Film kommend arbeitet Spelleken dabei mit Videos, um „das jeweils Beste aus den beiden Welten“ zu kombinieren, wie sie hofft. Ein Drittel der Vorstellungszeit bestehe aus vorproduzierten Videos, teils zeigen sie intime szenische Settings, um so mit Nähe und Distanz zu den Figuren zu spielen.

Um noch einmal zur Wiesn zurückzukommen: Eine starke Parallele gibt es zwischen dem Volksfest und den beiden Stücken schon. Überall schütten sich die Leute Unmengen Alkohol rein. Zählt man die vielen Getränke in den Texten von Keun und Horváth mit, ist es schon erstaunlich, dass manche Figur überhaupt noch sprachfähig ist. Was gleichermaßen für das Oktoberfest gilt.

Regisseurin Barbara Frey hat die Wiesn übrigens besucht. Einmal, wie sie sagt. Vor Jahren, als der Schauspieler Thomas Holtzmann, mit dem sie am Residenztheater das „Endspiel“ inszenierte, ihr erklärt hatte, dass sie das einmal gemacht haben müsse. Es stellte sich heraus, dass es nicht ihr Ding ist. 23 Jahre später ist sie trotzdem mit „Kasimir und Karoline“ beim Oktoberfest hängengeblieben.

Kasimir und Karoline, Premiere: Freitag, 26. September, 19.30 Uhr, Residenztheater; Nach Mitternacht, Premiere: Sonntag, 28. September, 19 Uhr, Marstall

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