Inszenierung im Residenztheater:Eine Chance einzutauchen

Inszenierung im Residenztheater: "Es ist ein außergewöhnliches Werk", sagt Chefdramaturgin Almut Wagner über "Andersens Erzählungen".

"Es ist ein außergewöhnliches Werk", sagt Chefdramaturgin Almut Wagner über "Andersens Erzählungen".

(Foto: Sandra Then)

Märchenhaft: Philipp Stölzl inszeniert "Andersens Erzählungen" im Residenztheater. Der Abend auf der großen Bühne richtet sich auch an ein jüngeres Publikum. Ein Glück.

Von Yvonne Poppek

37 Sekunden dauert der Trailer auf der Homepage des Bayerischen Staatsschauspiels nur. Das reicht vollkommen aus, um zu sehen: Da kommt etwas mit fantastischen Bildern und großen Emotionen auf die Bühne des Residenztheaters. "Andersens Erzählungen" heißt die Produktion, die an diesem Samstag Premiere hat. Sie ist in mehrfacher Hinsicht etwas Besonderes. Oder, wie Almut Wagner, Chefdramaturgin und stellvertretende Intendantin des Hauses, sagt: "Es ist ein außergewöhnliches Werk." Und das ist nicht nur in dessen Aufwand begründet, sondern auch darin, für wen es bestimmt ist: nämlich für alle Menschen von zehn Jahren an.

Die Geschichte dieser Produktion beginnt mit Regisseur Philipp Stölzl, dessen warmherzige Handschrift man in München von "Das Vermächtnis" und "James Brown trug Lockenwickler" kennt. Er habe die Idee gehabt, das Märchen "Die kleine Meerjungfrau" von Hans Christian Andersen und dessen eigene Biografie zu einer Bühnenerzählung zu verbinden, erzählt Wagner. Doch damit nicht genug: Zum Text, den Stölzl mit Jan Dvořák für diese Uraufführung schrieb, kam Musik dazu, die Jherek Bischoff komponierte. Entstanden ist so ein Musiktheaterstück, das 2019 am Theater Basel Premiere hatte und die Sparten Schauspiel, Oper und Ballett vereinte. Von Anfang an sei dabei geplant gewesen, dass die Produktion nach München kommen sollte, Staatsintendant Andreas Beck sie sozusagen von seinem alten Wirkungsort Basel mit zu seinem neuen nimmt.

Dieser einzelne Umzug hat jetzt etwas länger gedauert, die Pandemie kam dazwischen. Man habe abgewartet, die Produktion sei so groß, dass man sicher sein wollte, sie vor vollem Haus spielen zu können, sagt Wagner. Weil das Bayerische Staatsschauspiel kein Mehrspartenhaus ist, wurde "Andersens Erzählungen" zudem umgearbeitet. Das Musikarrangement sei kleiner geworden, Rollen, die einst von Opernsängerinnen und -sängern übernommen wurden, gehen nun in Doppelrollen auf, sagt die Chefdramaturgin. Das schärfe das Stück an verschiedenen Stellen nach, öffne neue Bezüge und Ebenen.

In "Andersens Erzählungen" geht es nun um Hans Christian Andersen selbst. In armen Verhältnissen 1805 geboren floh er mit 15 Jahren aus seinem Heimatort Odense nach Kopenhagen und kam dort in die Obhut von Jonas Collin, dem Finanzdirektor des Königlichen Theaters. Dieser nahm ihn auf, unterstützte ihn - und in dessen Kindern Louis und Edvard fand Andersen Freunde, verliebte sich gar. Der Abend erzählt einerseits von dieser unerfüllten Liebe zu Edvard, nimmt die Zuschauer mit in diese puritanische Zeit, hin zu dem Vorabend von Edvards Hochzeit mit seiner Henriette. Zum anderen hat Stölzl, der auch Regie führt, eine Märchenebene eingezogen. Andersen, den in Basel wie in München Moritz Treuenfels spielt, erzählt auf der Bühne von der kleinen Meerjungfrau oder auch vom Kaiser ohne Kleider oder dem Mädchen mit den Schwefelhölzern - und leitet damit einen Szenenwechsel ein hinein in diese fantastische, traum- und albtraumhafte Welt. Biografie, Erfindung, Märchen sind miteinander permanent verwoben.

Dass "Andersens Erzählungen" jetzt herauskommt, ist natürlich bewusst gewählt. In der Vorweihnachtszeit bringen die Theater gerne eine Produktion für die ganze Familie heraus. Am Residenztheater war dies allerdings nun lange nicht mehr der Fall. Zuletzt inszenierte Daniela Kranz 2019 "Ronja Räubertochter", die lange auf dem Spielplan stand. Danach folgte im großen Haus erst einmal nichts. Das bedeutet natürlich nicht, dass es keine Stücke gibt und gab, die sich dezidiert an junges Publikum wenden. Da sind die bislang immer sehr guten Jahresproduktionen des Resi-Jugendclubs im Marstall oder das Zwei-Personen-Stück "Bitches" in der Schönen Aussicht. Für die unter 14-Jährigen gab es aber eigentlich nur die "Ronja" und das Grundschul-Tourstück "Biene im Kopf".

In diesem Herbst und Winter kommt dafür ein Doppelpack heraus für alle Menschen schon ab zehn Jahren. So ist die Kennzeichnung, die das Residenztheater vornimmt. Also keine Familiengemütlichkeit, aber eben doch eine klare Einladung auch an Jüngere. Das eine ist die hippe, schöne Inszenierung "Reineke Fuchs" von Schorsch Kamerun, die im Oktober im Marstall Premiere hatte. Das andere eben "Andersens Erzählungen", die sogar flankiert werden von sonntäglichen Andersen-Märchenlesungen in der Adventszeit.

Inszenierung im Residenztheater: Im Oktober kam "Reineke Fuchs" im Marstall heraus - ebenfalls für Menschen ab zehn Jahren.

Im Oktober kam "Reineke Fuchs" im Marstall heraus - ebenfalls für Menschen ab zehn Jahren.

(Foto: Sandra Then)

Dass es das alles gibt, ist großartig. Denn das Angebot an künstlerisch spannenden Theaterabenden, die sich auch an Kinder und Jugendliche zwischen zehn und 14 Jahren richten, darf in München noch wachsen. Da klafft eine Lücke, die die Schauburg allein nicht aufzufüllen vermag. Dabei wäre es durchaus klug, gerade diese jüngere Altersgruppe für die Bühne zu begeistern. Wer mit zehn oder elf des Öfteren durch den Eingang des Residenztheaters gegangen ist, der kommt vermutlich mit einer größeren Selbstverständlichkeit später wieder.

Das sieht auch Almut Wagner so. "Wenn man junge Menschen einlädt, sich mit dem Theater auseinanderzusetzen, ist das zum einen ein Gewinn für die Jugendlichen, aber auch eine Investition in unser aller Zukunft", sagt sie. Mit dem Programm "Resi für alle" oder jetzt neu mit Schulkooperationen arbeitet das Staatsschauspiel daran. Dass es eine Nachfrage gibt, zeigen die Zahlen: Der Kartenanteil für Schüler und Studenten liege im Residenztheater bei 25 Prozent, sagt Wagner. Wird es also demnächst weitere Produktionen für Jüngere geben? "Ich würde es gerne fortsetzen, weil ich es sehr wichtig finde", sagt die Chefdramaturgin. Für die nächste Spielzeit heißt das: "Wir denken sehr darüber nach, welches Stück das sein kann."

Andersens Erzählungen, Premiere: Samstag, 18. November, 19.30 Uhr, www.residenztheater.de

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