Literatur:Die durstigen Wurzeln der Heimat

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Literatur: Als Rena Dumont nach der Wende eine Datscha in Südböhmen kaufte, hörte sie zum ersten Mal von der mysteriösen Mühle, über die sie nun in einem Roman geschrieben hat.

Als Rena Dumont nach der Wende eine Datscha in Südböhmen kaufte, hörte sie zum ersten Mal von der mysteriösen Mühle, über die sie nun in einem Roman geschrieben hat.

(Foto: Sabine Mader)

Für ihren Roman "Die Mühle" hat die Münchner Autorin Rena Dumont akribisch in böhmischen Dorfchroniken recherchiert.

Von Anna Steinbauer, München

Die Leiche des alten Müllers wurde in der Küche gefunden. Im Frack und mit Zylinder auf dem Kopf saß dieser an seinem Küchentisch, ganz so, als wollte er seinen bevorstehenden Tod wie einen Festtag begehen. Über ihm war die Decke zusammengebrochen, und das ganze Anwesen befand sich zu diesem Zeitpunkt im Jahre 2004 in einem äußerst desolaten Zustand. Genauso rätselhaft und unheimlich wie die Todesumstände waren auch die Geschichten, die im Dorf über die Mühle kursierten, die über Generationen hinweg von einer eigensinnigen Familie betrieben wurde. Als die aus Tschechien stammende Münchner Schriftstellerin Rena Dumont nach der Wende eine Datscha in Südböhmen kaufte, hörte sie zum ersten Mal von der mysteriösen Mühle, die in unmittelbarer Nähe ihres neuen Feriendomizils lag.

Man erzählte sich, dass deren Bewohner, drei Geschwister, 50 Jahre lang vollkommen isoliert von der Außenwelt gelebt und sich störrisch zwei totalitären politischen Systemen verweigert hatten. Dumonts Neugierde war geweckt und sie begann nachzuforschen. Ergebnis ihrer jahrelangen historischen Recherche, in der sie sämtliche Dorfchroniken der Region durchforstete, ist der äußerst kurzweilige Roman "Die Mühle" (Klak-Verlag).

Im Mittelpunkt stehen die Geschwister Marie, Anton und Otto, die nach dem Tod ihrer Eltern versuchen, den traditionellen Betrieb ihrer Mühle aufrechtzuhalten - durch den Zweiten Weltkrieg, die deutsche Besatzung und die darauffolgende kommunistische Herrschaft hindurch. Immer wieder geraten die drei, die ein düsteres intimes Geheimnis miteinander verbindet, in Konflikt mit der Dorfbevölkerung und zahlen einen hohen Preis für ihre Unabhängigkeit.

Die Autorin weiß, wovon sie schreibt: 1986 kam sie mit ihrer Mutter als politischer Flüchtling nach Deutschland, da war sie gerade 17 Jahre alt. Sie hatten ein zehntägiges Visum für Deutschland erhalten und nutzen die Gelegenheit. "Der Kommunismus stand mir bis oben", sagt Dumont rückblickend bei der Buchpremiere im Tschechischen Zentrum München. Mutter und Tochter kamen in einem Asylbewerberheim am Königssee unter, sie blieben neun Monate. Dann zogen sie nach München, wo die Autorin heute lebt. "Ich wollte immer frei sein. Aber die Heimat hat mich immer wieder eingeholt", sagt Dumont, die zudem als Schauspielerin, Drehbuchautorin und Regisseurin arbeitet.

Ähnlich ergeht es ihrer Protagonistin Marie, die gezwungenermaßen in die heimische Mühle zurückkehrt, was für sie Fluch und Segen zugleich bedeutet, wie der Roman gleich zu Beginn klar macht: "Obwohl sie schon fast eine Pragerin war, schlug ihr Herz hier. Zu Hause. Das waren die durstigen Wurzeln der Heimat."

Die Müllergeschwister leben in trotziger Isolation

"Die Mühle" erzähle eine fiktive Geschichte, die auf realen Fakten basiere, so die Schriftstellerin: "Ich projiziere in recherchierte Welten ein von mir ausgedachtes Gefühl hinein." Sämtliche historische Details stimmten, die Beziehung der Geschwister zueinander sei jedoch frei erfunden. So stieß Dumont durch die akribische Lektüre der Dorfchroniken beispielsweise auf die Tatsache, dass der Schulunterricht in der örtlichen Kneipe stattfand, in der tagsüber gelernt und abends getrunken wurde. Oder sie las, wie die Menschen im Dorf kurz nach der Befreiung durch die Alliierten Ausflüge unternahmen, um die schwarzen Soldaten zu "besichtigen". Diese Aufzeichnungen, in denen Tag für Tag beschrieben wurde, was passierte oder eben auch nicht, tätigten meist Lehrer oder Pfarrer, erzählt die Autorin. "80 Prozent des Inhalts ist absolut nichtssagend und langweilig. Die Perlen zu finden, das war die meiste Arbeit", so die Schriftstellerin.

Doch auch über die Sturheit der Müllergeschwister erfuhr sie allerhand: Dass die beiden Brüder ins Gefängnis kamen, weil der Kuhmist einer Heugabel mehr oder weniger versehentlich auf dem Stiefel eines hochrangigen Beamten des Staatssicherheitsdienstes landete, oder die Geschwister verbotenerweise ihre Mühle heimlich weiter bewirtschafteten. So, wie es ihre Vorfahren stets getan hatten - ohne Elektrizität und technischen Fortschritt. "Die Mühle galt als Urgestein der Vergangenheit. Das letzte Fossil der Gegend", heißt es im Buch. Die Lebedas, wie die Müllerfamilie im Roman benannt ist, leben in einer "isolierten Unabhängigkeit". Die Konsequenzen, die ein solches Dasein für die Geschwister hatte, malt die Autorin in sehr plastischen und kurzweiligen Szenen mit filmischer Bildkraft aus. Bemerkenswert eindringlich gelingt es ihr zu schildern, wie unpolitische Menschen zu Opfern der Politik werden - zuerst im Faschismus und dann im Kommunismus. "Widerstand aus tiefster menschlicher Seele" nennt Dumont die Reaktion der realen Müllergeschwister auf die Repression, die selbst auf die ihnen zustehende staatliche Rente verzichteten. Mittlerweile ist die Mühle als seltenes Zeugnis der Landwirtschafts- und Mahltechnik zum nationalen Kulturdenkmal erklärt worden und Teil des Museums in dem kleinen Ort im Böhmerwald.

Rena Dumont, "Die Mühle" (Klak-Verlag), 394 Seiten, 19,90 Euro

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