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Religionsunterricht an Schulen:Unterscheidungen, die vielleicht nicht mehr zeitgemäß sind

SZ-Leser diskutieren über den Wert eines weltanschaulichen Faches, über Ethik als Ersatz und die damit verbundenen Nachteile

Die christlichen Kirchen verzeichnen einen Mitgliederschwund, der sich auch im Religionsunterricht an Schulen bemerkbar macht. Dennoch halten viele Familien für ihre Kinder am Religionsunterricht fest, selbst wenn es daheim sehr weltlich zugeht.

(Foto: Friso Gentsch/dpa)

"Sinnfragen in der sechsten Stunde", 23. September:

Offenerer Ansatz

Wäre Religionswissenschaft nicht sinnvoller als christliche Religion an den Schulen? Können jetzt nicht allmählich auch die Vorstellungen der drei Milliarden Süd- und Ostasiaten gehört werden? Das ergäbe nebenbei auch Stellen für unsere Indologen, Sino- und Japanologen.

Prof. Dr. Willem Bollée, Bamberg

Nicht mit Ethik vergleichbar

Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach und Ethik als Ersatzfach sind nur aus verfassungsrechtlicher Sicht vergleichbar. Pädagogisch erschließen die Fächer verschiedene Zugänge zur Wirklichkeit, auch wenn es Überschneidungen gibt. Im Religionsunterricht geht es um die Gottesfrage im Kontext der christlichen Religion; die Schülerinnen und Schüler sollen dabei religiös kompetent werden, was existenzielle Folgen für ihr Welt- und Menschenbild sowie ihr Verhalten hat.

Ohne diese religiöse Perspektive ist Bildung unvollständig, ja noch mehr: Erst, wenn junge Menschen ein tragfähiges Sinnangebot bekommen, hat ihr Leben eine Basis und eine Hoffnungsperspektive, die ihnen auch in schwierigen Lebenssituationen hilft. Deshalb geht es im Religionsunterricht nicht um Rekrutierung von Kirchenmitgliedern, sondern um einen uneigennützigen Dienst. In einer bedrohten, beschleunigten und immer unübersichtlicheren Welt leistet die Schule mit dem Religionsunterricht auf diese Weise unverzichtbare Lebenshilfe. Thomas Gottfried, Freising

Lieber Gemeinsames betonen

Auch an unserer Grundschule im Münchner Westen gehen circa zwei Drittel der Kinder in den katholischen oder evangelischen Religionsunterricht. Weil ich die meisten Eltern als eher nicht aktive Christen wahrnehme, habe ich in den letzten Jahren einige gefragt, warum sie ihre Kinder in den katholischen oder evangelischen Religionsunterricht schicken und an anderen, von der Kirche in der Schule beworbenen Aktivitäten teilnehmen lassen (Kirchenchor, Bibelwoche, Sternsinger, und so weiter). Rundweg die meisten sagten, dass sie zuhause tatsächlich säkular sind. Das Christentum sei aber Teil ihrer familiären Tradition, oft auch etwas, das den Großeltern noch sehr wichtig sei. Die Schule bildet hier in etwas, das in der eigenen Kernfamilie zwar nicht mehr gelebt wird, aber eben doch dazu gehört und auch dazu gehören soll.

Die Kirchen reagieren außerschulisch bereits auf ein "Eventchristentum". Sie wissen, dass die meisten Christen heute die Kirche oft nur zu Lebensereignissen wie Hochzeit, Tod oder Taufe, aufsuchen. In der Schule nun werden die Kinder von Fachpersonal christlich gebildet, zuhause aber wird säkular gelebt. Ich finde das nachvollziehbar und völlig legitim.

So wohlwollend ich der christlichen Bildung aus obigen Gründen gegenüber stehe, so sehr möchte ich auch bitten, "die Anderen" nicht zu vergessen. In Ethik zu gehen, kann heute noch bedeuten, Nachteile zu erfahren.

So gibt es beispielsweise an unserer Schule ganz konkret keine Alternative zum Kirchenbesuch, was unter anderem deshalb schade ist, weil der Anlass dann auch bei den Ethikkindern kein rituelles Pendant findet. Etwa ein Schuljahr zu beginnen oder zu verabschieden. Pro Gottesdienst vergammeln circa 30 Kinder beim Lösen von Aufgabenblättern oder Mandalamalen ihre Zeit. Benachteiligt können sich nicht-christliche Kinder auch fühlen, wenn Kinder, die nachmittags die Bibelwoche in der Kirche besuchen, weniger Hausaufgaben bekommen oder katholische Kinder am Tag nach der Kommunion einen Tag schulfrei haben, denn das alles zeigt den Ethikkindern ja irgendwie schon recht deutlich, dass die christliche Gruppe die von ihrer Schule besser unterstützte und somit gewolltere Gruppe ist.

In Deutschland gibt es kulturelle und religiöse Vielfalt. In den heutigen Grundschulen ist diese Vielfalt aber noch nicht zusammengeschweißt, und das liegt meines Erachtens leider mit daran, dass die Grundschulen über die religiöse Zugehörigkeit die Wertigkeit einer Zweiklassengesellschaft formt. Denn unseren nicht-christlichen Kindern wird in der postmigrantischen Gesellschaft hier geregelt abverlangt, sich in der Grundschule bereits mit einer Zugehörigkeit zu identifizieren, die auf der politischen Bühne konflikthaft ist. Ein Angebot zu gestalten, das aus der Vielfalt unser Gemeinsames herausarbeitet und würdigt, sollte meines Erachtens heute oben auf der Liste stehen. Dr. Ruth Zeifert, München