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Reiter ist neuer OB:Ganz locker zum Sieg gezittert

Der neue OB Dieter Reiter bei der SPD-Wahlparty.

(Foto: Stephan Rumpf)

"Ehrlich gesagt weiß ich nicht so genau, was ich sagen soll": Münchens neuer Oberbürgermeister Dieter Reiter freut sich über seinen Sieg - und sagt erst einmal einen Satz, der zu seinem Wahlkampf passt. Wenn es hart auf hart kommt, wählen die Münchner eben die SPD. Bei der CSU versteht das keiner.

Von Thierry Backes und Eva Limmer

Dieter Reiter will nichts sagen, nur schnell rein und rauf in den vierten Stock, in die Parteizentrale der SPD in München. Bloß nicht zu den Journalisten, die um kurz nach 17 Uhr schon auf der SPD-Party im Oberangertheater warten und von ihm wissen wollen, ob er denn ein gutes Gefühl habe. Das hat Reiter zu dem Zeitpunkt einfach nicht. Er sei "angespannt", sagt er rasch in ein Mikrophon, "aber zuversichtlich". Dann verschwindet er.

Das gute Wetter macht Reiter und den Sozialdemokraten zu schaffen: Was, wenn die SPD-Wählerschaft nicht ins Wahllokal gegangen ist, sondern lieber an die Isar oder in den Tierpark zu den Eisbären-Babys? Beim ersten Wahlgang vor zwei Wochen waren über 100 000 Wähler zu Hause geblieben, die vor sechs Jahren ihr Kreuz noch neben Christian Ude, SPD, gemacht hatten. Was, wenn es diesmal noch mehr sind?

"Ich bin nicht sehr optimistisch", sagt ein Genosse auf der Wahlparty, die um 18 Uhr noch längst keine ist, und wer in die Gesichter der Sozialdemokraten blickt, der sieht darin: Nervosität und Anspannung, vielleicht auch Verunsicherung. Und dafür gibt es noch einen weiteren, gewichtigen Grund: Die Genossen wissen, dass sie diesmal keinen besonders guten Wahlkampf geführt haben. Neben seinen Namen hat Dieter Reiter überall in der Stadt einen Null-Inhalt-Spruch plakatieren lassen: "Damit München München bleibt." Was sollte das heißen? Wo will die SPD hin?

Das fragten sich auch die Wähler. Der Leerstand städtischer Wohnungen treibt sie um, der Investitionsstau bei den Schulsanierungen oder die Skandale bei den Städtischen Kliniken. Die SPD hat diese Themen schleifen lassen in den vergangenen Jahren, bei der Stadtratswahl stürzt sie auf 30,8 Prozent (minus 9 Prozentpunkte) ab, während die CSU um fünf Prozentpunkte auf 32,6 zulegt und in Zukunft die stärkste Fraktion im Rathaus stellt.

Den Schwung aus der Stadtratswahl aber, den hat Josef Schmid, der Kandidat der Christsozialen, nicht mitnehmen können. Am Ende reicht es ganz locker für Dieter Reiter. 56,7 Prozent. Ein gutes Ergebnis. Die Botschaft der Wähler: Das rot-grüne Rathausbündnis hat einen Denkzettel verdient, oder sagen wir: eine saftige Backpfeife. Doch wenn es hart auf hart kommt, wählen sie eben doch die SPD. Sie wollen in der Landeshauptstadt traditionell ein Gegengewicht zum schwarzen Ministerpräsidenten. Münchens Rathaus ist und bleibt rot.

Dass Dieter Reiter wenig Profil und keine stabile Mehrheit im Rathaus hat, ist den Wählern egal: Sie sind bereit, ihm, dem neuen Sozialdemokraten, den sie vor allem als Wiesn-Chef kennengelernt haben, eine Chance zu geben.

"Aber Josef ist der OB der Herzen"

Bei der CSU versteht das am Wahlabend keiner. In München gebe es "halt zu viele, die schon immer SPD gewählt haben und nicht wollen, dass sich was verändert in der Stadt", sagt einer auf der Wahlparty der Christsozialen im Löwenbräukeller. Angesichts des Debakels um die städtischen Kliniken sei das nicht nachzuvollziehen. Man redet hier von "rot-grünem Filz" und darüber, dass Schmid doch alles richtig gemacht habe.

"Wir haben nicht den ersten Platz bekommen", sagt der Münchner CSU-Chef Ludwig Spaenle. "Aber Josef ist der OB der Herzen." Schmid selbst sagt wenig. Seine Enttäuschung ist nicht zuletzt deshalb so groß, weil seine Chancen auf den OB-Sessel diesmal so gut standen wie lange nicht: Die Christsozialen haben in den vergangenen Jahre vieles richtig gemacht, um sich von ihrem konservativen Image zu lösen und ihren Kandidaten Schmid als liberalen Großstädter zu positionieren.

Weil der sich etwa in der Familienpolitik gegen die Parteilinie auflehnt, sich von markanten CSU-Sprüchen wie "Wer betrügt, der fliegt" distanziert oder auf Lesben und Schwule zugeht, bietet er Rot-Grün im Wahlkampf wenig Angriffsfläche: Josef Schmid taugt einfach nicht als konservatives Feindbild. Genützt hat Schmid das am Ende aber nichts.

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