Als Florian Bauhuber zuletzt in Kroatien Urlaub machte, begleitete ihn nicht nur seine Familie, sondern auch ein persönlicher Reiseassistent. Es war eine künstliche Intelligenz. Die sprach vom Smartphone aus zu den Urlaubern, gab ihnen Tipps für die schönsten Hotels und Freizeitaktivitäten. Nun ja, denkt man vielleicht, das kann Google doch auch. Für Bauhuber aber ist die KI „ein Gamechanger“: Suchmaschinen spucken eben eher Tipps für die Masse aus. „Aber mein Chat-Bot kennt mich seit drei Jahren und weiß, ich würde nie in ein Museum gehen, stattdessen schlägt er mir ganz persönliche Adventure- und Natur-Erlebnisse vor.“
Dass Künstliche Intelligenz das Reisen verändern wird, erwarten längst 55 Prozent der Deutschen, das hat eine YouGov-Umfrage im Auftrag der Münchner Reise- und Freizeit-Messe „Free“ ergeben. Für Florian Bauhuber ist nun vor allem wichtig: „Wir müssen verstehen, wie KI das Reiseverhalten verändert.“ Seit 20 Jahren berät er mit seiner Agentur die Reisebranche bei der digitalen Transformation und hat dafür nun auch einen Think-Tank namens KItank gegründet. „Die ganze Branche hat das Thema KI entdeckt“, sagt er.
Er will aber nicht nur, dass Tourismus-Regionen und Herbergen ihre Angebote besser in den schlauen Apps platzieren, sondern er will auch den Reisenden helfen: Von seiner Präsentation „Wie kann KI bei der Freizeit- und Reiseplanung unterstützen“ solle vor allem „Otto Normalverbraucher“ profitieren – wie im Übrigen bei den meisten der vielen Vorträge für die Messe-Besucher der Free. Die erfahren da zum Beispiel, wie man „barrierefrei durch Bayern“ reisen, „Rechtsfragen beim Inlandtourismus“ lösen oder „Neue Zähne, neues Leben“ bei einer „Zahnreise nach Ungarn“ bekommen kann.
Solche Infos könnte die KI wohl auch schon liefern. Nur sicher nicht so persönlich, wie wenn die Schauspielerin und Comedienne Lucia Rau davon erzählt, wie sie „aus- und aufbrach“, um mit ihrem dreijährigen Sohn im Anhänger 4000 Kilometer zum Nordkap zu radeln. Oder wenn die Singer-Songwriterin Claudia Koreck in einem Interview auf der Show-Bühne der Messe erzählt, wie Reisen, Bewegung, Landschaft, Natur und Freiheit ihre Musik prägen. Aber die künstlichen Intelligenzbolzen haben eben ihre eigenen Stärken.

Florian Bauhuber setzt momentan vor allem auf den KI-Baukasten Open Claw. Den könne man wie einen persönlichen Assistenten losschicken und selbständig eine Reise zusammenstellen lassen. Zum Beispiel für Bauhubers nächsten Gleitschirm-Urlaub in Greifenburg Unterkünfte nach seinen Vorlieben suchen: „Es weiß schon: Wir wollen zwei getrennte Schlafzimmer für uns und die Kinder“, er rufe sogar wegen der Verfügbarkeiten bei den Hotels an, überprüfe die Preisspanne im Internet und buche – „alles in einem Arbeitsschritt“. Man müsse nicht mal mehr besonders gut „prompten“, also bei der Fragestellung alles Mögliche berücksichtigen: Die Stärke der KI-Plaudertaschen ist inzwischen, dass man sie wegen allem in ganz normaler Sprache konsultieren kann: „Was muss ich dich fragen, um einen günstigen Flug nach Israel zu finden?“
Bei vielen schrillen da natürlich die Alarmglocken: Wer sich von der KI eine supergünstige Verbindung über mehrere, teils regionale Airlines in ein exotisches Land zusammenstellen lässt, verliert bei Verspätungen schnell die Garantie für einen Anschlussflug. Bei Reisebündeln gibt es bei der KI anders als im Reisebüro oder bei Pauschalreisen eben noch keine Sicherheiten. „Noch!“, betont Bauhuber, „clevere Unternehmer werden diese Lücke bald schließen“. Und vielen Menschen sei das auch gar nicht wichtig, die suchen lieber günstigere oder individuellere Angebote, die Reisefirmen vielleicht so noch gar nicht im Angebot haben. In Bauhubers Fall etwa: „Gleitschirm-Urlaub in Kolumbien.“


Vielleicht werden KIs auch verändern, wohin die Menschen reisen. Bauhubers Think-Tank hat das schon untersucht: Macht die smarte Reiseplanung Selfie-Hot-Spots und TikTok-Tipps noch voller, oder macht sie Nischen bekannter? Die Antwort: „Es wird beides kommen“, schätzt Bauhuber. „Wer einfach nach Mountainbike in Österreich sucht, wird sicher den Bikepark Leogang genannt bekommen; aber je mehr ich der KI von mir preisgebe, umso mehr individuelle Geheimtipps werde ich bekommen.“
Die Strategie könnte freilich auch im Gespräch mit einem menschlichen Reiseberater funktionieren. Von denen findet man auf der Messe Free Hunderte an den Ständen. Die geben einem Tipps zu den exotischsten Zielen in aller Welt von Usbekistan bis Ladakh („das kleine Tibet“), aber sie stellen ebenso „familienfreundliche Ausflugs- und Aktivangebote“ in Oberbayern vor und die diesjährige Partnerregion Kreta – die größte griechische Insel wird jedes Jahr von 5,7 Millionen deutschen Touristen besucht.
Die 55. Free liefert somit „Inselträume und Alpenglück“, und nicht nur das: In sieben Hallen mit acht Bühnen gibt es 900 Aussteller aus den fünf Bereichen Reisen, Caravaning & Camping, Wassersport, Outdoor & Fitness und Fahrrad (und dazu die parallel laufende Motorradmesse IMOT und die Münchner Autotage). Für viele Besucher wirkt das wie ein reizüberfluteter Kurzurlaub, denn man kann hier vieles selbst ausprobieren oder in Kursen lernen: Mountainbike-Fahrtraining, Lastenräder testen, Klettern, Schnuppertauchen, Kajak-Paddeln, SUP-Yoga und erstmals sogar den Trendsport „Hobby-Horsing“, also Parcours-Reiten mit einem Steckenpferd zwischen den Beinen.


Vor allem findet man Experten für alles: Der Alpenverein berät bei der Alpenüberquerung, Segelexperten für den nächsten Törn und die „Kids Velo Coaches“ Kinder, wie sie schnell und sicher radeln lernen. Und auch bei einem der größeren Trends wird man nicht allein gelassen: dem Selbstausbau eines Camper-Vans. Und das ist auch dringend nötig, findet Manu Lemke: „Wir unterstützen die Leute dabei, sich nicht selbst umzubringen.“ Von der Elektrik über die Standheizung bis zum Gas und dem falschen Verschrauben der Möbel im Blechboden („da sind sie einem dauerhaften Erdbeben ausgesetzt“) und der Offroad-Fahrt lauern viele Gefahren für die Hobby-Schrauber, warnt der Experte von der „Busbastler Academy“.
Beim neuen „Treffpunkt Selbstausbau“ der Messe beraten Lemke (fährt einen Offroad-tauglichen MAN TGE) und zwei Busbastler-Kollegen alle, die von ihrem eigenen Camper träumen, aber sich die bis zu weit über 100 000 Euro teuren Ausstellungsmodelle auf der Free nicht leisten können und nicht wissen, wie sie es sich gemütlich in ihrem leeren Kastenwagen einrichten können. Wobei, der Busbastler warnt auch gleich vor einem Trugschluss: Selbstausbau ist selten billiger. Die meisten „verlieben“ sich in ihr Projekt, leisten sich die bessere Dämmung, die feinsten Hölzer oder statt des Standard-Chemie-Klos eine „Verschweiß-Toilette“, die die Hinterlassenschaften in kleinen Beuteln versiegelt. Viele kämen auch zu ihnen, sagt Lemke, weil sie ihre im Corona-Camping-Hype gekauften Modelle von der Stange nun modifizieren wollen, etwa mit einem „Autarkie-Paket“ mit dickerer Batterie und Solarpanel, mit dem man ein paar Tage in der Wildnis auskommen kann. Wie Lemke, der mit zwölf Zentimetern mehr Bodenfreiheit auch abgelegenere Strände in Kroatien erreicht – „alles ganz legal!“


Inspirierend ist „Van-Life“ allemal. Und Inspiration liefern auch die vielen Vortragenden mit der Berufsbezeichnung „Abenteurer“ auf der Messe: der „Kika“-Fernseh-Moderator und Schauspieler Julian Janssen alias „Checker Julian“, der Extremsportler Olaf Obsommer, der aus der ARD-Serie „In höchster Not“ bekannte Bergretter Michael Renner, die „Viele-bunte-Fische-Urlaubstaucher“-Blogger Diana Kauba und Detlef Spatz, der Weitwanderer Stephan Meurisch oder Andreas Eller, der mit einem Fahrrad-Wohnanhänger und Hündin Lotte von Flensburg nach Kopenhagen radelte. Noch wildere Trips gibt es bei der Sondervorstellung der „European Outdoor Filmtour“ nach Messeschluss auf der Free zu bestaunen (21. Februar, 18.15 Uhr).
Ob man nun Action sucht oder die Ruhe – „Urlaub bleibt für die Deutschen ein zentrales Bedürfnis“, wie die YouGov-Umfrage herausgefunden hat. Wenig überraschend. Aber es ändert sich auch etwas: Die Urlauber buchen unvorhersehbarer, individueller. Zum Beispiel würden ein Viertel der Befragten, die vor zehn Jahren niemals eine Wellness-Reise gebucht hätten, jetzt genau danach suchen. Schaut man noch weiter zurück, zu den Anfängen der Free vor 55 Jahren (früher „Caravan, Boot, Reisen“), hat sich noch mehr getan, wie Projektleiterin Kathrin Leideritz feststellt: „Damals steckten Tourismus und Freizeit, wie wir es heute kennen, noch in den Kinderschuhen. Flugreisen begannen überhaupt erst, erschwinglich zu werden.“ Und heute stürzt man sich mit einem virtuellen Reisebegleiter ins Abenteuer. Immerhin: Das Reisen selbst kann einem keine künstliche Intelligenz abnehmen.

