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Reinhold Messner über Ersten Weltkrieg:Wie ein Südtiroler Wirt das italienische Militär austrickste

Der Sitzplatz am Pult im Literaturhaus bleibt leer, der sprunghafte Reinhold Messner erzählt lieber im Stehen, er kennt seine Wirkung auf das Publikum.

(Foto: Stephan Rumpf)

Im Ersten Weltkrieg wurde Reinhold Messners Heimat Südtirol zum Frontgebiet. Bei einem Auftritt im Münchner Literaturhaus erzählt der Extrembergsteiger Anekdoten - und wundert sich über den Wahnsinn, im Hochgebirge jahrelang einen Stellungskrieg zu führen.

Es gibt Autoren, bei denen man sich fragt: Muss der jetzt auch noch ein Buch schreiben, wenn es schon viel zum Thema gibt? Doch dann hört man den Bergsteiger, Abenteurer, Autor und Museumsmacher Reinhold Messner im Literaturhaus und wünscht sich das Gegenteil: Schreib doch noch ein Buch!

Ein Buch über diesen seltsamen Kampf um Südtirol, über die Soldaten in eisigen Höhen, die sich 1915 auf italienischer und österreichischer Seite gegenüberstanden, finster entschlossen, jeden Felsvorsprung zu verteidigen.

Der Trick des Sepp Innerkofler

"Der Gesang des Todes" heißt die Ausstellung über den Schriftsteller Robert Musil, der den Ersten Weltkrieg als Offizier in Südtirol erlebte. Aber Musil ist nicht Messners Thema, "ich bin ja kein Literaturwissenschaftler".

Weit mehr versteht der Mann aus Brixen von alpinen Extremerfahrungen - und was könnte extremer sein, als gegenseitig Berge in die Luft zu sprengen, so wie die Kombattanten im Ersten Weltkrieg, die nebenbei auch noch die Bergseilbahn erfunden haben.

Der Sitzplatz am Pult bleibt leer, der sprunghafte Messner erzählt lieber im Stehen, er kennt seine Wirkung auf das Publikum: Bei diesem Südtiroler kommen Charme und Charisma zusammen, wenn er so gut gelaunt ist wie am Montagabend.

Als Praktiker hält er sich nicht lange mit der Vorgeschichte auf, sondern folgt lieber der Spur der Tiroler, die nach dem Kriegseintritt der Italiener im Mai 1915 das Grenzgebiet verteidigten. Sepp Innerkofler, zum Beispiel, der aus Sexten im Hochpustertal stammte, zu den besten Bergsteigern seiner Generation zählte und ein bekannter Gastwirt war.

Messner kann herrlich schildern, wie dieser Innerkofler gemeinsam mit anderen Bergführern die Sextener Dolomiten bis zum Eintreffen österreichisch-ungarischer Truppen durch geschickte Manöver halten konnte: Indem er blitzschnell auf den nächsten Berg stieg, dort ein Feuer anzündete und "den Italienern suggerierte, da ist schon alles besetzt".

Doch der Krieg besteht nicht nur aus Anekdoten. Messner wundert sich anschaulich über den Wahnsinn, hoch oben im Gebirge jahrelang lang einen Stellungskrieg zu führen, bei dem 50 Meter Geländegewinn schon viel waren. "Die meisten Soldaten sind durch Lawinen, durch Schnee und Kälte umgekommen, viele sind auch einfach verhungert." Das Bild, wie russische Gefangene der Österreicher eine Kanone auf den Ortler schleppen, den mit 3905 Metern höchsten Berg des todgeweihten Kaiserreiches, will ihm nicht aus dem Kopf.

"Beim Bergsteigen hat man mit dem Führer-Prinzip nie Erfolg"

Messner hat die Südtiroler Kriegsveteranen noch kennengelernt, etwa den ewig gebräunten Luis Trenker, "ein großer Erzähler, auch wenn jetzt der Ötzi der bekanntere Südtiroler geworden ist". Er selbst wollte nie so werden wie die Alten mit ihrem soldatischen Bewusstsein. "Beim Bergsteigen hat man mit dem Führer-Prinzip nie Erfolg, weil immer der Gröbste und Dümmste die Führerschaft beansprucht."

Der alpine Heroismus ist für den fast Siebzigjährigen, der mit seinen Museen in den Südtiroler Bergen das Bewusstsein für die Natur schärfen will, vollkommen aus der Zeit gefallen. "Der Bergsteiger, der keine Angst hat, ist ein Depp. Die Kunst ist es doch, nicht umzukommen."

Eher unwahrscheinlich, dass der extrembeschäftigte Reinhold Messner Zeit für ein Buch über den Ersten Weltkrieg in den Alpen hat. Falls doch: Das sollte man dann kaufen.

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