Man muss sich die frühen Sechzigerjahre noch einmal vor Augen führen, in denen viele entsprechend sozialisiert wurden: Eine bedrückende Restauration liegt über der Republik, die ihre noch nicht lange zurückliegende Geschichte verdrängt. Die NPD steuert auf ihr Allzeithoch zu, dazu beginnt die Amerikanisierung des Vietnamkriegs, die Jugend zu politisieren. In München führt bei den „Schwabinger Krawallen“ schon 1962 ein völlig überzogener Polizeieinsatz gegen jugendliche Straßenmusikanten zu tagelangen Straßenschlachten. So fängt auch der Student der Rechts- und Staatswissenschaften, Volkswirtschaft und schließlich Soziologie Reiner Uthoff an, sich zu positionieren.
1937 in Bielefeld geboren, kam Uthoff über das Studium erst nach Freiburg, dann nach München. Seine 1964 eingereichte Abschlussarbeit behandelte das „Kabarett als Mittel der öffentlichen Meinungsbildung“. Und weil ihm das Genre – unter anderem die fernsehtaugliche und staatstragende Münchner Lach- und Schießgesellschaft – dabei viel zu zahm vorkam, gründete er schon ein Jahr später zusammen mit seiner Frau Sylvia und den Kommilitonen Horst Reichel und Ekkehart Kühn ein eigenes Ensemble, das „Rationaltheater“, einquartiert zunächst im „Theater 44“ am Kurfürstenplatz.

Formal orientierten sich die vier anfangs an den Nummernprogrammen der klassischen Ensembles, doch weil man sich nicht an der Tagespolitik abarbeiten, sondern Systemkritik betreiben wollte, schwenkte man bald auf thematisch geschlossene Programme um. Ihr erstes dieser Art hatte den Titel „Knast – 1. deutsches Sing-Sing-Spiel“, wurde vor Häftlingen in der Justizvollzugsanstalt Heilbronn uraufgeführt (weil kein Gefängnis in Bayern den Auftritt erlaubte) und brachte es gar zu einer ganzen Seite im Spiegel. Skandale pflasterten fortan den Weg Uthoffs und seines Ensembles, das 1975 in der Hesseloherstraße 18 ein eigenes Haus fand – wo es bis heute fortbesteht, seit 2008 verpachtet und für alle möglichen Genres geöffnet ist.
Bei der Premiere von „Bonn Hur“ im Bonn-Center, wo der Rechtsausschuss des Bundestags saß, kam es zu Tumulten unter den Abgeordneten. Gegen das Programm „Tatort Vatikan“ über die Finanzmachenschaften der katholischen Kirche, das Uthoff mit der Absicht verband, „50 000 Kirchenaustritte zu erreichen“, liefen Kirchenvertreter Sturm. 61 Strafverfahren protokollierte Uthoff später einmal, wegen Gotteslästerung, Beschimpfung des Staatsoberhaupts (man hatte Heinrich Lübke einen „KZ-Bauherrn“ genannt) und „anderer Delikte, die heute in keinem deutschen Gesetzbuch mehr zu finden sind“, wie er rekapitulierte.
Er arbeitete mit jungen Wilden, aber auch mit renommierten Dramatikern
Zugleich öffnete und erweiterte Uthoff die gängige Kabarett-Form um literarische, filmische und musikalische Elemente, schrieb selbst mehrere Bücher, von „Vom säugling zum bückling. Erziehung in der BRD“ über „Die drei Säulen des Kapitalismus“ bis zum „Gaga-Lexikon“ 1998. Er arbeitete außer mit jungen wilden Kabarettisten wie Bruno Jonas, Sigi Zimmerschied, Jochen Busse oder Brigitte Kösters auch mit Filmemachern und Autoren wie Alf Brustellin, Heinar Kipphardt, Bernhard Sinkel, Angelika Mechtel, Günther Wallraff, Martin Walser oder Hanns Christian Müller zusammen. Nie wurde das Rationaltheater so populär wie die benachbarte Lach- und Schießgesellschaft, und doch finden sich im Gästebuch Namen wie Willy Brandt, Herbert Wehner, Rudolf Augstein oder Günter Grass.
30 Jahre, 25 Programme und zahllose Ausgaben von „Uthoffs Tagesschau“ lang führte Reiner Uthoff mit seiner Frau das Haus, bis er in den Neunzigerjahren die ewigen Querelen mit den Behörden und der Stadt – auch das im Nebenraum installierte 16mm-Kino wurde im Rahmen der bayerischen „Aktion Saubere Leinwand“ von der Polizei beobachtet – satthatte und nur noch ein Café am Isartor betrieb. Sein großes Hobby, die Fliegerei, hatte er schon in den Achtzigern zum Nebenberuf gemacht. Sein Sohn Max freilich, der von Kindesbeinen an alles miterlebt und auch am Theater mitgeholfen hatte, reaktivierte das Theater 2006 nach seinem Jurastudium. Und kurzzeitig auch seinen Vater, der im Jahr darauf gemeinsam mit ihm erstmals wieder auf der Bühne stand.
Am Morgen des 5. Juni ist Reiner Uthoff 87-jährig gestorben. Und mit ihm ein Stück Schwabinger, Münchner und deutscher Kabarettgeschichte.

