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Reden lernen:Kino im Kopf

Ermuntern zum Geschichtenerzählen vor Publikum: Die "Sprechwerkerinnen" Barbara Greiner-Burkert (links) und Karin Wedra.

(Foto: Robert Haas)

Barbara Greiner-Burkert und Karin Wedra bilden Bühnenerzähler und Märchenpädagogen aus, bieten aber auch Kurse für Geschäftsleute an

Interview von Barbara Hordych

In ihrer Münchner Erzählschule "Die Sprechwerker" bilden Barbara Greiner-Burkert und Karin Wedra seit 2012 Bühnenerzähler aus - aber auch Märchenpädagogen, die sich auf das Erzählen von Geschichten fokussieren, oder Geschäftsleute, die ihre Präsentationen spannend gestalten wollen. Die beiden sind auch Gründungsmitglieder des Verbandes der Erzählerinnen und Erzähler (VEE) und sie sind an der Erarbeitung von Qualitätskriterien beteiligt, mit denen die Professionalität von Erzählern und bald auch eine Erzählausbildung bewertet und zertifiziert werden kann.

SZ: Worum geht es Ihren Kunden, wenn sie zu Ihnen kommen?

Karin Wedra: Bestimmt vierzig Prozent kommen aus dem pädagogischen Bereich; sie interessieren sich für Geschichten, und wie man sie am Besten präsentieren kann. Das sind vor allem Erzieherinnen, die feste Erzählstunden einmal in der Woche für Kinder in Kindergärten veranstalten. Da ist die Nachfrage immer stärker, weil man inzwischen weiß, wie wichtig gerade das mündliche Erzählen für die Sprachförderung ist, auch im Hinblick auf Kinder mit fremdsprachlichem Hintergrund und im Kontext der Flüchtlingsthematik.

Barbara Greiner-Burkert: Auch für die Arbeit mit Demenzkranken gewinnt das Geschichtenerzählen an Relevanz. Vor zwei Jahren schloss eine Lehrkraft von Altenpflegern bei uns ihre Ausbildung ab. Seitdem setzt sie ihre Geschichten-Kompetenz ein, wenn sie angehende Altenpfleger ausbildet. Sie ist eine wichtige Multiplikatorin für uns.

Wie muss man sich das Erzählen bei der Pflege konkret vorstellen?

Greiner-Burkert: Märchen sind ganz tief im Gedächtnis verankert. Sie können beispielsweise ein Märchenbild in der Tasche bei sich tragen. So können Sie mit einem Demenzkranken in dessen wachen Momenten eine eher zufällige Unterhaltung beginnen - indem sie das Bild zeigen und über die dazugehörige Geschichte reden.

Worin besteht der Unterschied zwischen einer nur vorgelesenen und einer frei erzählten Geschichte?

Wedra: In dem Kontakt, in der Interaktion mit dem Publikum. Wenn Sie vorlesen, haben Sie immer das Buch zwischen sich und den Zuhörern. Ihre Augen sind auf die Schrift, nicht auf die Zuhörer gerichtet. Das ist wie eine Barriere.

Greiner-Burkert: Beim freien Erzählen entsteht eine ganz andere Authentizität. Weil Sie eine Geschichte in Ihren eigenen Worten erzählen.

Wedra: Und das spüren die Zuhörer. Ich habe beobachtet, als ich Kindern eine Geschichte erzählte, dass auch die Erwachsenen, die hinten im Raum standen, gebannt zuhörten. In der Zeit, in der ich noch im Projektmanagement in der Online-Branche tätig war, sah das ganz anders aus. Ich erlebte bei Präsentationen von Kollegen, wie die Zuhörer mit ihrer Aufmerksamkeit abdrifteten, gleichgültig, wie stichhaltig die vorgetragenen Daten und die Fakten waren. Da habe ich mir gedacht, es müsste doch möglich sein, das miteinander zu verbinden: ein Produkt mit einer guten Geschichte zu verkaufen. Weshalb wir auch Seminare zu "Product-Stories" anbieten.

Und wie entsteht eine solche gute Geschichte?

Greiner-Burkert: Indem ich sie zu meiner eigenen Geschichte mache. Das passiert, wenn ich sie mit meinen eigenen Worten frei erzähle. Das ist eine handwerkliche Kunst. Um diesen Aspekt zu betonen, nennen wir uns auch "Sprechwerker". Das hat in keinster Weise etwas mit Esoterik zu tun. Schon unsere Seminare halten wir in einer Arbeitsumgebung ab, die das betont. Keine Tüllschleifchen, keine Sitzkissen in Zelten. Stattdessen graue Betonwände in der Otto-Falckenberg-Schule, deren Räume wir als Untermieter nutzen dürfen.

Wie kann ich in Ihren Seminaren das Erzählen erlernen?

Wedra: Bei uns wird man schnell dazu aufgefordert, den anderen Teilnehmern eine Geschichte vorzutragen. Nur so kann ich Erfahrungen sammeln. Ich sage immer: Es geht darum, Kilometer auf die Piste zu bringen. Gleichzeitig lerne ich, mein Lampenfieber in den Griff zu bekommen.

Was ist, wenn ich auf der Bühne vor Aufregung den Faden verliere?

Greiner-Burkert: Wir praktizieren das System "Kino im Kopf": Dabei wird eine Geschichte in mehrere Einzelbilder zerlegt, deren Szenen ich beim Erzählen schildere. So verheddere ich mich nicht, auch wenn ich durch Lachen oder Zwischenfragen unterbrochen werde. Ich kann dann immer wieder beim nächsten Bild anknüpfen.

Und wo gewinne ich Praxis, wenn ich die Ausbildung abgeschlossen habe?

Wedra: Diese Frage tauchte schon öfters auf. Deshalb haben wir im Heppel&Ettlich die neue Reihe "After Work Story" ins Leben gerufen. Da erzählen sieben Erzähler sieben Geschichten in sieben Minuten. Und man kann bei einem Bier oder einem Tee ganz unterschiedlichen Leuten zuhören, die frei ihre Geschichten vortragen. Literarische Texte oder Biografisches, ganz egal. Nur frei erzählt müssen sie sein.

Wie verlief dort der erste Abend?

Greiner-Burkert: Sehr gut. Es waren um die 35 Gäste da. Zwei junge Männer kamen im Anschluss und sagten: Toll, da wollen wir das nächste Mal auch mitmachen!

After Work Story, Heppel & Ettlich, Feilitzschstraße 12, 38 88 78 20; nächster Termin 11. Januar; Informationen unter www.die-sprechwerker.de

© SZ vom 16.12.2016
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