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Rede in Erlöserkirche:Reiter spricht klare Worte von der Kanzel

Es gibt viele Menschen, die Mut gezeigt haben in diesem Jahr. Es mache sich aber auch viel "Dummheit und Enthemmtheit" breit, so Dieter Reiter.

(Foto: Catherina Hess)

Obwohl er seit Jahren keiner Kirche angehört, hält OB Dieter Reiter zum dritten Advent eine eindringliche Rede in der Erlöserkirche - vor allem zum Thema Flüchtlinge.

Von Thomas Schmidt

Was wäre Weihnachten nur ohne Zuagroaste? Josef und Maria, sie waren Juden, erinnert Dieter Reiter, Münchens Oberbürgermeister. Melchior und Balthasar stammten aus dem Nahen Osten. Und der dritte, Caspar, er war Afrikaner. Ohne Zuagroaste stünden in der Weihnachtskrippe nur der Ochs und der Esel herum, "sie würden genüsslich vor sich hin kauen - und das Fest würde ausfallen", sagt Reiter. Welch großes Glück, dass es Ausländer gibt.

Obwohl Dieter Reiter selbst seit seiner Jugend keiner Kirche mehr angehört, hat er zum dritten Advent eine eindringliche Kanzelrede in der Schwabinger Erlöserkirche gehalten. Eine Rede, in der er gegen Dummheit und gegen Angst spricht; und in der er für Menschenwürde plädiert sowie dafür, Haltung zu zeigen. Dabei stellt sich der SPD-Oberbürgermeister hinter die Flüchtlingspolitik der CDU-Kanzlerin.

"Und worin liegt jetzt das unlösbare Problem?"

Italiener, Griechen oder Türken, sie alle seien längst ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft, führt Reiter aus. "Sogar Preußen" gehörten zu Bayern. "Und worin liegt jetzt das unlösbare Problem, wenn nun weitere Menschen zu uns kommen, die es ebenso zu integrieren gilt?" Der Satz der Bundeskanzlerin - "wir schaffen das" - sei Zeugnis ihrer politischen Verantwortung. "Es wird uns gar nicht anderes übrig bleiben", so Reiter.

Wenn Menschen in blanker Verzweiflung und voller Angst vor dem Tod flüchten müssten, könne man sie nicht aufhalten, "ohne auf sie zu schießen oder ihre Schiffe im Mittelmeer zu versenken - Zäune bauen bringt da nichts". Die Kanzlerin habe sich entschlossen, "nicht zu lügen, und hat dabei das größte Risiko ihrer bisherigen Amtszeit auf sich genommen".

Reiter hat die Not gesehen, als er im ersten Jahr seiner Amtszeit als Oberbürgermeister die Erstaufnahme in der Bayernkaserne besuchte und "erschüttert" war von den Zuständen in der hoffnungslos überfüllten Einrichtung. Im Oktober 2014 ließ er die Bayernkaserne zeitweise schließen, obwohl er dazu eigentlich nicht befugt war. Mehr als ein Jahr später scherzt er nun bei seiner Kanzelrede, er hoffe, für seine Entscheidung nachträglich nicht noch verklagt zu werden. Verantwortung trage aber auch jeder, der nicht handelt, im Guten wie im Schlechten.

Der OB geht auch mit so mancher europäischer Regierung ins Gericht

Das gelte umso mehr in Zeiten, in denen rechtes Gedankengut wieder tiefer in die Gesellschaft einsickert. Gerade in sozialen Netzwerken im Internet will Reiter eine "seltene Größenordnung an Dummheit und Enthemmtheit" ausgemacht haben.

Der Münchner OB geht aber auch ins Gericht mit so mancher europäischer Regierung. "Das ungarische Verständnis von Demokratie und Menschenwürde ist bekannt. Wir haben alle die Bilder vom Budapester Bahnhof und am Grenzzaun gesehen." In Polen seien kurz nach der Wahl die liberalen Verfassungsrichter entlassen worden, in Breslau habe eine Judenpuppe mit EU-Flagge gebrannt. In Frankreich erlebe der Front National neue Höhen. In England plane die Regierung Cameron ein Referendum zum EU-Austritt und "kriminalisiert Landsleute, die illegale Flüchtlinge beherbergen", prangert Reiter an. "Wie viele anti-europäische Regierungen gibt es bereits?" Und: "Wie viele pro-europäische sind übrig?"

Die übelste Sorte Politiker sei jene, die aus der Angst der Menschen Kapital schlage. "Hier geht es um Menschen in bitterster Not", mahnt Reiter. Aber trotz allem sei er voller Hoffnung. Die Europäische Union sei schließlich eine Gemeinschaft von mehr als 500 Millionen Menschen. Dieses Europa werde nicht untergehen, wenn es Kriegsflüchtlinge aufnehme und ihnen eine neue Heimat biete. Jetzt müsse sich zeigen, was die europäischen Grundrechte wert seien. Jetzt müsse sich zeigen, "ob wir das ernst meinen, Europa als Raum des Rechts, der Sicherheit und der Freiheit zu bezeichnen. Jetzt muss sich zeigen, ob all das mehr ist als heiße Luft." Und ob die Menschen gelernt haben, von Caspar, Melchior und Balthasar.

© SZ vom 14.12.2015/ebri

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