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Müllentsorgung:In München wird zu wenig recycelt

Plastikmüll Recycling Umschlagplatz für Kunststoffe

Der Umschlagplatz für Plastimüll im Norden der Stadt.

(Foto: Jan A. Staiger)
  • Bundesumweltministerin Svenja Schulze hat einen Fünf-Punkte-Plan gegen Plastikmüll präsentiert, auch die EU entwickelt Strategien.
  • In München werden jedes Jahr Tausende Tonnen Kunststoff weggeschmissen.
  • Um Plastikmüll loszuwerden, muss man zu den Wertstoffinseln gehen - das ist vielen Menschen zu umständlich.

Es ist ein guter Tag für Alexander Klitnyy, denn sein Laster wird heute nicht brennen. Er schlägt die Türe zu, hängt sich die Fernbedienung vor den Bauch und geht rüber zu den Containern. Er drückt den Hebel, steuert den Arm des Kranes, der den ersten Container vom Boden hebt. Voll mit Plastik.

Montag, Dienstag, Mittwoch und Freitag sind für Klitnyy Plastiktage. Donnerstag ist Dosentag. Heute ist Freitag.

Er drückt den Hebel, das Plastik fällt in den Laster, den Container setzt Klitnyy zurück auf den Boden. Er trägt eine auffällige Warnweste und einen noch auffälligeren Schnauzbart, öffnet die Türe zum Laster und dreht den Schlüssel um. Er muss jetzt zum nächsten Platz, sein Laster ist noch nicht voll. Seit zwanzig Jahren geht das so. Seit zwanzig Jahren sammelt er den Müll der Stadt ein, doch noch nie wurde so viel über seinen Müll gesprochen wie derzeit.

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Die Europäische Kommission hat Anfang des Jahres eine Strategie gegen Plastikmüll vorgestellt, bald werden zum Beispiel Plastikteller verboten sein, auch Strohhalme. Die Bundesumweltministerin Svenja Schulze von der SPD hat diese Woche einen Fünf-Punkte-Plan gegen Plastikmüll präsentiert, der nicht viel Neues beinhaltet, aber klar macht, wo Plastik auf der Prioritätenliste gerade steht - ganz weit oben. Auf den Lastern der Münchner Müllabfuhr ist zu lesen, dass Plastikmüll ein großes Problem sei, dabei hatte man sich gerade in dieser Stadt lange nicht mit dem Müll beschäftigt. Das ändert sich jetzt.

Wer wissen will, was mit seinem Plastik passiert, der muss mit Alexander Klitnyy mitfahren. Er arbeitet für eine Firma namens Remondis, und am Ende wird er auf einem Platz im Hasenbergl ankommen. Dort liegt all das Plastik, das München in die Container wirft. Dort lädt Klitnyy seinen Müll ab, wie die elf anderen Männer, mit den elf anderen Lastern. Ein Strom aus Plastik rauscht dann auf den Boden: Milchtüten, Joghurtbecher, Styropor, Käserverpackungen, Flaschen, Mozzarellatüten, Tomatenbecher, Fruchtdrinks, Brotverpackungen, Wurstverpackungen, Frischhaltefolien, Einkaufstüten, Snackboxen, Tablettenblister, Dosen für Katzenfutter.

Bis zu 30 Tonnen sind es am Tag. Bis zu 7500 Tonnen im Jahr. Das ist so viel wie die Ladung von mehr als 2000 Lastwagen. Es ist aber nicht der ganze Plastikmüll der Stadt.

Die Sache mit dem Müll ist kompliziert, er wird an verschiedenen Orten gesammelt und in verschiedenen Behältern. Für den Plastikabfall sind zwei entscheidend: Die großen Container für Verpackungen aus Kunststoff, die neben den Containern für Glas und für Dosen stehen. In anderen Städten werden die Verpackungen im gelben Sack oder in einer gelben Tonne gesammelt, in München aber muss man zu den sogenannten Wertstoffinseln gehen.

Die Verbrennungsanlage will das Plastik nicht

Dort sammeln Klitnyy und seine Kollegen deutlich weniger Verpackungen ein, als in anderen Städten gesammelt wird - viele werfen ihre Verpackungen mit in den Restmüll, in die schwarzen Tonnen vor der Haustüre. Dann hat das Plastik nur einen kurzen Weg. Der Restmüll wird nicht noch einmal sortiert, sondern verbrannt. Es gibt dann keine Chance, dass Plastik recycelt wird. Zuletzt machten Kunststoffe etwa zehn Prozent im Restmüll aus, heißt es bei den Abfallwirtschaftsbetrieben - alle Arten von Plastik, nicht nur Verpackungen.

Der Müll wird im Heizkraftwerk Nord verbrannt, dort entstehen Strom und Wärme, lange galt es als unproblematisch, dass in den Öfen auch viel Plastik verbrennt. Das hat sich mittlerweile verändert. Am liebsten hätte man überhaupt keinen Kunststoff mehr im Müll, sagt Günther Langer von den Abfallwirtschaftsbetrieben. Das viele Plastik belaste das Kraftwerk - nicht, weil das Plastik zu schlecht brennt, sondern weil es zu gut brennt. Der Müll wird mit dem vielen Kunststoff zu heiß, die Temperatur im Ofen muss dann heruntergekühlt werden oder es kann nur weniger Müll verbrannt werden. "Wir sind überhaupt nicht scharf auf das Plastik. Recyceln ist die beste Lösung." Trotzdem aber kommt im Heizkraftwerk noch immer viel Plastik an.

Betriebsleiter der Firma Remondis, Norman Schmiedchen, am 23.11.2018 in München.

Norman Schmiedchen ist der Münchner Betriebsleiter der Firma Remondis.

(Foto: Jan A. Staiger)

Auf dem Platz von Remondis im Norden der Stadt steht neben dem großen Haufen aus Kunststoff, der immer noch größer wird, nun der Chef des Platzes. Norman Schmiedchen arbeitet für Remondis, und er weiß, wie es für den Plastikmüll weitergeht. Gerade taucht ein Kran in den Haufen, zieht einen Teil des Mülls nach oben und lässt ihn in einen noch größeren Laster fallen als den von Fahrer Klitnyy - die großen Laster bringen die Kunststoffe dann zu zwei Sortieranlagen, Richtung Freising. "Ich schätze, am Ende wird weniger als die Hälfte davon recycelt", sagt Norbert Schmiedchen.

Er wird Recht behalten. Es gibt tausend verschiedene Kunststoffe, sie können weich sein oder hart, transparent oder dicht, elastisch oder fest. Sie können so gut wie jede Eigenschaft annehmen, die man sich nur vorstellen kann, doch gerade das macht es so kompliziert, wenn aus altem Plastik neues Plastik werden soll. Verpackungen bestehen oftmals aus verschiedenen Kunststoffen, die man in den Sortieranlagen dann nicht mehr voneinander trennen kann, die meisten Anlagen können ohnehin nur zwischen den am meisten verwendeten Kunststoffen unterscheiden. Damit ein Stoff recycelt werden kann, muss es aber ein reiner Stoff sein - deshalb ist es zum Beispiel einfacher, Glas zu recyceln oder Papier.

Eine der Sortieranlagen liegt in der Nähe des Flughafens, betrieben von der Firma Heinz. Fast die Hälfte der Verpackungen aus den Containern der Stadt kommen dort an. Der Müll rattert dann von Station zu Station, Magneten ziehen das Blech heraus und Infrarotlicht scannt die Kunststoffe, um zu erkennen, ob es sich um Polyethylen handelt oder um Polyethylenterephthalat, besser bekannt als PET. Nur 38 bis 40 Prozent der Kunststoffe kommen weiter zu einer Recyclinganlage, wo der Müll noch einmal genauer sortiert werden wird, auch gewaschen. Aus dem alten Plastik entstehen dann zum Beispiel neue Plastikboxen oder Flaschen, Jacken oder Blumenkästen oder Lärmschutzwände. Das übrige Plastik wird verbrannt, genau wie der Restmüll.

Das Gesetz gibt in Deutschland vor, dass mindestens 36 Prozent aller Verpackungen aus Plastik recycelt werden müssen. In drei Jahren sollen es schon mindestens 63 Prozent sein. Gerechnet wird aber immer mit dem Müll, der in einer Recyclinganlage ankommt, dabei wird auch dort noch einmal aussortiert, was nicht verwendet werden kann. Die halb volle Ketchupflasche zum Beispiel wird auch erst in der Anlage gewaschen und das Ketchup zählt so mit in die Statistik. Bei den Abfallwirtschaftsbetrieben vermutet man, dass in Wahrheit maximal 20 bis 30 Prozent des Plastiks aus München recycelt werden. Wahrscheinlich sogar weniger.

Alexander Klitnyy drückt den Hebel, der Kran senkt sich. Er hebt den nächsten Container über den Laster. Plastiktage sind für Klitnyy gute Tage. Montag, Dienstag, Mittwoch. Freitag. Manche der Dosen, die er donnerstags abholt, explodieren, wenn sie im Inneren des Lasters zerdrückt werden. Dann brennt seine Ladung, er muss die Feuerwehr rufen, Stress. Der Plastikmüll ist ihm der liebste.

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