Süddeutsche Zeitung

Rechtsradikale in München:Neonazi Martin W. zurück in der Szene

Nach sieben Jahren in Haft ist Martin W., der frühere Chef der Neonazi-Vereinigung "Kameradschaft Süd", wieder frei. Nun plant er offenbar ein Comeback - als neuer starker Mann der Szene.

Monika Maier-Albang

Beim "Runden Tisch gegen Rechts" in Landshut, wo Martin W. seit Herbst wohnt, hatten sie schon im Februar vermutet, dass sich etwas anbahnt. "Er sucht wieder Kontakt", hatte man dort registriert - Kontakt zu den "Kameraden". "Werde nun all meine Kampfkraft in unseren nationalen Freiheitskampf investieren!", soll W. im Internet prophezeit haben.

Sieben Jahre hatte der frühere Chef der "Kameradschaft Süd" in Haft gesessen, verurteilt wegen eines geplanten Anschlags während der Grundsteinlegung für das Jüdische Gemeindezentrum in München. Nun ist er wieder frei - und zurück in der Szene.

In Erding wollte sich diese am Samstagabend versammeln, allerdings hat die Polizei das Treffen verhindert. Angekündigt worden war eine "1. Großveranstaltung aller rechten Gruppierungen der rechten Szene Münchens". Mit geplant hat das Treffen offenbar Martin W. Eine Bekannte von ihm hatte die Sportgaststätte angemietet, in der das Treffen stattfinden sollte. Der Gastwirt ahnte nicht, wer da kommen würde; angekündigt worden war ihm eine Marketingveranstaltung für Nordischen Sport.

Tatsächlich versucht W. derzeit, einen Internet-Kleidungsversand für "Nordic Sports" aufzubauen: schwarze T-Shirts, Stiefel, Szeneklamotten. Doch das dürfte nicht der Zweck des Treffens gewesen sein.

Die rechte Szene in München ist nach SZ-Informationen im Umbruch: Gerade sind einige kleinere Kameradschaften dabei, sich zusammenzuschließen. Einer der vormals Starken in der Münchner Kameradschaftsszene, Philipp Hasselbach, sitzt in Haft. Möglich, dass die Szene einen neuen starken Mann sucht - und Martin W. seine Chance.

"Nun will W. der große Integrator sein"

Wie groß der Einfluss W.s derzeit ist, darüber rätseln nun Beobachter und Sicherheitskräfte. Als "Märtyrer" stilisiere sich W. gern, seit er in Haft war, sagt ein Beamter - schließlich sei er wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung verurteilt worden, was ihn in der Logik der Rechten aufwerte, denn: "Davon gibt es nicht viele." Marcus Buschmüller, der Vorsitzende des antifaschistischen Dokumentationsarchivs Aida, spricht davon, dass W. in der Szene "Kultstatus" genieße - spätestens seit der Verhandlung wegen der Anschlagspläne.

Er habe nie abgeschworen, nicht ausgepackt, sei keinen Deal mit der Staatsanwaltschaft eingegangen, "das wird ihm hoch angerechnet". "Wenn es einer schaffen könnte, diese zerstrittene Kameradschaftsszene zusammenzubringen, dann eine Person wie W., die über den Streitigkeiten steht", sagt Buschmüller. Nach SZ-Informationen soll W. tatsächlich beim jüngsten Zusammenschluss der Kameradschaften eine "maßgebliche Rolle" spielen.

Der Verfassungsschutz und die Landeszentrale für politische Bildungsarbeit gehen auf ihrer Internetseite "Bayern gegen Rechtsextremismus" davon aus, dass es in München rund 80 Neonazis gibt, dazu an die 50 rechtsextremistische Skinheads und 100 Mitglieder rechtsextremistischer Parteien.

Lange waren die Gruppen und Kameradschaften zerstritten. Während W. im Gefängnis saß, hatten sich führende Köpfe wie Norman Bordin von der "Kameradschaft München" und Philipp Hasselbach von den "Freien Nationalisten" noch weiter voneinander entfernt.

"Nun will W. der große Integrator sein", sagt ein Beobachter.Immerhin sind dem Aufruf zum Treffen in Erding mindestens 67 Personen gefolgt - von so vielen nahm die Polizei die Personalien auf. Ob sie nur Kleidung kaufen wollten? Wie hatte W. noch während seiner Haft im Nazi-Blatt JVA-Report geschrieben: Künftig werde er seine "Erfahrung mit so vielen Kameraden wie möglich teilen und neue Wege im nationalsozialistischen Kampf gehen".

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SZ vom 12.04.2011/wib
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