Rechtsextremist Karl Richter in München:Unverhohlene Kontakte zu Martin Wiese

Lesezeit: 5 min

Besonders unangenehm ist es, dass die Anfragen offiziell beantwortet werden müssen. Wie regiert man auf eine Anfrage zum Thema Adressen und Sicherheitsvorkehrungen jüdischer Einrichtungen - wenn der Initiator ganz unverhohlen Kontakte zu Martin Wiese pflegt, dem Neonazi, der wegen seiner Attentatspläne auf das jüdische Zentrum am St.-Jakobs-Platz zu einer Haftstrafe verurteilt wurde? Was tun, wenn Richter wissen will, wie das US-Generalkonsulat bewacht wird?

BIA-Vorstöße werden von der Verwaltung stets knapp, aber juristisch unanfechtbar beantwortet. "Wir bleiben keine Antwort schuldig", betont der Oberbürgermeister. Beim heiklen Thema Sicherheit bleibt Richter dennoch ahnungslos. Da kann die Stadt nämlich darauf verweisen, dass dafür das Polizeipräsidium sowie als übergeordnete Instanz das Bayerische Innenministerium zuständig sind. Punkt.

Richter gilt keineswegs als harmloser Kleinbürger mit ausgeprägtem Rechtsdrall, sondern als waschechter Neonazi - deswegen ist die Stadt beim Umgang mit ihm so vorsichtig. Der NPD-Bundesvize ist bundesweit mit anderen Neonazis vernetzt, er pflegt enge Kontakte zu den Münchner Kameradschaften und verbreitet seine Thesen über die NPD-Zeitung Deutsche Stimme, deren Chefredakteur er ist.

Zudem gilt er als Parteiideologe, der sich auszudrücken weiß. Als die BIA im September vor Münchner Schulen Flugblätter verteilte, waren zwei gerichtlich verurteilte Gewalttäter mit von der Partie. Einer davon war Martin Wiese, der seine siebenjährige Haftstrafe inzwischen abgesessen hat.

Die BIA stellt sich gerne als kleine Gruppierung politisch Interessierter dar. Beim Verfassungsschutz gilt sie als Tarnliste der NPD, es gibt bundesweit mehrere Zusammenschlüsse dieses Namens. Als Pressesprecher hatte Richter einst den wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Haftstrafe verurteilten Neonazi Philipp Hasselbach verpflichtet.

Der BIA-Stadtrat wird vom Verfassungsschutz überwacht; er gilt als Schlüsselfigur der rechtsextremen Szene. Was wohl auch daran liegt, dass er mit einer gehörigen Portion Perfidie an die Sache herangeht. Seine Beiträge im Stadtrat sind oft inhaltlich wie sprachlich "haarscharf an der Kante dessen, was noch zulässig ist", hat Grünen-Fraktionschef Siegfried Benker beobachtet. Richters Antrags-Sortiment bildet eine Mischung aus unverhohlen rechtsextremen Vorstößen, aber auch Forderungen, die jede andere Partei genauso hätte erheben können. "Er gibt gerne den Kümmerer", sagt Benker. Eine klassisch rechtsradikale Strategie, um auch rechtsbürgerliche Kreise an sich zu ziehen.

Im Rathaus geht man dennoch davon aus, dass Richter vor allem innerhalb der eigenen Szene Aufmerksamkeit sucht. Denn bei vielen Vorstößen bemüht er sich nicht einmal um Tarnung. "Der Bezug zur NS-Zeit ist permanent da", sagt Marcus Buschmüller von der Fachinformationsstelle Rechtsextremismus. Richter hat schon ganz offen das Aus für das geplante NS-Dokumentationszentrum gefordert ("überflüssiges Millionengrab"). Der Hitler-Attentäter Georg Elser ist in seinen Augen ein "Bombenleger mit heimtückischer Tötungsabsicht".

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB